Zwischen lesen und es lassen, gibt es immer noch lesen lassen – granatenstarke Idee, die sich nun auch das Label Audiolith für das Homestory Magazin zunutze macht.

Was sich mit 84 Minuten nicht alles anstellen lässt. Beispielsweise kann ein 84minütiger Film exakt einmal angesehen oder stattdessen irgendwas anderes angestarrt werden. Natürlich kann genauso lang auch irgendwer angestarrt werden – das dann aber lieber unauffälliger. Auch ein Haftaufenthalt, Powernapping  oder ein bisschen Bastelei wären drin. Die Idee, aus 84 Minuten mehr rauszuholen, als 1 Std. 24 Min., ist also keine neue. Zu eigen gemacht hat sich diese nun auch das Label Audiolith.

Homestory Magazin: Audioliths allererstes very first Hörbuch ever

Dafür wurde sich des erst kürzlich mit Ruhm bekleckerten Erfolgsproduktes „Homestory Magazin“ aus dem Hause Peter & Führer angenommen. Von den beiden Homestory-Magazinderellos Roland van Oystern und Ferdinand Führer imitationsfreudig eingesprochen, entstand dabei nicht nur irgendein zu habendes Audioformat, sondern das allererste Audiolith-Hörbuch ever.

Dieses beinhaltet skurrile Geschichten über „mehr oder weniger prominente Männer mittleren Alters“, von denen die meisten in Bands spielen, deren Musik Roland und Ferdinand seit Jahren begleitete und mit denen sie sich in den vergangenen zwei Jahren trafen. Denn was liegt da näher, als sich ihnen auch körperlich menschlich nähern zu wollen. Jene, derentwegen sich die vielen Stunden und Kilometer in Zügen und Autos, auf Konzerten und in Proberäumen und all die Nächte vorm Computer lohnen sollten, um aus den Ecken und Kanten etwas Rundgeecktes entstehen zu lassen.

Und so rempeln sich zwischen Intro und Outro insgesamt elf Homestorys von was-mit-Musik-machenden-Männern-mittleren-Alters wie beispielsweise Carsten Friedrichs (Superpunk), Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Tobias Scheiße (Hammerhead), Nagel (Muff Potter), Andy Kulosa (Impact Records) oder auch Turbostaat.

Betreuunungswürdige und andere Vollpfeifen mittleren Alters

Wer auf fanschmeichelnden Breitbandcharme und erbarmungslose Sympathiehardliner hofft, hat sich ganz klar verhofft. Stattdessen erwarten die Hörerschaft dauerbreite, minder smarte, gering beschulte, hängengebliebene, betreuungswürdige, gewaltaffine, attitüdenpflegende, sexistische, niedrighumorige , ständig schnorrende Vollpfeifen mittleren Alters, die selbst beim Hören riechen – und zwar nicht gut.

Anzunehmen, dass dem nicht so ist und sie, die Besuchten, deutlich duftere Typen sind. Die einen vielleicht noch etwas mehr als die anderen. Da wir SLEAZEls uns aber nicht auf Annahmen sondern auf Primärquellen stützen, haben wir Roland und Ferdinand, die Köpfe und Stimmen des Homestory Magazins, knallstramm knallhart zur Rede gestellt. Und zwar so:

1. Erster Gedanke beim Hören: ist das Euer Ernst? Eine bekannte Reaktion? Und wenn ja: Irgendeine Idee, warum dem so sein könnte?

Diese Reaktion ist äußerst unbekannt.

2. Von den (unveränderten) Namen mal abgesehen: Wie viel Prozent / Promille der Geschichten sind wahr?

Alles was man sich vorstellen kann, kann auch wahr sein.

3. Waren die jeweiligen Musiker / Bands / was mit-Musik-Machenden über das Vorhaben informiert?

So teil, teils. Die ersten paar Geschichten haben wir direkt nach dem Schreiben verschickt. Das haben wir dann irgendwann eingestellt. Die meisten haben durch das Belegexemplar davon erfahren.

4. Wurden die jeweiligen Homestorys autorisiert?

Vielleicht nicht.

5. Wie waren die Reaktionen?

Die Reaktionen waren größtenteils sehr erfreulich. Es gab ein paar nette Mailwechsel. Auf der Lesetour haben ein paar der vermeintlich Besuchten mit uns zusammen vorgelesen. Das war sehr schön – Realität und Fiktion trafen aufeinander. Und eine Homestory ist nachträglich noch wahr geworden, ebenfalls auf der Lesetour, als wir mit Co von den Boxhamsters in seinem Keller saßen und Buzzcocks-Singles gehört haben.

6. Warum ausgerechnet über Bands schreiben, deren Musik einen jahrelang begleitet, die man also mag? Die Protagonisten kommen ja nicht gerade clever / sympathisch rüber.

Weil wir selber auch nicht besonders clever sind. Und ein besonders hohes Maß an Sympathie wird uns auch nicht aller Tage attestiert.

7. Claus Lüer (Chefdenker) äußert sich in der ihm gewidmeten Homestory wie folgt: „Wenn ihr zuerst Rezensionsexemplare verschickt, weiß jeder, dass es Quatsch ist und dann kauft es keiner und ihr bleibt sitzen auf eurer von der Druckerei vorgegebenen Mindestauflage […] Wie man es dreht und wendet: Euer Projekt wird ein finanzielles Desaster. Außerdem werden die Bands, die im Magazin vorkommen, sich gegen Euch wenden und vielleicht sogar auflauern und zusammenschlagen.“ In wie vielen Punkten hat er Recht?

Wir hätten eigentlich nicht gedacht, dass es sich besonders gut verkauft. Zu unserer Überraschung war die erste Auflage (Mindestauflage) des Magazins schnell vergriffen. Zusammengeschlagen hat uns niemand. Finanzielle Desaster bereiten uns eher unsere Plattenproduktionen.

8. Gibt es Bands, die sich von Euch nicht mehr interviewen lassen möchten und wenn ja: Wie egal wäre euch das auf einer Skala von voll bis geht so?

Nö, alle von diesen Bands lassen sich immer und immer wieder gerne von uns interviewen.

Bierernst oder Schnapsidee? In Vino Veritas

Unzweifelhaft, dass die Homestorys unterhaltsam sind – manchmal sogar mehr als die Diskografie der Protagonisten. Am Wahrheitsgehalt und an der Autorisierung hingegen bleibt zumindest ein winziger (in Kauf genommener) Zweifel bestehen. Ob nun Bierernst oder Schnapsidee: In dubio pro reo gehen wir mal von Satire aus. Und in vino pro Mille in den Feierabend.

Originally posted 2015-05-08 10:23:43.