Editor's Rating

Eine der wenigen mahnenden und differenzierten Schreihälse im Land. Somuncu verknüpft seine Erfahrungen der Lesereise um Hitlers "Mein Kampf" mit aktuellen Debatten rund um Rassismus und Integration in Deutschland.

8
kluge Gedankengänge
7
Hitleranteil
8
Autobiografisches
8
Aktualität

Serdar Somuncu ist Deutschlands erfolgreichster Hassprediger. Er lehrt allerdings keinen Hass gegen Ungläubige, sondern hat sich ganz der guten Sache verschrieben  -so auch in seinem neuen Buch „Der Adolf in mir

Als Kabarettist und Künstler hat er in den vergangenen Jahren mehr als einmal für Irritation gesorgt und seine Zuschauer verunsichert und irritiert zurückgelassen. Eigentlich kein wünschenswertes Ergebnis für einen Schauspieler und Comedian (wenn ich mal so frei sein darf, ihn als solchen zu bezeichnen), doch genau darum ging es ihm.

Er möchte nämlich weit mehr sein als der lustige Türke, der klischeehafte Rollenbilder bedient und Zoten über politisch heikle Themen reißt, weil er das als Ausländer ja irgendwie darf. Über Hitler lachen und Judenwitze machen.

Mein Ruf als „der Typ“, der abwechselnd „Hitler“ und „Fotze“ sagt und hart austeilt, hatte sich verselbstständigt und auch bei denen herumgesprochen, die meine Programme gar nicht kannten.

– aus „Der Adolf in mir
„, Seite 118

Darf er das wirklich, wie weit gehen die Grenzen des guten Geschmacks und der Political Correctness und sind wir klüger als die Menschen vor hundert Jahren oder sind wir sogar noch anfälliger für Ideologien?

Diesen Fragen widmet er sich seit dem Beginn seiner Bühnenkarriere, als er begann Adolf Hitlers „Mein Kampf“ vorzulesen und zu kommentieren. Nach fast 20 Jahren rekapituliert er nun die Entwicklung dieser Idee, seine Erfahrungen und Beobachtungen und wie sie ihn seitdem beeinflusst und verfolgt hat.

Ende 2015 werden die Urheberrechte an „Mein Kampf“ freigegeben, was eine erstmalige Veröffentlichung des Textes nach dem damaligen Verbot nach sich ziehen wird.

Ich glaube, dass meine Meinung dazu von Bedeutung sein kann. Schließlich habe ich einen 1428 Vorstellungen dauernden Praxistest vor Zuschauern unterschiedlichen Alters, Herkunft und politischer Einstellung hinter mir, plus der Begegnung mit Zeitgenossen, Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten und kann wahrscheinlich wie kein anderer aus der eigenen Perspektive berichten […]

– aus „Der Adolf in mir“, Seite 14

Das kann er; doch ist dieses Buch keine reine Abhandlung über diese Frage, sondern in erster Linie eine autobiographische Geschichte angefangen bei der Lesereise mit „Mein Kampf“ über alle Bühnenprogramme hinweg.
Der sprachliche Tenor ist ruhig und gleicht dem bedächtigen Ton, der stilleren und offenkundig tiefgründigen Momenten seiner Auftritte.

Während er auf der Bühne einer der Lautesten ist, zetert und schreiend alles und jeden beleidigt, ist es umso verblüffender, dass er in geschriebener Form eine der mahnendsten und geistreichsten Stimmen dieser Flüchtlingsdebatte ist.

[…] Das Wort Flüchtling ist mittlerweile nur eine vage Umschreibung für geheuchelte und proportionierte Anteilnahme. Es müsste eigentlich „Xenophilie“ oder „positiver Rassismus“ heißen.
Der Neger ist gut, noch besser, wenn er über das Mittelmeer kommt; Syrer sind gute Ausländer, weil wegen Assad; Sinti und Roma grundsätzlich kriminell, Griechen korrupt und Türken schon deutscher als deutsch.
Vor allem: Wer ist Kriegsopfer, wer ist Wirtschaftsflüchtling? Wer haut ab vor Armut, Hunger und Krise und wer wandert in unsere Sozialsysteme ein?

[…] Die wichtigste Aufgabe, die wir in den nächsten Jahren in dieser […] Nation haben, ist, nicht blind Zuneigung und Ablehnung zu verteilen, sondern das Abwägen zu lernen und Argumentationen zuzulassen.

Nicht jeder Flüchtling, der kommt ist per se gut und nicht jeder, der gegen die Unterwanderung des Abendlandes protestiert, ein Nazi.
Aber wer seine Meinung nicht aufgrund von fundierten Überlegungen bildet, sondern sie als Schutzschild vor seine Ängste stellt, der ist oft nur ein opportunistisches Arschloch.

Konsens braucht die Fähigkeit zum Verständnis und Toleranz ist immer nur der letzte Ausweg vor der Eskalation.

– Auszug aus einem vom ZDF abgelehnten Stand-Up vom März 2015, aus „Der Adolf in mir“

Während er so von seiner Schulzeit, den Anfängen als Schauspieler und dann von den Ideen und der Wirkung seiner Programme erzählt, erzählt er jedoch nicht nur seine Autobiographie, sondern immer auch die Geschichte eines Deutschlands, dass noch nicht so ganz abgeschlossen hat mit seiner Vergangenheit. Zumindest nicht so, wie es uns jahrelang seitens der Politik weisgemacht wurde.

Er zieht Parallelen zwischen faschistoiden Strukturen und politischen wie religiösen Strömungen, ebenso wie er diktatorische Ansätze in der Medienlandschaft und vor allem beim Fernsehen verorten kann.

Er schreibt gegen die Demagogen des Landes an und predigt differenzierte Auseinandersetzung mit aktuellen Themen, statt Polemik und schwarz-weiß Denken zu bestärken.
Ganz recht, die Herren Lucke, Sarrazin und Buschkowsky. Sie bekommen auch ihr Fett weg.

Serdar Somuncu stellt in „Der Adolf in mir: Die Karriere einer verbotenen Idee
wichtige und spannende Fragen, während er nebenbei seine künstlerische Lebensgeschichte erzählt.

Kurzweilig, verständlich und dennoch feinsinnig geschrieben und dank guter Beobachtungsgabe auf knackigen 158 Seiten auf den Punkt gebracht.

Originally posted 2015-10-27 11:24:27.