In Anbetracht der großen Einwohnerzahl ist China den meisten anderen Ländern rein zahlenmäßig überlegen. Auch wenn Chinesisch so gut wie nirgends außerhalb Chinas gesprochen wird, ist es die meistgesprochene Sprache weltweit.
Daher verwundert es auch nicht, dass China ungefähr 700 Millionen Internetznutzer hat. Das ist etwas mehr als das Achtfache der deutschen Einwohnerzahl. Diese Größenordnung muss man im Hinterkopf behalten, damit die folgende Zahl nicht allzu schockierend wird. Etwa 24 Millionen chinesische Kinder und Jugendliche sind onlinesüchtig und/oder abhängig nach Videospielen – was oftmals Hand in Hand geht. Für die Perspektive: Das sind circa 30 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung.

Die Einordnung in die entsprechenden Größenverhältnisse macht das jedoch nicht unbedingt besser. Denn auch wenn die Onlinesucht hierzulande oft noch belächelt und als nicht so schlimm abgetan wird, warnen Suchtforscher bereits seit Jahren vor den Gefahren. Das Suchtpotential wird nämlich nicht weniger, nur weil man es mit abstrakten Beschäftigungen und nicht mit realen Stoffen oder chemischen Verbindungen zu tun hat, die die „klassischen Drogen“ ausmachen.

Ebenso wie bei der Spielsucht und anderen Süchten, werden ähnliche Areale im Gehirn stimuliert, wenn man der entsprechenden Tätigkeit nachgeht. Ob das jetzt Heroin oder World of Warcraft ist, macht aus neurologischer Sicht keinen großen Unterschied. Wie der „Stoff“ selbst dann auf Körper und Geist wirkt, ist nochmal ein ganz anderes Thema.

Mehrere Stunden täglich sitzen die Zocker vor den Bildschirmen und legten sich in manchen Fällen sogar Windeln zu, um die Toilettenpause zu umgehen. Im Januar 2015 verstarb ein Mann nach einem dreitägigen Spielemarathon in einem Internetcafé in Taiwan.

Bereits 2012 wurde ein 23-Jähriger in Taipeh tot aufgefunden, nachdem er zehn Stunden am Stück gespielt hatte. Zwei Jahre zuvor verhungerte die Tochter eines südkoreanischen Pärchens, weil sie sich offensichtlich nicht vom Spiel lösen konnten. Das sind extreme Beispiele und eher Ausnahmen. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass Südostasien insgesamt ein kleines Problem mit der Onlinesucht seiner Bewohner hat.

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Die Gehirnaktivitäten eines Jugendlichen werden im Bootcamp überprüft – Bild: Fernando Moleres/Panos Pictures via news.com.au

Während Japan und Südkorea lange Zeit Vorreiter in Sachen Digitalisierung im asiatischen Raum waren, ist mittlerweile auch China recht flächendeckend ans Netz angeschlossen. Ein eigener Computer mit Internetanschluss ist jedoch noch ein teures Vergnügen, weshalb es gerade junge Menschen in die unzähligen Internetcafes zieht. Cybercafés, wie sie dort genannt werden, gibt es reichlich. Im Jahre 2011 waren etwa 144.000 Cybercafés in China registiert. Mittlerweile sind es wohl deutlich mehr.

Dass aus den exzessiven Spielern keine gesunden und eigenständigen Individuen heranwachsen, liegt auf der Hand. China hat daher, als eins der wenigen und ersten Länder der Welt, die Onlinesucht als medizinisch anerkannte Krankheit klassifiziert, wie bei uns etwa Alkoholismus. Ebenso sollen dort Maßnahmen ergriffen werden, die Lage wieder in den Griff zu bekommen und Chinas Jugendlichen davor zu bewahren, völlig in der digitalen Welt verloren zu gehen.

Wie andere Süchtige hält man einen Entzug für das Mittel der Wahl. Doch während bei den meisten Drogen physische Entzugserscheinungen auftreten und sich in körperlichen Schmerzen äußern, spielt sich in diesem Fall das Meiste im Kopf ab. Wie bei anderen psychischen Abhängigkeiten auch, ist der erste Schritt die Einsicht.
Viele Kids sehen in der stundenlangen Daddelei nämlich überhaupt kein Problem und gehen auf gutes Zureden ihrer Eltern oder Lehrer gar nicht erst ein. Dafür gibt es seit 2008 Bootcamps mit militärischen Strukturen, in denen den Jugendlichen nicht nur die Onlinesucht ab-, sondern unter anderem auch Disziplin antrainiert werden soll.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Internet-Entzug und Charakterbildung in einem

Die „eingewiesenen“ Teenager stammen größtenteils aus Familienverhältnissen, die am einen oder anderen Ende eines extremen Spektrums angesiedelt sind. Entweder kontrollieren die Eltern ihre Kinder und viele Bereiche derer Leben sehr stark, mitunter bis hin zu den sozialen Kontakten. Während auf der anderen Seite einige Familien als solche nur auf dem Papier existieren. Viele Eltern führen ein Geschäft oder sind anderweitig beruflich eingebunden, sodass die Kinder bei den Großeltern abgestellt werden und sie sich selbst kaum selbst um ihr Kind kümmern (können).

In beiden Fällen hat das negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, weshalb bei den meisten das geistige Alter vom biologischen abweicht – und zwar nach unten.
„Was sie zuhause nicht bekommen, bekommen sie im Netz. Dort können sie selbstbestimmt zum Helden werden und Dinge erreichen, die das kompensieren, was im echten Leben fehlt“, so Tao Ran, der Leiter von Chinas Youth Rehabilitation Base.

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Strammstehen für die Rehabilitation – Bild: youtube.com

Zur täglichen Routine im Camp gehört körperliche Ertüchtigung, Strammstehen – zum Teil für bis zu 20 Minuten, was der gekrümmten Haltung entgegenwirken soll, die aus stundenlangem, gebeugten Sitzen hervorging – aber auch Kurse in sozialer Interaktion und psychologische Einzelbetreuung stehen auf dem Plan.

Zu Beginn seien die meisten Teenager wütend auf ihre Eltern und den „Gefängniswärter“ Ran gleichermaßen. Sie fühlen sich eingesperrt, verraten und im Unrecht, da sie aus ihrer vertrauten Welt und weg vom Computer gerissen wurden. Nach und nach zeige sich jedoch eine Wandlung und einige verstünden allmählich, warum sie im Bootcamp landeten.

Originally posted 2016-07-07 12:08:15.