Der Grat zwischen Vergessen und Verdrängen ist ein schmaler. Es gibt Dinge, die zu vergessen passieren kann (Schlüssel. Hose. PIN-Code. Herd anlassen). Ebenso wie es Dinge gibt, die zu vergessen es lohnen kann (Schlüssel. Hose. PIN-Code. Herd anlassen).

Ein mit Menschen besiedeltes Viertel zu vergessen, scheint hingegen wenig wahrscheinlich. Wahrscheinlicher wohl eher, dass es aus dem Bewusstsein mancher verdrängt, sich von ihnen aktiv um eine Erinnerungslücke bemüht wird. Kamagasaki ist so ein verdrängtes Viertel. Nur wenige Kilometer südlich des Zentrums von Japans drittgrößter Stadt Osaka entfernt liegt des Landes größtes Elendsviertel. An denkbaren Superlativen einer der schlechtesten.

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Das schnelle Nachkriegswirtschaftswachstum Japans führte zu einem Boom der Baubranche und damit auch zu einer steigenden Nachfrage nach Tagelöhnern, die aus dem ganzen Land in „Arbeitsstädte“ wie Kamagasaki kamen. Ebenso, wie Japan wuchs, wuchs auch die Bevölkerung ebenjener Orte. Arbeit gab es reichlich, manchmal fast mehr als Arbeitskräfte. Doch wie meist, wenn geschrieben steht, dass alles so vielversprechend begonnen hatte, wurde aus dem Auf- ein Abstieg. In diesem Fall ausgelöst durch die Japankrise Anfang der Neunziger. Damals, als die wirtschaftliche Blase platzte, waren die Tagelöhner die ersten, die die Druckwelle zu spüren bekamen. Plötzlich mussten sie, die inzwischen gealterten, mit jüngeren Arbeitskräften konkurrieren, die durch die Krise „freigeschwemmt“ wurden. Ein Wettbewerb, den die Tagelöhner selten für sich entscheiden konnten.

Von Arbeitsstadt spricht heute keiner mehr. Heute ist Kamagasaki eine auf Wohlfahrt angewiesene Stadt. Etwa 25.000 Menschen leben noch immer hier. Solche, die ihren Arbeitsplatz in der Industrie verloren haben oder deren Geschäft bankrott gegangen ist, junge Schulabbrecher, verarmte Alte oder Aussteiger: Angestellte, die eines Tages nicht mehr zur Arbeit erscheinen, nicht nach Hause gehen, sondern an Orten wie Kamagasaki auf Gelegenheitsarbeit warten. Die Besserverdienenden (überhaupt-etwas-Verdienenden) leisten sich ein Zimmer in einer von Kamagasakis heruntergekommenen Unterkünften, etwa 30 Prozent der zumeist männlichen Bevölkerung sind obdachlos. Auf einen ähnlichen Prozentsatz kommt auch die dortige Tuberkulose-Infektionsrate, die mit drei Infizierten pro Hundert Einwohnern in etwa 30 bis 40mal über dem nationalen Durchschnitt liegt. Hinzu kommen Hepatitis C, Bluthochdruck, Alkoholismus, Depression und, weniger häufig (weil kostenintensiver), Drogenabhängigkeit.

Kamagasaki ist alles andere als ein Vorzeigeviertel. Keines, das dem aufstrebenden, dem jungen, dem innovativen, dem neonlichternen, fröhlich-karaokendem Japan schmeichelte.

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Und doch gehört es dazu. Japans größtes Elendsviertel und dessen betagte Einwohner. Sie, die halfen, Japan aufzubauen. Das Land, dessen um Wiederwahl besorgte Regierungsbeamte die „Bausünde“ Kamagasaki von amtlichen Karten entfernen ließen, sodass es offiziell also gar nicht existiert.

Vermittelt werden die Tagelöhner, die sich Morgen für Morgen in Hoffnung auf einen Job auf dem lokalen Arbeitsmarkt einfinden, meist von den Yakuza. Ausgerechnet von den Yakuza – Japans Mafia. Klar, dass die mafiöse Unterstützung keine selbstlose ist und die Yakuza nicht nur bei den Auftraggebern kassieren sondern auch bei den Vermittelten selbst. Aber wie es das Sprichwort sagt: „Beiß nicht die Hand, die dich füttert“, sind Kamagasakis Tagelöhner oft gezwungen, sich darauf einzulassen – scheint doch die dreckige Klaue der Yakuza erreichbarer als die (helfende) Hand der japanischen Regierung.

Natürlich ist Kamagasaki nicht der einzige Ort, an dem Armut herrscht; ist nicht das einzige Elendsviertel, das vergessen respektive verdrängt wird. Aber macht dieser Fakt die Situation irgendwie besser?

Originally posted 2014-07-02 19:29:56.