Vorurteile verdanken ihren Namen dem Umstand, dass im Vorfeld (meist abwertend) über eine Person, Sache oder Meinung geurteilt wird. Die kommen oftmals nicht einfach aus heiterem Himmel, jedoch handelt es sich dabei um eine meist wenig reflektierte Meinung – ohne verstandesgemäße Würdigung aller relevanten Eigenschaften eines Sachverhaltes oder einer Person und bedeutet nicht: Ihr. Alle. Immer.

Glücklicherweise hat sich das im Laufe der Jahrhunderte (hat auch lang genug gedauert) schon recht weit herumgesprochen. Dennoch gibt es auch immer noch Menschen, zu denen das bislang nicht vorgedrungen ist.
Aus den Vorurteilen und artverwandten Aversionen  anderen und fremdartigen Menschen, wie Dingen gegenüber resultiert nämlich recht schnell eine handfeste Abneigung, die auch nicht mehr weit vom Hass entfernt ist. Als weltoffener, aufgeklärter, moderner Mensch sieht man sich davor selbstverständlich gefeit und hält es für unwahrscheinlich, bei den eigenen Moralvorstellungen, einmal die Täterrolle einzunehmen. Dem ist jedoch nicht so.

ZDFneo zeigte kürzlich die sehenswerte Dokumentation „Der Rassist in uns‟, die auf dem Antirassismustraining – dem sogenannten „blue eyed/brown eyed Workshop‟ – von Jane Elliott aufbaute und den Selbstversuch mit 39 Freiwilligen austestete.
Die US-Amerikanerin Elliott war in den 50er und 60er Jahren Grundschullehrerin und wollte ihre Schüler in Zeiten omnipräsenter Diskriminierung für die Entstehung und Auswirkungen von Rasissmus sensibilisieren.

Das Prinzip ist denkbar einfach. Die Teilnehmer werden in zwei Gruppen unterteilt: Blau- und Braunäugig.

Die Braunäugigen werden stets zuvorkommend, nett und fürsorglich behandelt, während den Blauäugigen bereits bei der Anmeldung Abneigung und Feindseligkeit entgegengebracht wird.
Zu Beginn herrscht allgemeine Verunsicherung, weshalb die Wenigsten gegen die persönlichen Angriffe des Kursleiters Jürgen Schlicher protestieren und auch niemand einschreitet, wenn immer wieder Mitmenschen gedemütigt werden.

An dieser Stelle ist das Experiment bereits in vollem Gange. Denn für die folgenden Stunden, werden die Blauäugigen systematisch niedergemacht, während man den Braunäugigen eine (biologisch bedingte) Überlegenheit einredet.
Interessant ist dabei zu beobachten, wie leicht sich eine Gruppe manipulieren lässt. Schlicher redet eigentlich größtenteils nur Unsinn und tischt den Anwesenden abenteuerliche und (pseudo-)wissenschaftliche Beweise für die Unterlegenheit der Blauäugigen auf. Das Ganze gepaart mit ewas Polemik und Beispielen aus dem Alltag, die entsprechend hingebogen werden, dass sie erst einmal sehr logisch klingen, ergibt das eine gefährliche Stimmung innerhalb des Workshops. Die Blauäugigen sind durch die Bank weg verunsichert, eingeschüchtert, ziemlich machtlos und teilweise auch wütend aufgrund dieser Ohnmacht und entgegengebrachten Ablehnung.

Der Zuschauer überblickt das ganze Geschehen aus einer anderen Perspektive, ist keinem psychologischen Druck ausgesetzt und kann so objektiver urteilen. Dabei fällt schnell auf, dass viele Informationen unterbewusst aufgenommen und später genauso unterbewusst wieder abgerufen werden. Viele Abneigungen und Vorurteile legt man an den Tag, ohne genau zu wissen, warum das eigentlich so ist. Bei genauerer Überlegung stellen sich diese auch schnell als unsinnig heraus, weil sie auf Informationen und Halbwahrheiten fußen, die meist einfach unreflektiert hingenommen werden. Daraus schließt sich, dass in unserer Gesellschaft zu selten hinterfragt wird, warum wir urteilen – und warum wir genau so und nicht anders urteilen.

Die Sache scheint recht offensichtlich und ziemlich leicht durchschaubar, da es sich eben um einen Workshop handelt, von dem alle Teilnehmer in Kenntnis gesetzt wurden und die Möglichkeit haben, diesen zu jedem Zeitpunkt zu beenden.

Dennoch geht es recht schnell, dass nach anfänglichem Zögern und einigen Zweifeln und auch nach dem Ausstieg einiger Weniger (sowohl Blau- aus auch Braunäugiger), die „überlegene‟ Gruppe durchaus davon überzeugt ist, dass man es hier mit blauäugigen Idioten zu tun hat, die in vielen Belangen unfähig und schlicht und ergreifend (geistig) beschränkter sind.
Schlicher manipuliert mit seinem Geschwätz ganz subtil und versteht es so, ziemlich einfach Stimmung zu machen – gegen die Blauäugigen, die Anderesartigen, die Unprivilegierten.

Es mag albern erscheinen, wenn sich ein Mann vor knapp 40 Leute stellt und herumerzählt Blauäugige seien in vielen Dingen schlechter, als die Braunbeäugten und das Ganze beispielsweise damit begründet, dass fehlendes Melanin in den hellen Augen automatisch mehr der aggressiven Sonnenstrahlung durchlässt, die entsprechend aufs Hirn brutzelt und dabei die Gehirnzellen grillt…
Man muss schon drüber lachen, aber jetzt erklärt mal die Sklaverei, Rassentrennung, den Holocaust und die Verfolgung so ziemlich aller anderen Minderheiten.
Das folgt dem gleichen Muster, geht nur meist noch unangenehmer für die Betroffenen aus, denn anders als bei diesem Workshop, kann man nicht einfach mal sagen „Jetzt reicht’s, ich mach ’nen Abgang‟ und nach Hause gehen.

In der jüngsten Vergangenheit lässt sich dieses Phänomen vermehrt an unseren anständigen deutschen Mitbürgern beobachten. Dieser Ganze Unmut den Juden gegenüber fußt auch größtenteils nur auf Vorurteilen, die in einer wilden Mischung aus den unterschiedlichsten Ecken zusammengeklaubt und in einen Topf geworfen werden. Das erstreckt sich über seriöse und wissenschaftliche Quellen, bis in die verwinkelten Gänge aluhutbesetzter Querköpfe. Dabei scheint dann auch gar nicht so wichtig zu sein, was davon wirklich stimmt, oder in einem Zusammenhang mit dem diskutierten Problem steht.

Das Finanzjudentum (ein schönes Wort) beeinflusst Politik und Wirtschaft und steuert die Medien, die nun Hetze gegen den unbescholtenen, wahrheitsliebenden Bürger betreibt und auf Druck der Homolobby (ein noch schöneres Wort) unsere unschludigen Kinder verdirbt.“ – so oder so ähnlich. (Inhalt beliebig austauschbar)

Vor wenigen Tagen erst zündete so ein strammer Bursche eine Synagoge an.
Wenn das mal keine legitime Israelkritik ist, weiß ich auch nicht.
Habt ihr ganz toll gemacht, ihr Wichser.

Originally posted 2014-08-02 16:40:30.