Straßen bekamen Namen, um sie voneinander zu unterscheiden. Ganz am Anfang unserer Siedlungsgeschichte war das noch nicht unbedingt nötig, denn es gab nur eine große Straße, die in eine Siedlung rein und auch wieder rausführte. Die wenigen Seitengässchen konnte man bedenkenlos unbenannt lassen. Doch umso größer die Dörfer wurden, umso mehr Straßen kamen hinzu, bis wir irgendwann in großen Städten lebten. Die Dimensionen und verwinkelten Pfade und Gassen machten eine Katalogisierung und gleichzeitige Benennung zur Orientierung unerlässlich.

Mittlerweile gibt es knapp 400.000 verschiedene Ortsbezeichnungen für Straßen, Plätze und Brücken. Zu Beginn waren diese fast ausschließlich beschreibend. Da in einer Straße oft eine bestimmte Handwerksgruppe und Zünfte residierten, bekamen sie ganz einfach den Namen Schustergasse, Müllergasse und ähnliches. Im Mittelalter wurden, gerade um Kirchen herum, viele Straßen nach Heiligen und den Schutzpatronen der Gemeinde benannt. Natürlich bekamen auch absolutistische Herrscher ihre eigenen Straßen. Diese Tradition wurde bis 1918 beibehalten, weshalb wir auch heute noch viele Ludwig-, Wilhelm- oder Friedrichsstraßen haben.

Doch die Städte wurden immer größer und so viele Kaiser hatten wir dann auch nicht. Nach und nach wurde die Namenswahl ausgeweitet und Straßen nach bestimmten Orten benannt. Das bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg beispielsweise hat neben der Augsburger, Bayreuther, und Ansbacher Straße noch einige mehr mit Bayern-Bezug. „Autorenviertel“ gibt es neben den Regionen ebenfalls.

Während des Nationalsozialismus wurden viele Straßennamen zu Propagandazwecken oder zur Machtdemonstration genutzt. Beispielsweise hatte bald jede deutsche Stadt eine Adolf-Hitler-Straße.

Nach Ende der NS-Herrschafft mussten viele Straßen wieder umbenannt werden. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zeigte sich auch in der Namensgebung, da man Anfang der 1970er Jahre viele Straßen nach Opfern oder offenen Gegnern dieser Gewaltherrschaft benannte. Gleichzeitig wurden andere Straßen kritischer betrachtet, da ihre Namensgeber bis heute umstrittene Persönlichkeiten sind.

Koloniale Straßennamen erinnern an eine unschöne Vergangenheit

Was man bei der ganzen Umbenennungs-Aktion jedoch oft übersah, waren die Straßennamen, die noch aus der Kolonialzeit stammen und an ebendiese erinnern. Unser deutsches Stadtbild und das ganz Europas ist geprägt von den Spuren unserer kolonialen Vergangenheit. Eroberte Gebiete, versklavte Einheimische und ausgebeutete Rohstoffe sind unterm Strich die größten Errungenschaften dieser Abenteuer.

afrikanisches viertel berlin

Bild: Bezirksamts Mitte Berlin,
Abt. Stadtentwicklung/Vermessungsamt

Darauf aufbauend seine Straßen zu benennen war damals natürlich ein logischer Schritt, da auch zu diesem Zeitpunkt die Wenigsten die Kolonialpolitik in Frage gestellt haben. Das ist mittlerweile anders und es kommt die Frage auf, warum diese Straßen auch weiterhin so heißen.

„In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Organisationen und Einzelpersonen aus Wissenschaft, Kunst und Politik für die kritische Kommentierung und – in besonderen Fällen – auch für Umbenennungen von Straßen mit Kolonialbezug ausgesprochen.“
freedom-roads.de

Viele Menschen denken darüber gar nicht nach, denn wem fällt schon auf, dass sich die Dar-es-Salaam-Straße auf die größte Stadt der Vereinigten Republik Tansania bezieht? Sie war von 1891 bis 1919 Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrika.

Genau deshalb soll dafür ein Bewusstsein geschaffen werden, damit sich in der öffentlichen Wahrnehmung zumindest eine Auseinandersetzung mit diesem Thema einstellt. Die CDU sieht den Ansatz darin, diese Straßen nicht umzubenennen, da diese mittlerweile historisch seien und im Gegensatz zu einem neutralen Namen weiterhin Anlass zu Diskussionen böte. So hält sie beispielsweise die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin aus diesen Gründen für „abstrus“ und „Unsinn“.

Die Wanderausstellung Freedom Roads setzt sich aktiv für eine postkoloniale Erinnerungskultur ein und kämpft für die Umbenennung der betreffenden Straßen. Auf ihrer Website leisten sie Aufklärungsarbeit, welche Straßen überhaupt mit deutschen Kolonien beziehungsweise Befehlshabern und Truppenkommandeuren der Kolonialzeit benannt wurden.

Darüber hinaus bieten sie ein Netzwerk aus Aktivisten, Initiativen und NGOs, sowie ein Diskussionforum für einen Austausch zum Thema.

Originally posted 2016-10-18 17:21:38.