„Haben Sie irgendwelche Superfoods als Topping für mein Müsli?“ fragte neulich eine Frau am Nachbartisch in einem Frühstückscafé in Kreuzberg. Ich schämte mich kurz fremd und murmelte ein „ich weiß, warum ich hier nicht mehr wohnen wollte“ in mich hinein. Im selben Moment fielen mir die Chia-Samen und Vitamin D Tropfen in meiner Küche ein, und ich war froh, meine Klappe nicht zu weit aufgerissen zu haben. Denn ja, auch ich nehme aufgrund fast veganer Ernährung einen Vitamin B Komplex ein, schlucke in den Winterzeiten Zink-Tabletten und streue Grünkohlpulver in meinen Smoothie.

Superfoods, Powersmoothies, Aminosäuren, Antioxidantien

Wie sind wir vor nur 20 Jahren ohne sie ausgekommen? Haben uns damals etwa die Vitamin C Kapseln und die Magnesium Brausetabletten am Leben gehalten? Nahrungsergänzungsmittel sind keine Erfindung der Millenials aber es kommt mir langsam vor, als wären sie vom Nebendarsteller zur Hauptfigur einer Ideal-Ernährung avanciert.

Es wimmelt nur so vor Nahrungsergänzungsmitteln, in den Drogerien kommt jedes Jahr ein neues Regal dazu, Online-Shops wie der nutrilife-shop.de boomen. Kein Lifestyle-, Frauen- oder Gesundheitsmagazin, das 2017 nicht euphorisch über irgendeinen Nahrungszusatz berichtet hätte.

Aber bringt es auch was, das Pillen schlucken, Pulver einrühren und Tee trinken?

Ich habe mal bei meiner Hausärztin, einer Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Phytologie und selbstverständlich im Internet nachgehakt.

Dass die Antworten recht unterschiedlich ausfielen, hat vielleicht damit zutun, dass die vielen Studien zur Verabreichung von Nahrungsergänzungsmitteln selten eindeutige Ergebnisse liefern. Denn wie das mit wissenschaftlichen so Studien so ist, je nach Frage, Versuchsaufbau und Dauer erhält man unter Umständen ziemlich gegensätzliche Aussagen. Da gibt es Befürworter wie Dr. Joel D. Wallach, der in der zusätzlichen Gabe von Selen, Vitamin E, Calcium und anderen Vitalstoffen die Chance auf eine Erhöhung der Lebenserwartung von mehreren Jahrzehnten sieht. Auf der anderen Seite des Grabenkriegs stehen Menschen wie der Doping-Fahnder Manfred Donike und der Physiologe Horst Pagel. Ihnen zufolge gibt es nichts, was unseren Urin teurer macht, als Nahrungsergänzungsmittel. 

Sowohl die Hausärztin und die Heilpraktikerin vertraten eine gemäßigtere Meinung zu dem Thema. Im Falle eines nachgewiesenen Mangels sei die Gabe von zusätzlichen Vitalstoffen sinnvoll, für einen gesunden Körper kann eine übermäßige Gabe von beispielsweise Eisen oder Vitamin A aber Herzinfarkte begünstigen und sich negativ auf die Leber auswirken. Das liegt vor allem daran, dass viele Ergänzungsmittel viel zu hoch dosiert sind.

Ist eine Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln also überhaupt sinnvoll?

Um den Teufel wieder ein bisschen von der Wand zu radieren, erklärten aber beide, dass es durchaus Fälle gibt, in denen die Gabe eines Zusatzpräparates hilfreich ist. Übereinstimmend nannten Hausärztin und Heilpraktikerin:

  • Folsäure  und Jod für Schwangere
  • Vitamin B Komplex für Veganer
  •  Eisen bei einem nachgewiesenem Mangel

Hierbei bezogen sie sich beide auf die Einnahme künstlich hergestellter Nahrungsergänzungsmittel. Wesentlich positiver schätzten beide den Konsum natürlicher Vitalstoffe ein. Darunter fallen auch die anfangs genannten Superfoods wie Chia Samen und Weizengras. Durch die natürliche Gewinnung ist die Gefahr einer Überdosierung kaum gegeben und damit auch die Möglichkeit Schaden anzurichten. Ob sie auch die erhoffte gesundheitsfördernde Wirkung erzeugen, ist nicht in allen Fällen so eindeutig geklärt wie zum Beispiel bei der Cranberry und ihren positiven Einfluss auf Blasentzündungen. Ob ein Zusatz den gewünschten Effekt erzielt, muss man manchmal auch einfach ausprobieren. Körper sind verschieden, also wer weiß, was bei mir gegen juckende Haut nichts bringt, verringert vielleicht deinen Haarausfall.

Meinen eigenen pseudowissenschaftlichen Beitrag zur Erforschung pflanzlicher Nahrungsergänzungsmittel leistete ich während meiner Abiturzeit, als ich mir 8 Wochen roten Ginseng reinzog, um mein Gehirn für die stressige Lernphase zu wappnen. Es war nicht so, als hätte ich plötzlich die ganze Nacht lernen können, oder als seien mir die physikalischen Formeln ins Blut übergegangen, aber aufgrund eines kleinen Details glaube ich bis heute daran, dass Ginseng mein Gehirn gestärkt hat. Ich wurde nämlich nicht mehr breit. Richtig gehört, ich konnte kiffen wie eine Blöde, mein Kopf wollte einfach nicht träge werden. Das Abitur habe ich übrigens mit 1,3 abgeschlossen. Geschadet hat es auf jeden Fall nicht.

 

Und die Moral von der Geschichte?

Etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun ist immer ein guter Impuls. Ob eine Multivitamin-Brausetablette deine täglichen Fast Food Schlemmereien zu neutralisieren vermag, ich bezweifle es. Wer  versucht gesünder und bewusster zu leben, aber aufgrund seiner Otto-Normal-Lebensumstände nicht jeden dritten Tag 300 Gramm Löwenzahn von der Wiese pflücken kann, der ist froh, wenn er die in der Drogerie oder Online bestellen kann. Da ich selbst wenig qualifiziert bin eine Meinung abzugeben, zum Abschluss der Rat der Heilpraktikerin; wenn du deine Ernährung oder eine medizinische Therapie unterstützen willst, mach es wenn möglich mit pflanzlichen, möglichst unbehandelten Produkten. Informiere dich vorab, mach dich schlau und übertreib es nicht. Und, ganz wichtig, verlass dich niemals darauf, dass du ohne ärztliche oder heilpraktische Rücksprache eine ernsthafte Krankheit allein mit einem Kräuterpulver behandeln kannst. Das mag in vielen Fällen funktionieren, aber lass das lieber eine Fachfrau entscheiden.

 

 

Photo credit: shannonkringen via VisualHunt.com / CC BY-SA

Originally posted 2017-10-14 09:38:21.