„Und jetzt wird nicht mehr gelesen, sondern geschlafen. Gute Nacht.“ Und da geht sie dahin, die erziehungsberechtigte Person mit dem (vermeintlichen) Lichtmonopol. Glücklich, wer da im Besitz einer Grubenlampe ist und heimlich noch ein paar Seiten lesen kann. Auch das richtig krasse Zeug wie Winnie Puh, Rotkäppchen, Alice im Wunderland oder Harry Potter. Obschon dieses Weiterschmökern eine zur pädagogischen Anweisung gegenläufige Handlung darstellt, sei Kindern in den USA hierzu ganz unbedingt geraten. Zumindest bei der Rezeption vorgenannter Werke, die nach Meinung diverser US-Obrigkeitsorganisationen und Minderheitenvereinigungen gar nicht gelesen werden sollen. Nicht öffentlich, nicht heimlich, GAR NICHT! So ein Kinderbuch ist schließlich kein Maschinengewehr, mit dem unbedenklich gespielt werden darf.

Jahr für Jahr werden von der Regierung, vom Schulwesen und christlich-konservativen Vereinigungen wie den „Besorgten Christen“, den „Eltern gegen schlechte Bücher in Schulen“ oder dem „Republikanische Führungsrat“ unterschiedliche Kinder-und Jugendbücher Kinder- und jugendgefährdende Schriften beanstandet.

Eine am Strand liegende oberteilentblößte Comicfigur inmitten eines Wimmelbuches? RAUS! REPRINT! Winnie the Pooh? Entschuldigung? Sprechende Tiere? Selbstverständlich kann solch blasphemisches Schundbuch keinesfalls Heranwachsenden zugemutet werden! Harry Potter? Die Twilight-Romane? Aber sonst geht`s, ja?! Hexerei und schwarze Magie gutheißen?! Und dass Anne Franks Tagebuch zu deprimierend, Rotkäppchen alkohol- und Alice im Wunderland drogenverherrlichend ist und bei Rezeption von Dr. Theodor Seuss` Buch Green Eggs and Ham die Gefahr der Homosexuell-Werdung besteht, ist vorher auch niemandem aufgefallen, nein? Denn wäre es das, wären die Bücher doch wohl gar nicht erst in den Umlauf gelangt!

Die „Gründe“, die von besorgten (irren) US-Bürger_innen und deren Vertretungen vorgetragen werden, scheinen ebenso end- wie haltlos. Letzteres leider nur auf den ersten Blick, sorgen solcherlei Argumente doch nach wie vor dafür, dass beliebte und wichtige Werke der Kinder- und Jugendliteratur in verschiedenen US-Staaten aus den Bibliotheksbeständen verbannt werden. Allerdings und glücklicherweise nicht aus den Köpfen (dort, wo üblicherweise der Verstand regiert) vieler.

Damit dass so bleibt, rief Bibliothekarin Judith Krug 1982 die Banned Books Week ins Leben. Hauptsponsor der stets in der letzten Septemberwoche stattfindenden Kampagne gegen Zensur und das Entfernen von Büchern mit umstrittenen Inhalten aus Bibliotheken, ist die American Library Association. Jährlich veröffentlicht die aus persönlichen Mitgliedern, Bibliothekaren, Verlegern und anderen Unterstützern bestehende Organisation eine Liste erfolgreicher und versuchter Entfernungen von Büchern aus Bibliotheken, die sich wie ein Who`s Who der Weltliteratur liest. Denn nicht nur Kinder- und Jugendbücher sind nach Meinung der irren besorgten Kritiker „satanisch, homosexualitätsfördernd, drogen- / gewaltverherrlichend und vulgärsprachlich“, sondern auch Werke von Mark Twain, John Steinbeck, Margaret Atwood,  J.D. Salinger, J.R.R. Tolkin, James Joyce oder Ernest Hemingway.

Innerhalb der „Woche der verbannten Bücher“ spielt das – Amerikas Autoren, Verlegern, Buchhändlern und Bibliothekaren sei es gedankt –  keine Rolle. Als Überzeugungstäter intellektueller Freiheit lesen sie die schwarze literarische Liste rauf und runter, zitieren Harry Potters satanische Verse ebenso wie Anne Franks deprimierende und  A.A. Milnes blasphemische Worte, machen mit knallgelben Polizei-Absperrungen auf beanstandete Titel aufmerksam oder stecken verbannte Bücher in braune Papiertüten, was vor allem Kinder neugierig macht.

Eben jenen, den Guten, bleibt zuzurufen: „Bibliomaniacs of the world – unite and take over!“ Lesen und sprechen, dann klappt`s auch mit dem Verstehen. Try this at home!

Originally posted 2014-03-24 10:47:52.