(zu finden in Heft Nr. 11, Seite 14)

 

Unsere kleine Milzbrand-Weltreise führt uns dieses Mal nach Kasachstan und Usbekistan. Zu einer niedlichen Insel die einen wirklich unaussprechlichen Namen hat, aber dafür einen mehr als passenden Kosenamen: Rebirth Island. „Wiedergeboren“ wird hier so einiges: diverse lustige Bakterienkulturen, aber auch die Verschmelzung der Insel mit dem Festland.

 

Vozrozhdeniya Island - Satellitenaufnahme

Paradies!

 

Die ersten begeisterten Touristen fanden sich schon 1936, in Form von Wissenschaftlern der Roten Armee, auf Vozrozhdeniya Island ein. Während der Rest der Welt nur argwöhnisch auf die expansionsgeilen Deutschen schaute, hatten die Russen im Süden ihres Landes eine kleine Insel entdeckt, auf der sie wunderbar ein Experimentier-Domizil errichten konnten. Der erste Aufenthalt im sonnigen Paradies am Aral See (im Sommer klettern die Temperaturen gerne mal auf 60° C) dauerte zwar nur lediglich zwölf Monate an, jedoch war klar, dass man wieder kommt. Um 1950 trafen dann abermals russische Wissenschaftler, zusammen mit Freunden vom Militär, ein. Ihr ehrgeiziges Ziel: der Aufbau eines russischen Disneylands für Killer-Viren! Daraufhin entstand im Süden der Insel ein Laborkomplex als Spielplatz für abenteuerlustige Wissenschaftler und für die destruktiven Raufbolde der Armee gab es im Norden spannende Kasernen und Flugfelder. Die Aufteilung, dass im Norden die Armee-Leute und im Süden Wissenschaftler mitsamt Virenkulturen untergebracht wurden, kam nicht von ungefähr: auf Rebirth Island weht der Wind immer von Norden nach Süden. Das heißt, dass die Weißkittelträger zum Einen immer zeitnah mitbekamen, wenn es „oben“ Bohneneintopf gab, umgekehrt aber die mitunter sehr unangenehmen Viren nicht die eigenen Soldaten befallen konnten –  zumindest nicht über die Luft. Heutzutage dürften deswegen die preiswerteren Hotels eher im Süden der Insel zu finden sein.

Aber bevor man eine Reise bucht, sollte man immer wissen was vor Ort auf einen wartet. Und das Viren-Portfolio auf Vozrozhdeniya Island kann sich wahrlich sehen lassen! Bis zu ihrem Abzug im Jahre 1992 waren die Russen mehr als fleißig und haben folgende Viren- und Bakterienkulturen gezüchtet und vor allem auch gelagert:

 

  • Tularämie, auch Hasenpest genannt. Die Sterblichkeit kann beim Menschen in ca. 30% der Fälle gewährleistet werden. Bei Nagetieren liegt diese deutlich höher. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man einfach einige (möglichst rohe) Hasenkeulen von befallenen Tieren verspeisen. Typische Symptome sind: hohes Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Lungenabszesse, Atemnot.

 

  • Brucellose, das Maltafieber oder markanter klingend: Morbus Bang (Bang-Krankheit). Der Erreger nimmt dabei vor allem die Leber aufs Korn. Die direkte Sterblichkeit hält sich zwar in Grenzen, aber männliche Reiselustige lesen sicher mit Interesse, dass eine Orchitis winken kann: eine Entzündung des Hodens. Mit etwas Glück nimmt man nach 14 – 21 Tagen Inkubationszeit eine Leberzirrhose als Souvenir mit. Weitere Symptome sind auch hier: Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit und Schweißausbrüche (Antitranspirant einpacken!).

 

  • Typhus. Sorgt für mehrere Wochen heißen Spaß in Form eines Fiebers, das fast so heiß ist wie die Temperaturen auf Vozrozhdeniya Island (mindestens 40°C). Damit einhergehend sind Bewusstseinsstörungen, Milzschwellung und Verzierungen der Haut in Form von rötlichen trendy Flecken auf dem Oberkörper. Aber auch pikantere Resultate sind möglich: Knocheneiterungen, Hirnhautentzündung, Darmperforationen oder gar Haarausfall. Inkubationszeit beträgt 8 – 14 Tage.

 

  • Botulinumtoxin, berühmt-berüchtigt unter dem Handelsnamen „Botox“. Für alle alternden Diven mit schmaler Brieftasche: auf Vozrozhdeniya Island gibt es Botox in seiner unverfälschten Reinform und in hohen Dosen! Anstatt nur bestimmte Gesichtsmuskeln zu lähmen, kann man mit herzhaftem Verzehr in 5 – 15 Stunden dafür sorgen, dass so ziemlich jeder Muskel gelähmt wird. Der Nebeneffekt, dass auch die Atmung davon betroffen ist, stört einen nur die ersten drei Minuten. Die kurze Reaktionszeit macht Botulinumtoxin perfekt für spontane Wochenendtrips!

 

  • Milzbrand, der Headliner auf jedem Killerviren-Festival: Anthrax. Die Sporen von Anthrax können sonnengeschützt sogar Jahrhunderte überstehen. Sind sie erst einmal im Erdreich angekommen, lauern sie dort auf unachtsame Lungen um tief eingeatmet zu werden. Gerade Lungenmilzbrand sorgt dafür, dass man ziemlich sicher den letzten Urlaub gemacht hat. Der septische Schock sollte danach nur drei bis sechs Tage auf sich warten lassen. Beliebte Symptome (bei Lungenmilzbrand): wieder einmal hohes Fieber, Schüttelfrost, Atemnot und Aushusten eines unschönen hochinfektiösen Sekrets. Ansonsten besteht die Möglichkeit Haut- oder Darmmilzbrand mitgehen zu lassen. Dazu am einfachsten die Haut dreimal täglich einreiben. Die nötigen Kanister lagern selbstverständlich in ausreichenden Mengen vor Ort. Um den Darm zu erreichen sollte man einheimische infizierte Tiere erlegen und ganz verwegen, wild und männlich roh verzehren. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass bei den letzteren Varianten die Mortalität nur zu 50% bei Darmmilzbrand und zu höchstens 20% bei direktem Hautkontakt garantiert werden kann!

 

Das sind natürlich nur fünf der wichtigsten Aushängeschilder. Wir sind davon überzeugt, dass findige Abenteuer-Urlauber noch den einen oder anderen Überraschungs-Virus vor Ort ausfindig machen werden. Denn großzügiger weise, haben die russischen Gründungsväter die Anlagen nahezu unangetastet und voll möbliert 1992 verlassen. Damit wird Geschichte anfassbar! Wandeln Sie durch die Forschungseinrichtungen und bewundern Sie zeitgenössische Laborbaukunst: Formschöne leckende Behälter mit sichtbaren und unsichtbaren Substanzen, oder Original-Käfige für Versuchstiere wie Affen, Hamster, die obligatorischen Mäuse, Schafe, Pferde und und und. Gut möglich, dass Sie die Artenvielfalt direkt an den Skeleten in den Käfigen bestimmen können! Und wenn Sie ein lebendes Exemplar von Was-Auch-Immer entdecken: Gönnen Sie sich ruhig eine Auszeit, mit einem saftigen Was-Auch-Immer-Steak – schön blutig, versteht sich!

 

Laborbehälter

Prost!

 

Aus rechtlichen Gründen muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass Vozrozhdeniya Island nur noch eine Pseudo-Insel ist. Das Reiserücktrittsrecht wegen „irreführender Bezeichnung“ kann hiermit nicht mehr wahr genommen werden! Urlaubsinteressenten, die erst jetzt aufgrund unserer Empfehlung auf den Geschmack des Idylls kommen, sparen sich zumindest die Fährentaxe. Leider schrumpft der Aral See kontinuierlich, jedoch sollte man den einen oder anderen Blick aufs Wasser erhaschen können. Aber der Taucherurlaub zu versunkenen radioaktiven Stoffen steht ja schließlich auch erst im nächsten Jahr auf dem Programm!

Vozrozhdeniya Island

Hier holen Sie sich keine nassen Füße!

Mit der natürlichen Anschließung ans usbekische Festland im Süden der Insel wurde auch eine Brücke für Tiere und Insekten geschaffen. Diese können nun endlich auch Artgenossen im Landesinneren an den tollen russischen Errungenschaften teilhaben lassen. Mit der Austrocknung entfiel ungünstiger weise die Kontrollierbarkeit des Kontaminationsbereichs. Hatte man es als kleiner Bauer in der Region nie einfach wegen des stetig südwärts blasenden Windes, ist das Leben jetzt zu einem Glücksspiel der besonderen Art geworden. Da passt der Ausdruck „Russisch Roulette“ im doppelten Sinne! Die sowjetischen Erblasten sind jedenfalls sicher noch einige Jahrzehnte omnipräsent – wenn auch nicht immer „sichtbar“!

 

Das komplette SLEAZE-Team wünscht tolle Ferien

 

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Pascal Scheib

Originally posted 2011-09-01 13:37:05.