Steilwandlettern:

Hate is just a four letter word, isn`t it? Nö. Hate ist nicht nur das. Hate kann so viel mehr sein. Beispielsweise Direktmandat für einen Hate-Poetry-Slam – einen Slam der etwas anderen Art. Eine Chance auf den Slams zitiert und kommentiert zu werden, haben alle, die schreiben können beziehungsweise wissen, wie man Buchstaben aneinanderreiht und die das ebenso scham- wie hirnlos ausnutzen. Die, solange ihnen (warum-auch-immer) das Alphabet noch nicht entzogen wurde, Drohmails, Schimpfbriefe und andere Zuschriften rassistischen Inhalts an Journalisten adressieren, die ihrer Meinung nach „aufgrund ihrer (vermeintlichen) Herkunft gar nicht in deutschen Medien auftauchen dürften“.

So wie etwa die freie Journalistin Ebru Taşdemir, die den Hate Poetry Slam als Plattform für platt Verformtes („Briefe voller Beschimpfungen, Beleidigungen oder einfach nur `guter`, alter Hass“) erdacht und angeleiert hat. Dank des journalistisch erfolgreichen Hass-Kompetenzteams und jenen fraglos fragwürdigen Kommentatoren ihrer Tätigkeiten – vor allem aber ihres Seins – kam schnell mehr als genug rassistische Hetze für ein abendfüllendes Programm zusammen.

Zwei Stunden Satireshow, antirassistische Veranstaltung, ein (because of Shit-)Happening, in der die angefeindeten, aufs Übelste beschimpften und teilweise mit dem Tode bedrohten Journalisten die schlimmsten der sie erreichenden Zuschriften mit reichlich Showsinn zitieren und kommentieren. Und so den Scheiß, wie Yassin Musharbash sagt, zurück in die Umlaufbahn schicken, um damit nicht alleine zu sein.

Damit die Umlaufbahn durch all den rassistischen Scheiß nicht verstopft, lohnt Zwischenspülen ebenso wie ein Besuch der Show, die seit Januar 2012 in Deutschland unterwegs ist. Am 04. November gibts in Mühlheim an der Ruhr das nächste Hate-Date. Möglichkeiten, der fiesen Fratze rassistischer Hetze mal gepflegt den Fehdehandschuh ins Gesicht zu slamen, bieten sich aber vorher schon. Immerzu. Überall.

Wortopädischer Notfall:

Weil gute Nachrichten stets zu Beginn stehen sollten, also erst die gute: Es wird gelesen – Buchstaben sind nach wie vor von Interesse.

Und jetzt die andere: Genau dieses Wissen möchte nun auch Amazon noch gewinnbringender nutzen als a) ohnehin schon  und b) als andere. Kindle Unlimited heißt die E-Book-Flatrate, von welcher der Online-Versandgigant sich satte Profite verspricht und den Nutzern gegen 9,99 Euro monatlich unbegrenzten Zugriff auf 650.000 Titel.

Seit Anfang Oktober kann sich durch Amazons quantitativ eindrucksvoll bestückte Elektronikbibliothek gefressen, geschaufelt, gehortet und gespachtelt werden. Solang bis die Peristaltik streikt oder eben der E-Reader, den es dafür braucht. Besonders interessant vermutlich für diejenigen, deren Leseinteresse vor allem auf englischsprachige Literatur und deutsche Selfpublishing-Titel abzielt. E-Books der großen deutschen Verlage lassen sich so gut wie nicht finden. Verwunderlich ist das nicht, stellen besagte ihre E-Books überwiegend anderen Plattformen zur Verfügung, wie etwa skoobe, einem Gemeinschaftsunternehmen der Verlagsgruppen Holtzbrinck und Bertelsmann/Random House.

Anders kleinere Anbieter wie Dotbooks aus München, für deren Verlegerin Beate Kuckertz Flatrate-Lesen „ein Modell der Zukunft“ ist. Wenn die Mehrheit das so will, auf jeden Fall. Da hat sie Recht. Und grundsätzlich ist eine derartige Flatrate doch auch irgendwie okay. Schließlich erhöht sich damit auch für unbekanntere Autoren die Chance, dass jemand mal über ihr Werk flat-iert. Zudem bewahrt sie, die Flatrate, vor dem buchstäblichen Verfall. Nicht okay ist die durch den Versandhändler Amazon mit der Flatrate umgangene Buchpreisbindung und den damit gleichwohl verboten niedrigen Urheberprofit (Autorenlohn).

Aber hey: das ist Jammern auf hohem Niveau – marginale Defizite. Eine nur am Rand stinkende Rose inmitten eines literarischen Idylls. Schreibt, Schreiberlinge – schreibt, schreibt – Amazon dürstet nach Profit.

Preiskunstläufer:

Ja. Hier. Sexismus schon wieder! Man Booker Prize – was es nur soll?! In erster Linie soll es eines: die englische Literatur honorieren. Dafür sind Preise da, dafür wurden sie erfunden. Personen oder deren Leistungen ehren, sie auszeichnen. Im Falle des Man Booker Prize Schriftsteller_Innen, deren Werk im Original in Englisch geschrieben und in Großbritannien erschienen ist. Naja – und nach Jurymeinung natürlich des Man Booker Prize würdig, einem der renommiertesten englischsprachigen Literaturpreise.

Der Man Booker Prize richtet sich also auch an die, die nicht Man sind. An Frauen beispielsweise. Erst im Vorjahr erhielt etwa die neuseeländische Schriftstellerin Eleanor Catton die renommierte Auszeichnung. Mit 28 Jahren war sie die jüngste Person in der Historie des seit 1969 vergebenen Preis, dessen Sponsor seit 2002 die Investmentfirma Man Group ist. Ah. Deswegen Man.

Also keine sexistische Entscheidung, sondern eine literarische, aufgrund derer in diesem Jahr eben Richard Flanagan für sein Werk „The Narrow Road to the Deep North“ mit der mit 50.000 Pfund (knapp 63.000 Euro) dotierten Auszeichnung geehrt wird. Inspiriert ist der Roman des australischen Autors von den Erfahrungen seines Vaters, der im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener der Japaner am Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn beteiligt war. Mit seinem Werk setzte sich der als Australiens bester Autor seiner Generation und unter britischen Buchmachern als Favorit geltende Flanagan unter anderem gegen Joshua Ferris` „To Rise Again at a descent Hour“, Karen Joy Fowlers „We Are All Completely Beside Ourselvesoder Howard Jacobson mit „J“ durch. Allesamt Titel, die man auf Kindle Unlimited wohl nicht finden wird. Zumindest nicht in deutscher Sprache.

Well done, Mr. Flanagan. Well done, Jury. Well done, Man.

credit: Janie Airey | The Man. The Book. The Prize. Richard Flanagan ist Gewinner des Man Booker Prize 2014.

 Curlinguistik:

Und dann war da noch Dirk Bernemanns Lesung im Erfurter Café Tikolor. Die selbstbenannte „Tochter eines Kriegsveteranen und einer Kosmonautin“ liest beim Vater neuinterpretierter Gastfreundlichkeit, der sich bisher eher um das Vorankommen seiner Zwillinge Rock`n`Roll kümmerte als um das ihrer schlechtgelittenen Schwester Literatur.

Dass sich die Sprösslinge – so blau sie allein auch sein mögen – untereinander jedoch durchaus grün sein können, bewies der Leselampe-Abend mit Dirk Bernemann. Das ahnte man auch im Tiko und wies bereits im Vorfeld auf den vermuteten Großandrang hin. Nun gut. Das Tiko hat keine hallenähnlichen Ausmaße, das nicht. Aber auch eine größere Lokalität hätte Dirk Bernemann, der „glücklichste aller unglücklichen Menschen“ wohl gefüllt bekommen. Egal. So blieb mehr für weniger.

Mehr Erbauungspoesie vergangener Jahre und mehr sich im Aufbau befindender Poesie und Artverwandtem kommender Tage Monate Jahre Zeit. Texte irgendwo zwischen Slam und Song, die einen streicheln oder zärtlich ins Gesicht boxen. Manchmal beides zeitgleich, manchmal zudem frei von Zärtlichkeit. Und so, wie sich Curling durch taktische Raffinessen auszeichnet, zeichnen sich Curlinguistiker durch syntaktische aus. Wortsportler eben. Wie Dirk Bernemann. Ein guter Abend im Tiko.

credit: Casio Exilim 12.1 Megapixel von Sary S. (Aber sie holt sich bald `ne neue.)

Mehr Meldungen von dem was war, was ist und was word gibt`s spätestens bald. Word up!

Originally posted 2014-10-19 10:56:06.