Nagels neuestes Werk Drive-By Shots hätte wohl genauso gut Drive-By Shorts heißen können. Denn neben einer Vielzahl an Shots (Fotoaufnahmen. Manchmal Getränkeaufnahmen.) enthält das beim Ventil Verlag erschienene Buch über 20 Shorts (Kurzerzählungen, Skizzen, Reflexionen. Keine Textilien. Selbst in der Sonderedition nicht).

Buchgewordene Erinnerungen. Worte über Orte, die er im Lauf der letzten Jahre besucht hat – manche sogar gern. Worte über und für Menschen, die ihm dort begegneten, von denen er manche sogar vermisst.

Völkermord und Ace of Base

So wie Vicky, eine Kunststudentin aus Vancouver, ohne die Drive-By Shots wohl allenfalls Drive-By ohne Shots geworden wär. Schließlich war sie es, die Nagel einfach so ihre Kamera (ungleich Knipse) schenkt, als er nur noch eine Knipse (ungleich Kamera) besitzt. Oder Mia, mit der zusammen Nagel 36 Stunden in Myanmar verbringt und eine NGO gründet, deren Konzept einzig darauf beruht, rumzuhängen und zu rauchen.

Nagel_Drive-By Shots

Drive-By Shots: Reiseliteratur 1. Klasse

Amy Winehouse, der er fast begegnet wäre, wäre es nicht ausgegangen, wie es ausging. Anders als andere steht er auch Völkermord gegenüber – einer Punkband, mit deren ehemaligem Schlagzeuger er befreundet war und trotz / wegen Völkermord noch immer ist. Und er erinnert sich daran, dass er sich bei Besäufnissen manchmal davonstahl, um heimlich was zu hören, das nicht ganz so Punk ist – A-Ha oder Ace of Base beispielsweise.

Vancouver, Thüringen, Israel, Wuppertal, Österreich oder Kambodscha – was manch Ort qualifizierte, im Buch festgeNagelt zu werden, ist nicht ganz schlüssig. Muss es aber auch nicht sein, um 1. Klasse zu unterhalten.

Addiert ergeben Shots & Shorts ein Stück ganz eigener Reiseliteratur, dank derer auch jene Fernweh / Heimweh / Kopfweh / Herzweh / Irgendwasweh empfinden können, die nicht dabei waren.

Autismus vs.Party

Und nicht dabei waren ja die meisten. Denn (Thorsten) Nagel(schmidt) liebt es, alleine unterwegs zu sein. Manchmal sogar unter falschem Namen, weil manch VeranstalterIn, JournalistIn, Hotelzimmer-und UnibildschirmpowerpointerIn zu kreativ / vergesslich für Nagels Namen (Nagel) ist. Oder aber um die von ihm präferierte Form des Alleinreisens zu unterstützen. Weil man dann, wie er sagt, mehr sieht, mehr hört, aufmerksamer und weniger abgelenkt ist, was er mit „Manche nennen es Autismus, für mich ist es eine Party.“ zitierreif zusammenfasst.

Na dann: Party on! Wer bei einer von Nagels Aftershows (ugs.: Lesungen) dabei sein will, sollte sich gefälligstruckzuckratzbatz kümmern – sonst war man nachher nicht nur auf Reisen sondern auch danach NICHT DABEI. Noch mehr gar nicht ginge also nicht. Und das wär dann quasi schade im Plural.

Originally posted 2015-04-23 11:06:15.