Dostojewski hatte recht, als er einmal sagte – oder wahrscheinlich schrieb – dass man den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft an ihrem Umgang mit ihren Gefangenen messen könne.

Zumindest wird ihm dieses Zitat zugeschrieben und anders als die nicht vollständig belegte Urheberschaft dieser Erkenntnis, ist ihr Wahrheitsgehalt weniger streitbar.
Nicht umsonst gibt es ein internationales Kriegsrecht, das sogar den Umgang mit Kriegsgefangenen vorschreibt. Das ist der Feind, der einige Kilometer weiter an der Front mit schwerem Gerät bekämpft und getötet wird … und dennoch begegnet man ihm mit einem Mindestmaß an Respekt und Menschlichkeit, wenn er in Gefangenschaft gerät.
Es steht außer Frage, dass das in der Vergangenheit nicht immer vorkam und es bei nahezu jeder Kriegspartei in der Geschichte Fälle gibt, die diese Vorgaben nicht nur missachteten, sondern sogar Gegenteiliges taten.

In Friedenszeiten sperrt man die Feinde der gesellschaftlichen Grundordnung und des friedlichen Zusammenlebens ein – und gewährt ihnen ebenso Rechte.
Denn nur weil man als verurteilter Verbrecher eine Strafe hinter Gittern absitzt, bedeutet dass noch lange nicht, dass man seine Menschenrechte einbüßt.
Es dürfen beispielsweise keine Gefangenen gefoltert werden – auch dann nicht, wenn ihnen essentielle Informationen, beispielsweise über den Verbleib von Diebesgut oder einer Leiche, entlockt werden sollen.
Auch wenn das Leben einer entführten Person auf dem Spiel steht oder andere brenzlige Situationen dazu verleiten würden. Vor allem in Krimiserien provoziert dies oft ein hartes Vorgehen und dann werden schon mal beide Augen zugedrückt. Man legt das Gesetz sehr flexibel aus, wenn es nicht direkt gebrochen wird. Meist haben die Film-Cops die Zuschauer auf ihrer Seite, denn wenn man abwägen muss, ob man dem unsympathischen Übeltäter ein paar Finger bricht oder unschuldige Kinder sterben lässt, ist das mit Moral und Ethik plötzlich nicht mehr allzu wichtig.

Zugegeben, das sind schwierige Fragen und man bewegt sich sehr schnell auf philosophischem Terrain, wenn man versucht, eine Antwort darauf zu finden. Doch worum es hierbei geht, ist etwas anderes.
Kein Zeitdruck, niemand muss mehr gerettet werden, die Sache ist gelaufen und der Täter verurteilt. Die Strafe in Form von Freiheitsentzug wird verhängt und angetreten.

Doch die Art, wie dieser Freiheitsentzug umgesetzt wird, ist entscheidend – entscheidet sie nämlich über oben genannten Grad der Zivilisation.

Möge er in der Hölle schmoren„, ist ein oft auf Kinderschänder und Täter ähnlicher Verbrechen angewandter Satz und auch durchaus nachvollziehbar. Vor allem aus Sicht der Opfer und ihrer Angehörigen. Dies jedoch umzusetzen, verstößt nicht nur gegen die Verfassungen der meisten Staaten, sondern auch gegen die Menschenrechts-Charta der UN.

Dennoch werden Häftlinge oft von der Außenwelt und sozialen Kontakten isoliert und auf kleinstem Raum untergebracht, was nach einiger Zeit einer Hölle durchaus nahe kommen kann.
Die Isolierung eines Gefangenen kann sinnvoll sein und zum Beispiel Absprachen mit Mithäftlingen oder eine Selbst- bzw. Fremdgefährdung verhindern. In dieser Form ist die Isolationshaft allerdings temporär begrenzt und dient einem offensichtlichen Zweck. Setzt man einen Menschen jedoch über Jahre der Einsamkeit aus, hat dies nicht nur psychische, sondern sogar physische Folgen.

In Deutschland ist die Isolierungshaft nicht explizit geregelt, wie das bei der Einzelhaft der Fall ist. Sie kann aus Sicherheits-, Ordnungs- oder disziplinarrechtlichen Gründen angeordnet werden und wird aus genannten Gründen, sowie bei terroristischen Straftätern eingesetzt.

„Diese Form der Einzelhaft ist zeitlich vom Gesetz nicht begrenzt, sondern darf, wie alle anderen Sicherungsmaßnahmen, solange aufrechterhalten werden, als es ihr Zweck erfordert“ [§88 Abs.5 StVollzG]

Das kann dazu führen, dass diese „Absonderung“ Jahre oder gar Jahrzehnte andauert, wie das in der Justizvollzugsanstalt Celle passierte. Dort saß Günther Finneißen fast 16 Jahre lang – völlig allein, von der Außenwelt und jeglichen sozialen Kontakten abgeschottet, in einem circa neun Quadratmeter großen Raum.

Da die rechtlichen Rahmenbedingungen der isolierten Unterbringung gesetzlich nicht geregelt sind, werden sie quasi weltweit im offiziellen und inoffiziellen Justizvollzug ohne Rechtsgrundlage angewandt. Menschenrechtsorganisationen klassifizieren die Isolationshaft als Foltermethode.

Ohne rechtliche Regelung können sich unmenschliche Situationen ergeben, die beispielsweise in den USA mittlerweile zum Standard gehören. Aufgrund überfüllter Gefängnisse ist die isolierte Einzelhaft dort oft nicht mehr ganz so einsam, wie ihre Definition vermuten lässt. Aus Platzmangel werden in vielen Justizvollzugsanstalten zwei Häftlinge in einer Zelle untergebracht. In den gleichen Zellen, die für eine Person bereits fast zu eng sind, sitzen nun zwei Menschen für 23 Stunden am Tag zusammen.

Menschen, die nicht mehr viel zu verlieren haben, da ihre Taten in Freiheit und ihr Verhalten im Gefängnis zu dieser Haftsituation führte. Zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder, die ihre Mitgefangenen regelmäßig angreifen, in die Isolation zu verbannen, ist ein nachvollziehbarer Gedanke. Jedoch ist er nicht ganz zu Ende gedacht. Vor allem dann nicht, wenn man einen weiteren Häftling dazu steckt.
Die Isolationszellen heißen nicht umsonst „Löcher“, denn auf knapp 15 Quadratmetern ist lediglich ein Waschbecken, eine Toilette und eine Bettkonstruktion untergebracht. Für mehr reicht der Platz nicht, denn die Zellen sind sogar zu eng, um Liegestütze zu machen. Wenn zwei Häftlinge in diesem Raum sitzen, können beide nicht gleichzeitig aufstehen, so beengt ist der Platz.

isolation zelle

Bildquelle: The Marshall Project

Müsste man sich diesen kleinen Raum nur zum Schlafen teilen, wäre das schon ein Grund zur Beanstandung. Doch in der Isolationshaft bekommt man keine Alternative zu seinem Aufenthaltsort geboten und außer zwei Duschgängen pro Woche und einer halben Stunde Freigang im Hof, gibt es keinerlei Abwechslung. Man ist allein mit sich und seinen Gedanken. Im noch schlimmeren Fall ist man allein mit einem weiteren Straftäter und schaut sich gegenseitig beim Klogang zu.

Wer auch immer diesen Plan entworfen hat, kann nicht erwartet haben, dass er funktioniert.

Die Non-Profit Plattform für kritischen Journalismus über das US-amerikanische Justizsystem namens The Marshall Project erzählt die Geschichte über den Fehlschlag dieses Plans anhand anschaulicher und bedrückender Beispiele. Dadurch wird deutlich, dass der Ruf nach Vergeltung schnell ertönt, die Konsequenz daraus aber auf mehreren Ebenen bedenklich und kompliziert wird.

Im Allgemeinen degradiert die Öffentlichkeit die Täter besonders grausamer Verbrechen zu niederen Geschöpfen. Man macht sie auf sprachlicher Ebene zum Tier, bezeichnet sie als „Monster“ oder „Bestie“ und spricht ihnen die Menschlichkeit und sogar ihr Recht auf Leben ab.
Was sagt das über uns als Gesellschaft aus, wenn wir diese Verbrechen derart verteufeln, bei deren Bestrafung aber selbst all die moralischen und ethischen Übereinkünfte vergessen, die eben nicht nur besagte Charta der Vereinten Nationen hervorgebracht hat, sondern die zudem den Menschen als vernunftbegabtes Wesen vom triebgesteuerten Tier abgrenzen.
Da sind wir wieder bei der Philosophie angelangt und ich vermag es nicht, diese Frage adäquat zu beantworten.

Die Auswirkungen der Isolationshaft auf den menschlichen Organismus

„Die akuten und langfristigen, zum Teil chronischen Folgen von Isolationshaft sind, je nach Länge, Art und Ausmaß der Deprivation, unterschiedlich. Ebenso finden sich individuelle Unterschiede dahingehend, wann Folgen der Isolationshaft bei einem Menschen auftreten, nicht jedoch, dass sich Auswirkungen zeigen.“, ist bei Wikipedia zu lesen. Die Folgen der Isolierung machen deutlich, warum diese Haftbedingungen als Foltermethoden verstanden werden. Die Liste ist lang und erschreckend:

  • Erhebliche Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit des vegetativen Nervensystems:
    • erhebliche Störungen im Hormonhaushalt
    • Beeinträchtigung von Organfunktionen
    • Ausbleiben der Menstruation bei Frauen ohne physiologisch-organische, alters- oder schwangerschaftsbedingte Ursache
    • verstärktes Gefühl, essen zu müssen: Zynorexie/Heißhunger
    • im Gegensatz dazu Verringerung oder Ausbleiben des Durstgefühls
    • starke Hitzewallungen und/oder Kältegefühle, die sich nicht auf eine entsprechende Veränderung der Umgebungstemperatur oder auf eine Erkrankung (Fieber, Schüttelfrost o. ä.) zurückführen lassen
  • erhebliche Beeinträchtigung der Wahrnehmung und der kognitiven Leistungsfähigkeit (was insbesondere im Hinblick auf Gerichtsverfahren/Strafverteidigung Probleme schafft)
    • starke Störung der Verarbeitung von Wahrnehmungen
    • starke allgemeine Konzentrationsschwierigkeiten
    • starke Schwierigkeiten bis hin zum Unvermögen, zu lesen bzw. das Gelesene gedanklich zu erfassen, nachzuvollziehen und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen
    • starke Schwierigkeiten bis hin zum Unvermögen, zu schreiben bzw. Gedanken schriftlich zu verarbeiten (Agraphie/Dysgraphie)
    • starke Artikulations-/Verbalisierungsschwierigkeiten
    • starke Schwierigkeit oder Unvermögen, Gesprächen zu folgen (nachgewiesenermaßen aufgrund einer Verlangsamung der Funktion des primären akustischen Kortex der Schläfenlappenanteile aufgrund von Reizmangel)
  • Gesundheitliche Langzeitfolgen:
    • soziale Kontaktstörungen bis hin zur Unfähigkeit, emotional enge und langfristige partnerschaftliche Beziehungen einzugehen
    • Depressionen
    • Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls
    • Wiederkehren der Haftsituation in Träumen
    • behandlungsbedürftige Störungen des Blutdrucks
    • behandlungsbedürftige Hauterkrankungen
    • Nichtwiedererlangen von insbesondere kognitiven Fähigkeiten (z. B. im Bereich der Mathematik), die vor der Isolationshaft beherrscht wurden

Die Vorstellung allein ist grauenvoll und auch wenn eine Strafe natürlich sein muss, scheint diese Form nicht zwangsläufig die richtige zu sein. Denn mit diesen teilweise bleibenden Schäden werden Häftlinge entlassen und nach Jahren der Isolation unmittelbar mit der Realität konfrontiert.

Eine Resozialisierung und die entsprechende Eingliederung in gesellschaftliche Strukturen, die das eigentliche Ziel nach abgesessener Strafe sein sollte,  ist somit recht unrealistisch. Und tatsächlich landet die Mehrheit der aus der Isolationshaft entlassenen Menschen in den USA bereits nach kürzester Zeit wieder im Gefängnis.

Da beißt sich dann die Katze in den eigenen Schwanz und wir bekommen es mit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu tun. Die Argumente der Resozialisierungsgegner, die überzeugt sind, dass, wer einmal kriminell ist, es bis zum Lebensende bleibt, werden weniger gewichtig, bedenkt man, dass zusätzlich massive Defizite auf geistigem sowie körperlichem Niveau geschaffen werden, die zu einer noch stärkeren und schnelleren Verrohung der meist ohnehin sozial inkompetenten Menschen führen, die dann in dieser noch bedenklicheren Verfassung unvorbereitet zurück ins Leben geworfen werden.

Originally posted 2016-05-19 20:21:07.