Wenn ich groß bin, fahre ich zur See: mit meinem eigenen 3-D-Vaginakajak. Ob Megumi Igarashi schon als Kind davon träumte, in einem ihrem Geschlechtsteil nachgebildeten Kajak über Japans Gewässer zu paddeln, sei mal dahingestellt. Fest steht, dass sie dieses Projekt realisierte.

Ein Vaginakajak wider das Tabu

Um ein Zeichen gegen die Tabuisierung des weiblichen Geschlechtsteils in Japan zu setzen, kam die Künstlerin auf die mehr oder weniger naheliegende Idee des 3-D Vaginakajaks.

Während die Eine aus Verzweiflung Gründen ihre Brüste wiegen lässt, vermisst die Andere zwecks Enttabuisierung des Mankos (so das japanische Wort für das weibliche Geschlechtsteil) ihre Vagina.

Was mit den Busendaten passiert ist, wissen wir nicht. Aus den vaginalen jedenfalls entstand mittels 3-D-Drucktechnik ein überdimensionales Geschlechtsteilabbild. Ein bisschen handwerkeln, knicken und falzen später war es fertig: Megumi Igarashis 1A DIY 3-D-Vaginakajak namens Pussy Boat, mit dem die Künstlerin über Japans Gewässer kajakt. Beziehungsweise kajakte: Denn im Dezember vorigen Jahres wurde sie wegen des Vorwurfs der Obszönität verhaftet.

Dabei ist es nicht die manövrierfähige Plastikvagina sondern die Vorgehensweise, deretwegen Igarashi sich nun in Tokio vor Gericht verantworten muss. Denn in Japan ist das öffentliche Zeigen von Geschlechtsteilen untersagt. Genau das aber soll die arrivierte VaginArtistin nach Meinung der Anklage gemacht haben.

die Exponate ihres Gesamtkunstwerkes machen deutlich: VaginArt ist genau Igarashis Ding!

Um das aufklärerische Projekt Pussy-Boat finanzieren zu können, startete sie unter ihrem Künstlernamen Rokude Nashiko eine Crowdfunding-Kampagne und übermittelte einigen Investierenden als Gegenleistung einen Scan ihres Geschlechtsteils. Falls jene auch mal in der Künstlerin (Plastik)Vagina unterwegs sein und entsprechendes Kajak nachbauen wollten.

Wegen des gleichen Vergehens wurde Igarashi schon einmal im Juli 2014 arretiert, wenige Tage und eine vielfach unterschriebene Online-Petition später aber wieder aus dem Gewahrsam entlassen.

Nun drohen der 43jährigen Japanerin im Falle eines Schuldspruches bis zu zwei Jahren Haft und eine Geldstrafe von umgerechnet circa 17.000 Euro.

Billig vielleicht – obszön keinesfalls

Die Künstlerin bestreitet den Vorwurf der Obszönität. Ihre Arbeit möge manchem billig erscheinen und manchem vielleicht auch nicht als Kunst – obszön sei sie aber keineswegs.

Ihre Verhaftung sieht Igarashi als weiteren Beweis dafür an, wie rückständig in Japan mit weiblicher Sexualität umgegangen und dass diese noch immer lediglich als etwas dem männlichen Vergnügen dienliches wahrgenommen wird.

Und das in einem Land, dessen Pornoindustrie erfolgreicher ist, als je zuvor. Ein Land, das dem Penis und der penisinteressierten Bevölkerung mit Kanamara Matsuri ein eigenes Penis-Festival gönnt, bei dem einmal im Jahr ab(f)eiern kann, wer mag.

Und da sind sie wieder: zwei (leider) nach wie vor notwendige Diskussionen. Zum einen über künstlerische Freiheit – auch im Vergleich zu anderen Teilen der Welt, in denen das Verschicken von Genitalfotografien nicht so ein großes Ding ist– und zum anderen über Frauenrechte.

Zum Phallus schreinende Ungerechtigkeit

Phallus-Schrein, Penis-Festival, Kanamara Matsuri

der Schrein des Anstosses auf dem Penis-Festival Kanamara Matsuri

Weil: Entschuldigung? Penis-Festival mit Phallus-Schrein versus Verhaftung wegen auf eigenen Wunsch versandter Fotos des eigenen Geschlechtsteils?! Ernst-Haft?!

Wie auch immer das in den nächsten Monaten zu erwartende Urteil der Tokioter Richter ausfallen wird – Penis zählt mal wieder mehr.

(Ernüchterndes) Stößchen.

Originally posted 2015-04-24 18:17:23.