Katastrophen gibt es nicht erst seit Menschengedenken – seit dieser Zeit sind sie aber um ein Vielfaches häufiger und oft auch verheerender. Etliche Beispiele, die umgehend einfallen, zeugen davon. Eventuell zählt, aus verschiedenen Gründen, keines der nachfolgenden dazu:

Vergessene Katastrophen des 20. Jahrhunderts

1. Der Schoolchildren`s Blizzard von 1888Vergessene Katastrophen des 20. Jahrhunderts

via omaha.com

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Nachdem der Morgen des 12. Januar 1888 überraschend warm und klar war, machten sich viele Kinder in den Great Plains nahezu ohne Winterkleidung auf den Weg zur Schule. Im Laufe des Tages stürzte die Temperatur jedoch rapide ab – innerhalb weniger Stunden auf bis zu 40 Grad unter Null. Zudem begann es heftig zu stürmen und zu schneien. Aus Angst, in den Gebäuden eingeschneit zu werden und zu erfrieren,  wurde in vielen Schulen die folgenschwere Entscheidung getroffen, die Kinder nach Hause zu schicken … zu Fuß. Der nächste Morgen offenbarte das verheerende Ausmaß: Die eisigen Temperaturen und Schneemassen mit einer Höhe von bis zu fünf Fuß hatten 235 Menschen, überwiegend Kinder, in Nebraska, Dakota und in Teilen Minnesotas das Leben gekostet.

2. The Gillingham Fire Demonstration

via maidstoneandmedwaynews.co.uk

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Zum Programm der jährlich stattfindenden Parkfeier in Gillingham (Kent/England) zählte unter anderem die Vorführung einer Brandbekämpfung. Traditionell waren daran sowohl die örtliche Feuerwehr beteiligt als auch ein paar einheimische Jungs, die sich vielzählig um diese ehrenvolle Aufgabe bewarben. Für die Vorführung am 11. Juli 1929 wurde in einem eigens gebauten Holzhaus eine Hochzeitsfeier nachgestellt. In deren Verlauf sollte, so der Plan, im Erdgeschoss ein Rauchfeuer entfacht und die im dritten Stock feiernde Gesellschaft (6 Feuerwehrleute und 9 Jungs) über Leitern und Seile evakuiert werden. Anschließend sollte das Haus in Flammen gesteckt werden, um die Notwendigkeit von Feuerwehrschläuchen für die Brandbekämpfung zu demonstrieren. Durch einen Fehler brach jedoch zuerst das richtige Feuer aus. Vor den Augen der klatschenden und jubelnden Zuschauer, die dachten, es handele sich um Dummys, verbrannten alle 15 an der Demonstration beteiligten „Hochzeitsgäste“.

3. The Empire State Building Crash

Es bleibt nicht aus, dass man beim Empire State Building Crash auch an 9/11 denkt. Obwohl es sich bei der Katastrophe vom 28. Juli 1945 nicht um einen terroristischen Anschlag handelte und sie

By Bettman archive, Corbis

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vergleichsweise „glimpflich“ ausging, war sie doch nicht weniger tragisch. An besagtem Morgen des 28. Juli steuerte ein B 25-Leichtbomber von Bedford aus in Richtung Newark. An Bord waren der Pilot, sein Co-Pilot und ein Passagier. Aufgrund starken Nebels war Sicht quasi nicht vorhanden. So geschah es, dass die Maschine circa eine Stunde nach dem Start in das Empire State Building krachte und ein riesiges Loch in das 78te Stockwerk des Gebäudes riss. Dabei durchschlug einer der beiden Flugzeugmotoren sieben Wände und trat auf der gegenüberliegenden Gebäudeseite wieder aus. Der zweite Motor krachte in einen Fahrstuhlschacht, wodurch die Kabel durchtrennt wurden und die Aufzugskabine ungebremst ins Erdgeschoss raste. Als schließlich der Flugzeugtank explodierte, standen sechs Stockwerke in Flammen, während an der Außenseite des Gebäude brennendes Benzin hinab rann. Dass bei der Katastrophe „nur“ 14 Tote (darunter die drei Flugzeuginsassen) zu beklagen waren, lag wohl nicht zuletzt daran, dass das Unglück an einem Samstag geschah, an dem sich nur wenige Menschen im sonst gut besetzten Bürogebäude aufhielten.

 

Vergessene Katastrophen des 20. Jahrhunderts

4. Die Massenvergiftung von Basra

Vergessene Katastrophen des 20. JahrhundertsIm September 1971 erreichte eine Lieferung von 90.000 Tonnen Saatgut den Hafen von Basra im Irak. Amerikanische Gerste und mexikanischer Weizen, die, um sie haltbar zu machen, mit Methylquecksilber behandelt wurden. Um auf die tödliche „Glasur“ hinzuweisen, wurde das Getreide in leuchtend rosa eingefärbt und die Transportsäcke mit deutlichen Warnhinweisen versehen – allerdings nur in Englisch und Spanisch.

Es kam genau so, wie es nie hätte kommen dürfen: Das giftige Getreide wurde an die hungernde Bevölkerung verkauft. Das Rosa ließ sich problemlos abwaschen – im Gegensatz zum giftigen Methylquecksilber, von dem aber mangels Sprachkenntnis und also fehlenden Verständnisses der Warnhinweise niemand etwas ahnte. Bestürzt über die grobe Fahrlässigkeit, oder auch aus anderen Gründen, vertuschte die irakische Regierung diese Angelegenheit. Erst zwei Jahre später lieferte ein amerikanischer Journalist Beweise, dass aufgrund dieses Vorfalls 6.530 Fälle von Quecksilbervergiftung zu beklagen waren. Offiziell wurden lediglich 459 Tote bestätigt: nur ein Bruchteil des tatsächlichen Ausmaßes der Katastrophe, aufgrund derer weitere 10.000 Opfer vermutet wurden, die unter Langzeitschäden wie Blindheit, Taubheit und Hirnschäden zu leiden haben.

5. Die Schlangeninvasion von St. Pierre

Vulkanische Aktivitäten des Mont Pelé oberhalb von St. Pierre, auf der Karibikinsel Martinique, waren nicht unüblich und regelmäßig ohne weitere Folgen, sodass im April 1902 dort niemand den schwarzen Rauch und die Erdstöße des Vulkans ernst nahm:  abgesehen von Käfern, Waldameisen und riesigen, giftigen Hundertfüßlern, die, von den Explosionen aufgescheucht, aus den Wäldern die Hänge hinab flohen und an den Beinen dort beschäftigter Feldarbeiter wieder hinauf. Bald schon folgten den Insekten hunderte Schlangen, darunter hochgiftige Grubenottern. Rund 50 Menschen und 200 Tiere starben durch ihre Bisse.

Nun doch in Panik, versuchte die Bevölkerung St. Pierres zu fliehen, wurde aber auf Geheiß des Gouverneurs, der verkündete, St. Pierre sei absolut sicher, von bewaffneten Truppen wieder zurückgeschickt. Wenige Tage später, am 08. Mai 1902, fiel nahezu die komplette Bevölkerung St. Pierres, rund 30.000 Menschen, dem verheerendsten Vulkanausbruchs des 20. Jahrhunderts zum Opfer. Die Schlangeninvasion war also so etwas wie der giftige Vorbote einer todbringenden Katastrophe, bei der die Stadt innerhalb weniger Minuten fast vollständig vom Erdboden verschwand. Nur drei Personen, so heißt es, überlebten den Ausbruch des Mont Pelé.

Mont Pelé (und St. Pierre) vor dem Ausbruch ...

Mont Pelé (und St. Pierre) vor dem Ausbruch …

 

... während des Ausbruchs ...

… während des Ausbruchs …

 

... nach dem Ausbruch

… nach dem Ausbruch

6. Die Melassekatastrophe von Boston

Eine ganz andere Explosion ereignete sich am 15. Januar 1919. An einem für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmen Tag, genossen die in Bostons Northend Ansässigen die Mittagssonne, als plötzlich, nur mit einem dumpfen Grollen Vorwarnung, einer der riesigen gusseisernen Melassetanks explodierte, die dort, im damaligen Zentrum der Schnapsbrennerei, zuhauf lagerten.

Bis zu neun Meter war die Zuckersirupwoge hoch – oder – in Litern: 8,7 Millionen. Ein wahrer Melasse-Tsunami also, der innerhalb kürzester Zeit einen Großteil der Bostoner Innenstadt unter sich begrub. 21 Menschen wurden getötet und 150 verletzt.

Vergessene Katastrophen des 20. Jahrhunderts

Originally posted 2016-06-21 12:01:35.