Buchrückenschwimmen:

Wie jedes Jahr so auch dieses zu erleben auf der Frankfurter Buchmesse. Vier Tage läuft sie schon, einenundeinbisschenwas läuft sie noch. Auch der buchmessenübliche Skandal, standortüblicher Äppelwoi, veranstaltungsüblicher „Klumpatsch“ und ebenso übliche wie üble „Babbsäcke“ (danke SLEAZE ihm sein Hessenfred für deine Übersetzertätigkeit!), können nicht über den literarischen Fokus der weltgrößten Messe rund ums Buch hinwegtäuschen. Im Vorjahr kamen über 7000 Aussteller aus über 100 Ländern, mehrere hundert Literaturagenten, mehr als 275.000 Besucher und mehr als 170.000 Fachbesucher auf ein Wort oder mehr zusammen. Anzunehmen, dass sich daran in diesem Jahr nicht viel ändern wird. Geändert allerdings hat sich, wie jedes Jahr, der Ehrengast. In diesem 66ten Buchmessenjahr ist es Finnland – das Land der Schwitzensportler, das unter dem irre kreativen Motto „Finnland.Cool.“ zeigen wird, dass die finnische Literatur der wohl eher bekannten finnischen Filmkunst in nichts nachsteht.

Preiskunstlauf:

Für seinen Debütroman „Kruso“ wurde Lutz Seiler nun mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Mag der Titel erst kryptisch klingen, stampft einem mit Hinweis darauf, dass der Roman auf einer Insel spielt und Schiffbruch, Freiheit und Freundschaft thematisiert, umgehend ein Titel auf dem Großhirn rum. Kruso. Insel. Schiffbruch. Freiheit. Freundschaft. Richtig. Mit seinem Aussteigerroman über die DDR-Endzeit auf Hiddensee habe Seiler, so das Kritikergremium, eine packende Robinsonade um den titelgebenden Kruso und den jungen Abwäscher Edgar geschaffen, die als wortgewaltige Geschichte eines persönlichen und historischen Schiffbruchs gelesen werden dürfe. Bitteschön. Nur zu!

Ein anderer, nein – DER Preiskunstläufer der Woche UND des Jahres UND der Welt ist Patrick Modiano – frischgekürter Nobel-Literat – mais oui! Diese Woche war Nobelpreiswoche. Und neben jenen für Medizin, Physik, Chemie und Frieden wurde auch der (in dieser Rubrik am ehesten zu vermutende) für Literatur verliehen. Damit setzte sich der 69jährige Franzose, der sich in seinem Werk insbesondere mit dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten beschäftigt, gegen Autoren wie Haruki Murakami, Philip Roth, Thomas Pynchon oder Milan Kundera durch, die Wettbüros und Branchenkenner eher als Gewinner des weltweit wichtigsten Literaturpreises vermutet hatten. C`est la vie, c`est le prix. France: Douze Points. Monsieur Modiano: Toutes nos félicitations!

Patrick Modiano

Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano

Litera-Tour /Crosslauf:

Ein solcher findet in Form des 7. ZEBRA Poetry Film Festivals statt – der größten internationalen Plattform für Poesiefilme. Also Kurzfilme, die auf Gedichten basieren (und nicht nur auf einem Sonne-lacht-Blende-Acht–Einzeiler). Alle zwei Jahre bietet das ZEBRA Dichtern sowie Filme- und Festivalmachern aus aller Welt ein Podium zum kreativen Austausch und ihnen – ebenso wie dem b(e)reiten Publikum – ein Rundum-Sorglos-Paket mit Filmen, Dichterlesungen, Ausstellungen, Performances, Workshops und Haste-nicht-gesehen-sollteste-aber. Unter Haste-(noch)-nicht-gesehen fallen auch die im Rahmen des Festivals gekürten Gewinnerbeiträge um den besten Poesiefilm, die aus den Teilnehmern eines eigens hierfür ausgeschriebenen Wettbewerbs gekürt werden. Wer gucken will, was verpasst wird, wenn man nicht hingeht, sollte das tun. Vom 16. – 19. Oktober findet das von der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit interfilm Berlin initiierte Festival statt und eröffnet, crosslauftypisch, sowohl Film als auch Lyrik neue Wege.

Wortopädischer Notfall:

Als solcher dürfte wohl das Buchprojekt „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ des Münchner Heyne-Verlags eingestuft werden. Zumindest nach Auffassung des Altkanzlers Helmut Kohl, der juristische Schritte gegen die von Tilman Jens und Heribert Schwan verfasste Publikation einzuleiten drohte. Schwan, ehemaliger Kohl-Biograf, steht im Verdacht, hierfür 200 Tonbänder ausgewertet zu haben, deren Nutzung ihm im August gerichtlich untersagt wurde. Das Interesse des Kanzlers am Veröffentlichungsstopp ist durchaus nachvollziehbar. Denn keiner wird Altkanzler der Herzen, der mit früheren Kollegen (menschelnd für Parteifreunde) teils drastisch abrechnet. Für den Heyne-Verlag, der sich trotz juristischer Drohungen nicht von der Auslieferung der ersten Exemplare abbringen ließ, stellen die Kohl-Protokolle ein historisches Vermächtnis dar. Für das Oberlandesgericht Köln indes lediglich einen zu entscheidenden Streitgegenstand. Je nachdem, wie die Rezensenten Richter urteilen, bleibt es bei der Veröffentlichung oder eben auch nicht. Eigentlich auch egal, ist doch bereits jetzt einiges an Kohlerik durchgesickert, die den Altkanzler menschlich nicht gerade adelt. Aber das hatte er ja ohne die Protokolle schon geschafft, die, zumindest historisch und politisch, ohne Belang scheinen. Und alles andere sollte wohl besser in die Kammer für dreckige Wäsche und nicht in den Handel. Man wünschte, andere hätten sich so vehement für einen Veröffentlichungsstopp (auto)biografischer Publikationen eingesetzt.

ohne Worte:

Mit wenigen bis gar keinen Worten hingegen kommt „The Drinkable Book“ aus. Denn statt Gedanken filtert das Buch in erster Linie verschmutztes Wasser und säubert es so fast hundertprozentig von schlimmsten Krankheitserregern. Die Buchverpackung dient dabei als Filterbox, als Filter selbst die mit Silber-Nanopartikeln überzogenen Seiten. Jede einzelne reicht aus, um 30 Tage lang reines Wasser für einen Menschen zu erhalten. Autor beziehungsweise Erfinder des Buches ist Ken Surritte von der Non-Profit-Organisation WATERisLIFE. Zusammen mit Wissenschaftlern der Carnegie Mellon University of Virginia und der New Yorker Werbeagentur DDB entwickelte er das lebensrettende Buch. Und obwohl es nur wenige Dollar kostet – eine einzelne Seite nicht mehr als zehn Cent – kann Surritte das Projekt natürlich nicht komplett aus Eigenmitteln finanzieren. Denn nach wie vor sterben weltweit täglich 6500 Menschen, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Es bedarf also entsprechend großer Auflagen und Finanzierungspartner, damit das Buch ab 2015 hoffentlich allen das (trinkbare) Wasser reichen kann.

Mehr aus der Welt des Spitzenworts gibt es nächsten Sonntag hier zu lesen. Word!

Originally posted 2014-10-11 16:01:55.