Die Elektrizität: ein Wunderding der Natur. Gerade noch überrascht, wie sie quasi aus dem Nichts erwächst, wird im nächsten Moment schon drauflos elektrizitätet. Mittels der Methode „Versuch macht klug“ gilt es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich das physikalische Phänomen nutzen oder auch missbrauchen lässt und wo noch Optimierungsbedarf besteht.

Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so bleiben. Zumindest der erste Teil des Satzes kann, bei nicht allzu pedantischer Auslegung der Zeitangabe „immer“, durch einige Beispiele verifiziert werden.

Anwendungsmöglichkeiten von Elektrizität: nicht alles taugt zur Strömung

1. Vibrator olé, Beschwerde adé

Mit VibratoreAnwendungsmöglichkeiten von Elektrizitätn nicht nur von Beschwerden ablenken, sondern sie heilen – und zwar eine Vielzahl von Beschwerden: egal ob Falten, Rheumatismus, Rhinitis, Schuppen oder auch Magenverstimmungen. Dies zumindest wurde zu Beginn des 20ten Jahrhunderts proklamiert. Ursprünglich wurde der Vibrator als medizinisches Gerät entwickelt, das Verspannungen lösen und so der als Erkrankung angesehenen, sogenannten „weiblichen Hysterie“ vorbeugen sollte.

Weil es sich nicht schickte, sie ausschließlich zur Masturbation zu nutzen, blieb die Werbung lange Zeit verschleiernd und Vibratoren wurden seinerzeit als Geräte zur Hautpflege, Hygiene und als nahezu magische Heilinstrumente angeboten. Durch die an verschiedenen Körperstellen angewendete Vibrationsfunktion würde, so versprach es die Werbung, das Muskelwachstum gefördert, die Hörfähigkeit wiederhergestellt, Kopfschmerz gestoppt und Erkältungen vorgebeugt werden können.

 

2. Let`s get electrified – Strom als Breitensport

Im 18ten und 19ten Jahrhundert wollten alle Elektrizität erfahren – und zwar möglichst am eigenen Leib.Anwendungsmöglichkeiten von Elektrizität So war beispielsweise Frankreichs Bevölkerung Mitte des 19ten Jahrhunderts ganz versessen darauf, sich von den eben erfunden Generatoren freiwillig eine Ladung Volt verpassen zu lassen. Wenig verwunderlich waren zu dieser Zeit Annoncen von Schaustellern, die damit warben, Freiwilligen nur der Unterhaltung wegen Stromschläge zu verpassen.

Die ersten, die sich für Eigenleibstrom interessierten, waren aber Menschen aus Wissenschaft und Forschung, die sich durch das Messen und Erfahren der Stromstärke geheimnisvolle Erkenntnisse versprachen. Dafür nahmen sie auch „Nasenbluten, Kopfschmerzen, Krämpfe und stundenlanges Schütteln“ in Kauf. Entweder für sich selbst, oder, wie im Fall des deutschen Forschers Johann Heinrich Winckler, für die eigene Frau. Obwohl er sie ganz sicher mehr liebte als sein eigenes Leben und so … Um nämlich die von ihm entdeckten und selbst erlittenen Nebenwirkungen zu verifizieren, versetzte er seine Frau zweimalig unter Strom.

3. Stromhoden – von Elektroden und Elektrohoden

Auch im 20ten Jahrhundert waren Menschen ganz verrückt nach stromverursachten Schmerzen. Gedacht sei hier an den „menschlichen Tausendfüßler“, ein Folterinstrument, das 1928 kreiert wurde.

via phoenixmasonry.org

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52 Dollar kostete das Ungeheuer, welches auf Wunsch des zuvorderst sitzenden Herren jederzeit elektrische Stöße direkt in die Genitalien der weiteren Aufsitzenden abgab. Dass nur Herren aufsaßen war darin begründet, dass „The Human Centipede“ eines jener „rituellen Spielzeuge“ war, die von vielen der im Amerika der 20er und 30er Jahre beliebten Geheimgesellschaften zur Einführung und scherzhaften Folterung von neuen Mitgliedern genutzt wurden. Fun, Fun, Fun.

4. Katzen-Akku statt Batteriehase

Anwendungsmöglichkeiten von ElektrizitätLange bevor es werbetaugliche Batteriehasen gab, gab es den Katzen-Akku. Hieß zwar nicht so, stört aber nicht. Die Idee, Energie toter Katzen nutzbar zu machen, entstand mit Erfindung eines Gerätes namens Electrophor im Jahre 1764 durch Johan Carl Wilcke.

Dieser (der Electrophor) besteht aus zwei Teilen: einer MetAnwendungsmöglichkeiten von Elektrizitätallplatte mit isoliertem Griff und einer geerdeten, metallenen Grundplatte, die mit einer elektrisch nicht leitenden Schicht bezogen ist. Einmal aufgeladen, erzeugt der Electrophor scheinbar endlose Mengen an Strom. Und wie kann man ihn aufladen? Selbstverständlich mit einer toten Katze. Deren lebloser Körper bzw. ihr Fell wurde einfach auf der elektrisch nicht leitenden Schicht gerieben.

Und wozu? Um elektrische Ladungen zu trennen und hohe elektrische Spannungen zu erzeugen, denn dafür ist der Electrophor da. Praktischen Nutzen dürfte das Gerät nicht gehabt haben. Es diente überwiegend zur Grundlagenforschung.

Genauer erklärt es Wikipedia.

5. Es leeeeeeebt – zumindest hinte(r)nrum

Anwendungsmöglichkeiten von ElektrizitätDie Idee, Körperteile durch Elektrizität zum Leben zu erwecken, entstammte nicht etwa dem Kopf der Frankenstein-Erfinderin Mary Shelley, sondern der Wissenschaft ihrer Zeit. Einer der ersten, der versuchte, Leichen durch Stromschläge wiederzubeleben, war Giovanni Aldini. Der Neffe von Luigi Galvani (seines Zeichens Experte auf dem Gebiet der Froschschenkelelektrizität), beschaffte sich hierfür die Körper hingerichteter Krimineller, um dort in jeder nur denkbaren Körperöffnung [sic] Stromkabel zu platzieren. Bei einer öffentlichen Demonstration schlug, nachdem dessen After mit Strom versorgt wurde, ein Leichnam die geballte Faust in die Luft, gerade so, als sei er wütend. Wer kann`s ihm verdenken.  

6. Lasset die Liebe strömen

via twonerdyhistorygirls.blogspot.de

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Dem schottischen Arzt aka Quacksalber James Graham war es ein besonderes Anliegen, das Sexleben verheirateter Paare zu verbessern. Dabei wollte er nichts dem Zufall, alles aber der Elektrizität überlassen. Im Jahre 1779 gründete er in London seinen „Temple of Hymen“. Das dortige Interieur war meist ebenso luxuriös wie elektrisch. Als Prunkstück galt das prachtvoll mit Gold und Seide verzierte, etwa dreieinhalb Meter lange und zweieinhalb Meter breite „Himmlische Bett”. Dieses war mit Magneten unterfüttert, die über die stützenden Glassäulen ihre kraftvolle Wirkung entfalten sollten. Zudem konnte, wer sich himmlisch bettete, erregende orientalische Düfte einatmen und zauberhafte Musik vernehmen. Impotente, darin schlafende Personen, so hieß es, sollten dank all dieser Annehmlichkeiten ihre Zeugungsfähigkeit wiedererlangen und bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches unterstützt werden. Tusch – ein Magnetfeldkind.

7. Blitzableiter für Modebewusste

Anwendungsmöglichkeiten von Elektrizität1769 war`s, als in Norditalien der Blitz in ein Waffenlager einschlug und die nachfolgende Explosion 190 Häuser zerstörte.Und das alles nur, weil der von Benjamin Franklin erfundene Blitzableiter fehlte.Dies hatte eine Vorsorge-Überreaktion in Europa zur Folge. Fortan wurde alles mit Blitzableitern versehen, was nicht selbst schon einer war. Selbst Accessoires wie Hüte oder Schirme blieben davon nicht verschont. Derlei Mode mag gegen direkten Blitzeinschlag geholfen haben, feite aber wohl kaum vor blitzverursachtem Baumeinschlag.

 

8. Elektrisches Bürsten wider die Verstopfung

ElektrischAnwendungsmöglichkeiten von Elektrizitäte Bürsten waren beliebtes Utensil in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts. Außer, dass diese von Dr. George A. Scott erfundene Bürste, in deren Griff sich magnetisierte Stäbe befanden, angeblich Haarausfall und Schuppen heilte, sollte sie ebenfalls von Kopfschmerzen,Rheumatismus und Verstopfung befreien. Von was auch immer. Wie auch immer.

via www.medicalbillingschool.org

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Voraussetzung war, so verlangte es die Werbung, dass die Bürste von nie mehr als exakt ein und derselben Person benutzt würde. Denn nur so behielte die Zauberbürste ihre kurative Wirkung. Sollte also irgendwas mit der Heilung nicht geklappt haben, war wohl heimlich eine fremdbürstende Person zugange.

 

9. Der Klassiker: elektrisierte Frauenunterwäsche

1889, wenige Jahre nach Erfindung der elektrischen Bürste, entzückte ebenjener Dr. Scott mit einer weiteren Verkaufsidee: dem elektrisierten Korsett. Dieses sollte, so versprach der quacksalbende Elektropionier, Krankheiten abwehren und sämtliche körperliche Beschwerden heilen. Egal ob Probleme mit Leber oder Nieren, Wirbelsäulenbeschwerden oder, klar, Rheumatismus. Zudem könne es jede nur gewünschte Figur formen. Das mag abhängig vom Atemluftbedarf gestimmt haben. Je nach Atemluftbedarf. Im Gegensatz zu vielen Schrotterfindungen Dr. Scotts war das Korsett ausnahmsweise wirklich von elektrischer Qualität:Laut Patent waren Metallbänder mit galvanischer Wirkung darin verarbeitet.

via www.starling-fitness.com

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Originally posted 2016-06-08 13:02:39.