Gedacht sei hierbei unter anderem an Bücher, die in Jungs- und Mädchenliteratur eingeteilt und als solche stigmatisiert gekennzeichnet werden. Um der Verschlagwortung gestalterisch gerecht zu werden, sind dererlei Jungsbücher häufig blau und Mädchenbücher ebenso häufig rosa koloriert; finden sich auf den Covern der erstgenannten oft U-Boote, Autos, Drachen und Armbrüste und auf denen der zweitgenannten Puppen, Feen oder irgendwas mit Küchenarbeit. Eben Abbilder dessen, was Jungs und Mädchen seit der Erfindung von Rollenbildern jeweils am allerliebsten mögen. Hui.

Passend zur Aufmachung auch der Inhalt solcher Printen, deren Verfasser (geschlechtsneutraler Plural) in kindgerechter vermeintlich jungs- respektive mädchengerechter Ansprache Rollen prägen und festigen.

Denn das, was als männliches oder weibliches Verhalten gilt, ist nicht etwa biologisch bedingt, sondern hausgemacht und anerzogen. Von sich aus jedenfalls sind Charaktereigenschaften – ebenso wie farbliche Vorlieben – geschlechtsneutral. Ließe man sie, formten sich Unterschiede ganz natürlich aus. Scheint, als wäre einigen Autoren das Risiko geschlechtsneutraler Entwicklung zu hoch. Nachher will der kleine Erwin (Name von der Redaktion geändert) nicht ohne seinen rosafarbenen Elfenumhang das Haus verlassen und weint ganz bitterlich, wenn seine Schwester in den klobigen Arbeitsschuhen des Vaters erst gänseblümcheneliminierend durchs Gras und dann schmerzprovozierend gegen Erwins Knie stiefelt. Kann passieren, muss nicht. Vielleicht ist Erwin an rosa, Elfen und (eigenen) Schmerzen gänzlich uninteressiert, nicht aber an allem, was mit „Auto“ oder „Unfall“ anfängt. Vielleicht ist seine Schwester ohnehin nicht aus der Küche wegzudenken, wo sie freiwillig für ihre Lieblingspuppe kocht und backt und andere Küchensachen macht. Vielleicht entwickelten sich Erwin und seine Schwester also nach Schreibe und Denke diverser Autoren rollenentsprechend. Wie gesagt, vielleicht. Um diesem Vielleicht keine zu große Freiheit einzuräumen, die dann vielleicht gesellschaftlich geprägte Rollenbilder missachtet, gibt es Literatur, die mal lieber gleich festschreibt, was Jungs und Mädchen (jeweils) brauchen.

So will beispielsweise das „Handbuch für Jungs, denn Männer braucht dies Land“ seinen Lesern (männlich, Plural) alle Tipps und Infos bieten, „die ein Junge heute braucht, um sich zurecht zu finden … Da Mädchen sich besser anpassen können, da Mädchen eifriger lernen, da Mädchen bessere schulische Leistungen bringen, da Mädchen adretter angezogen sind und in der Regel sauberer sind, besser aussehen und besser riechen, haben sie es in der Schule und auch zu Hause meistens leichter als Jungs und werden im Gegensatz zu Jungen gefördert und unterstützt.“ Hilfe aus diesem Dilemma und Unterstützung soll besagter Ratgeber bieten, der – so wird versprochen – dabei kein Thema auslässt und kurz und kompetent abhandelt. Mööööööp. Veto. Kompetent wäre eine geschlechtsneutrale thematische Herangehensweise. Ein gemeinsames Handbuch also und kein nach Jungen und Mädchen getrenntes.

Gegen solcherlei Kategorisierungen wendet sich auch die Kampagne Let Books be Books, die dazu auffordert, Kinder frei wählen zu lassen, welche Geschichten, Farben und Aktivitäten für sie (geschlechtsunabhängig) von Interesse sind. Denn ein gutes Buch sollte für alle offen sein – nur dann ist es auch der Geist.

Beispiel eines solchen geschlechtsneutralen Kinderbuches ist das 2012 im schwedischen Olika Verlag erschienene und hitzig debattierte Kivi & Monsterhund. Hach. Die Schweden. Die Schweden, die uns Astrid Lindgren♥ schenkten. Astrid Lindgren, die uns (unter anderem) Pippi Langstrumpf♥ schenkte und mit ihr das Aufbrechen gesellschaftlich vorgegebener Geschlechterrollen.

lindgren

Ein Ziel, das sich auch die Autoren von Kivi & Monsterhund auf die (Drucker)fahne geschrieben haben. Statt Kivi, das titelgebende Kind, über Geschlechtszuweisung zu definieren, wird es mit geschlechtsneutralem Pronomen bezeichnet, um allen Kindern, Jungen wie Mädchen, die Möglichkeit zur Identifikation zu geben.

Natürlich kann die nur gelingen, wenn die Leser / Hörer (geschlechtsneutraler Plural) noch nicht entsprechend rollen(miss)gebildet wurden. Das allerdings liegt in der Hand (und im Verstand) derer, die sich für Jungs- und Mädchenbücher oder eben für Bücherbücher entscheiden und damit dafür, die Kinder wählen zu lassen, was zu ihnen passt: Feenstaubumhang und / oder Bauarbeiterhelm, Schotterflechte und / oder geflochtene Haare, Fußball und / oder Ballett, rosa und / oder blau, gar nichts von allem oder alles zusammen. Denn dies sind keine Fragen des Geschlechts sondern einzig des Charakters (und des Geschmacks).

Originally posted 2014-06-10 17:33:58.