Die SLEAZELs haben sich mal wieder einem Drogentest unterzogen, um euch mit Rat und Tat in der Rauschmittelwelt seriös und beratend zur Seite zu stehen.

Schlafmohnsamen enthalten allerlei exotische Inhaltsstoffe. Botaniker lecken sich die Finger nach all dem Calcium, B-Vitamin und den wunderbaren Alkaloiden. Junkies von Kabul bis Bielefeld dagegen lecken sich die Finger nach dem feinem Opium und dem süßem Heroin, welches aus dem in den Mohnkapseln eingeschlossenen Morphin gewonnen werden kann.

Ich lecke mir auch die Finger – nach einem feinen Glas heißem Tee, weil es draußen kalt ist und nieselt und das alles nicht auszuhalten ist. Und da wir in der Redaktion keine Ahnung haben, wie man aus Mohnsamen Opium macht und auch das chemikalische Fachwissen zur Heroinherstellung fehlt, haben wir uns ein hausmütterliches Schlafmohn-Teerezept besorgt, dass aus den Socken hauen soll. Ein Mann, drei Tüten Mohnsamen (à 5g), eine Couch, ein Hund und eine lächerlich kitschige Teetasse. Lasset die Spiele beginnen.

 

Drogentest

 

DIE VORBEREITUNG

 

Auf den eigens aus Holland bestellten Tütchen im „Magic-Lolly“-Format steht groß „POPPY SEEDS OF GOD“ – ob sie mich zum Gott werden lassen oder zu Gott führen, wird nicht weiter ausgeführt. Zumindest liest keiner von uns Holländisch. Die Möglichkeit besteht allerdings, dass nach der Einnahme Rudi Carrell neben mir sitzt und ich mit ihm fließend auf Holländisch parliere. Wer weiß. Unser Rezept sagt: Samen zermahlen, bis eine weiße Flüssigkeit (da ist das Morphin drin) austritt, danach gut mit Zitronensaft ablöschen, gelegentlich umrühren und dann wie normalen Tee mit kochendem Wasser aufgießen. Die ganze Brühe soll dann ein paar Minuten ziehen. Klingt ganz einfach.

 

Drogentest

 

Falsch! Mit Mörser und Schälchen mahlen ist die absolute Hölle und hat nichts mit irgendeiner Göttlichkeit zu tun. Das ist harte Arbeit. Hier bekomme ich zum ersten Mal keine Lust mehr.

Während das Gesöff zieht, entbrennt in der Redaktion ein Nebenwirkungs-Gespoiler. Es werden Wörter wie „Halluzinationen“ und „Delirium“ in den Raum geworfen. Gut, nichts Neues. Doch dann folgen Website-Zitate wie „sofortige physische und psychische Abhängigkeit“ und „Atemdepressionen bis hin zum Tod“. Ich nehme es wie ein Mann, stell mein latentes Asthma in die Ecke und sage ihm, er soll da die nächsten Minuten stehen bleiben und zugucken.

 

DER TEST

 

Voller Wonne schenken mir meine Kolleginnen die erste Tasse ein. Zur Dosierung sei soviel gesagt, dass wir insgesamt 15 Gramm Samen aufgekocht haben. Bei drei Tassen, die ich am Ende des Experiments getrunken habe, macht das dann…ach rechnet selbst.

Die Konsistenz des Wassers hat sich nicht verändert. Es ist flüssig, nicht gelartig. Das ist ganz gut, denn es sieht aus wie eine Kombination aus Mehlwasser und Sperma. Solange es nur so aussieht und sich nicht so anfühlt, sollte das Schlucken also kein Problem werden.

 

14.55 Uhr

Der erste Schwall ergießt sich in meinen Mund. Es. Ist. Grauenvoll. Es schmeckt irgendwie nach Kokosraspeln, Mehl, Mohn und abgestandener Zitrone – aber dermaßen kotzreif, dass ich fortan mit allen schluckenden Frauen, deren Kerle sich auch nur annähernd so ernähren, Mitleid haben werde. Ehrlich. Und die kleinen Mohnkügelchen tun ihr Übriges zwischen den Zähnen.

 

15.06 Uhr

Die erste Tasse ist leer. Mittlerweile habe ich mich an den Geschmack gewöhnt. Ich ziehe mein Mitleid zurück. Alles, wirklich alles scheint eine Sache der Gewohnheit zu sein. Mir wird ein wenig wohlig warm und ich glaube, meine Wangen sind rosa. Ich schiebe das aber auf den generellen Konsum von warmer Flüssigkeit, weniger auf irgendwas zwischen Morphin und Codein. Die versammelte Kolleginnen-Horde versucht mich jetzt mit angeblichen Geräuschen oder Halluzinationen zu ködern. Ladys, ich bin doch nicht von gestern.

 

Drogentest

 

15.18 Uhr

Die zweite Tasse ist leer. Ich sauge nun am roten Tassenrund, als hätte ich nie etwas anderes getrunken. Und plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, schnellt die Droge in mir hoch und entfaltet ihre volle Wirkkraft. Ein Feuerwerk der Reaktionen, eine wilde Horde Sumatra-Schweine in meinem Körper, ein Tsunami sucht sich den Weg aus meinem Gesicht. Was passiert ist? Meine Augen tränen und brennen und meine Nase läuft. Mehr nicht. Das war es. Um ehrlich zu sein, weist mein Körper bei jedem Kontakt mit Birkenpollen im Frühjahr mehr Vitalität auf.

 

15.38 Uhr

Die Kanne ist leer, die dritte Tasse in meinem Bauch. Ich bin müde. Mir ist irgendwie fad. Am Liebsten würde ich mich jetzt im Stuhl zurücklehnen und ein wenig rumdösen. Nebenbei höre ich über meine Kopfhörer das neue Album von Adam Green und beobachte die Abteilung Fashion, die mir seit der Platzumstrukturierung im Büro gegenüber sitzt. Ich schunkle leicht im Takt. Moment. Ich schunkle? Ja, tatsächlich. Ich schunkle. Das ist definitiv dem Tee geschuldet. Ich schunkle sonst nie. Oder war das die Halluzination?

 

16.10 Uhr

Mehr als eine Stunde ist der bitterböse Schlafmohn nun in meinem Körper. Langsam beginnen Kopfschmerzen in meiner rechten Schläfe zu pochen. Könnte aber auch am Geplärre irgendeiner Nachwuchsband liegen, die gerade durch meine Playlist läuft. Ich fühle mich immer noch niedergeschlagen, matt, antriebslos und völlig demotiviert. Ich sehe den Test als beendet an und sage: Juhu, das war der Trip meines Lebens. Oder irgendwas. Eigentlich ist mir gerade alles egal.

 

Drogentest

 

Nachtrag:

Am Abend habe ich eine Verabredung. Ich habe fatale Konzentrationsschwächen und bin nach einem großen, schwarzen Kaffee und einem Bier reichlich angetüdelt. Wenn das die Langzeitfolgen sind, empfehle ich allen einen Liter Schlafmohn vor dem Saufen, dann gibt man nicht so viel Geld aus.

 

Fazit:

Egal, wo sich das Codein und Morphin in diesen Samen befindet: Vertraut keinem Teerezept. Die Wirkung würde ich als die eines mittelstarken Beruhigungstees beschreiben, ohne jemals überhaupt irgendeinen Beruhigungstee getrunken zu haben. Aber ähnlich wie die Sache mit dem Sperma: So stelle ich mir das zumindest vor. Solltet ihr also morgens vom Arbeiten, Feiern oder Anschaffen nach Hause kommen und Bock haben, euch nach einer halben Stunden Mohn mahlen einen Liter Mehlwasser in den Kopf zu gießen um dann nochmal eine Stunde später wonnig einzuschlafen, dann ist der Schlafmohntee genau eure Droge. Für alle die vom Arbeiten, Feiern oder Anschaffen ohnehin völlig blau nach Hause kommen, hält diese Droge leider nichts Neues parat. Und um diesem Test am Ende frei nach Nietzsche noch was Intellektuelles hinzuzufügen: „Seeds of God are dead.“

 

Julian

Originally posted 2013-05-10 16:34:38.