Es heißt, das Leben sei eins der härtesten und dass nur die Harten in den Garten kommen. Einspruch. Die wirklich Harten finden sich nicht im Garten wieder, sondern in einer Reality Show im Fernsehen. Wie fies diese sein können, beweisen Sendungen wie Big Brother, Newtopia, Sarah & Marc in Love u.a.,  die dem Publikum einiges abverlangen. Von A wie Apathie bis Z wie Zovirax.

Weil Langeweile allein irgendwann nicht mehr reicht und eine miese Quote häufigste Todesursache bei Produzenten ist, wird alles daran gesetzt, die Quote auf einem hohen Level zu halten. Durch noch krassere Konzepte als die vorangegangenen oder die der Konkurrenten. Und durch Teilnehmende, die noch krasser sind als das krasseste Konzept. Kein bisschen Glitzer, Glitzer sondern Perversionen sind gefragt.

Und bitteschön: Vorhang zu für eine paar echt fiese Reality Shows, für die es sich lohnt, keine GEZ zu zahlen:

The Briefcase – CBS / USA – 2015

Der amerikanische Fernsehsender CBS gibt sich medial sozial. Einer hochverschuldeten Middle Class – Familie A wird ein Koffer mit 101.000 Dollar (0,2 Prozent des Jahresgehalts von CBS-Chef Les Moonves) überreicht, über die sie frei verfügen können. Klitzekleine moralischer Tretmiene: die Information, dass es eine zweite ebenso hochverschuldete Familie B gibt, die den Teil des Geldes bekommen, denen Familie A ihnen überlässt.

Pssst … Selbstverständlich hat Familie B ebenfalls einen Koffer und dieselbe Information bekommen. Geteiltes Leid – doppeltes Leid. Um zu einer Entscheidung zu gelangen, dürfen sich die Familien die Besitztümer (Wohnung, Kleidung, Quittungen, Beinprothese Irak-Veteran …) der jeweils anderen Familie anschauen und dann vor den Augen der TV-Zuschauerschaft entscheiden, wie viel Geld sie abgeben möchten. Und damit auch, ob sie öffentlich als gierig und egoistisch dastehen wollen oder als wohlwollende Menschen, die ihr Geld mit anderen Bedürftigen teilen, selber aber weiter hochverschuldet bleiben. Es lebe die Selbstbestimmung.

https://youtu.be/77lUAy8vwTo

Britain`s Hardest Grafter – BBC / GB – 2015

Von so viel Armut ange(s)pornt, entwickelte die BBC ein ähnliches Konzept. In „Britain`s Hardest Grafter“ sollen ausgewählte, verarmte Briten gegeneinander antreten und um ein Preisgeld kämpfen. Das Preisgeld entspricht der Höhe des Jahresgehalts, über das Teilnehmende maximal verfügen dürfen, um sich für das Format zu qualifizieren. Laut Produktionsfirma stellen sich 25 Kandidaten in jeder Folge verschiedenen Aufgaben. Beispielsweise bei Fabrikjobs in einer eigens dafür umgebauten Lagerhalle. Am Ende bleibt der härteste Malocher übrig und gewinnt sein Jahresgehalt: 15.000 Pfund. Die anderen gehen mit dem guten Gefühl nach Hause, diesmal vor Kameras und der niederinstinktgetriebenen sozialkritischen Zuschauerschaft malocht zu haben. Ein konkreter Sendetermin steht noch nicht fest. Parallel zu den Castings für „Britains Hardest Grafter“ läuft eine Online-Petition dagegen, die auch noch unterzeichnet werden kann.

Boys and Girls alone – Channel 4 /GB – 2009

Fiese Reality Shows für die es lohnt, keine GEZ zu zahlenMal zwei Sekunden nicht hingeguckt, heulen bei zwei anwesenden Kindern mindestens drei. Das ist quasi Gesetz. Wie viele weinen, wenn man 20 von ihnen zwei Wochen sich selbst überlässt, testete der britische Sender Channel 4 und machte genau das: überließ zehn Jungs und zehn Mädchen zwischen acht und elf Jahren zwei Wochen lang sich selbst. Weil natürlich die Sorgfaltspflicht nicht vernachlässigt werden sollte, konnten die Erziehungsberechtigten alles per Überwachungskamera beobachten. Also gegenseitiges Quälen, Erniedrigungen, Intrigen, Mobbing. An der besseren Welt muss da scheinbar nochmal nachjustiert werden. Angefangen bei den Machern der Show und den Erziehungsberechtigten der „Stars“.

Born in the Wild – Lifetime / USA – 2015

Ganz dem Nachwuchs widmet sich auch „Born in the Wild“. Der noch ungeborene Schützling zieht mit seinen Eltern (im Bauch der Mutter) in die Wildnis und lässt sich dort zur Welt bringen. So richtig wie früher – lange bevor er noch nicht geboren war. Also: ohne Hilfe, ohne Schmerzmittel, ohne Ärzte oder Hebamme. Nur mit Kamerateam. Nostalgie pur.

https://www.youtube.com/watch?v=PEUHO33YJy8#action=share

Trompe-Moi si tu peux – M6 / Frankreich – 2010

Apropos Fortpflanzung. Selbstverständlich hatte da auch Frankreich ein TV-Konzept auf Taschée.Fiese Reality Shows für die es lohnt, keine GEZ zu zahlen Hinter dem (unübersetzt) wohlklingendem Titel „Trompe-moi si tu peux“ verbarg sich eine Produktion, bei der sich zehn Paare 16 Stunden in einer Luxusvilla in der Dominikanischen Republik gegenseitig (also auch paarübergreifend) verführen sollten. Massagen, Erotiktänze, Striptease, Jacuzzi – alles dabei. Wer mit wem zusammen war, sollte das Publikum erst im Verlauf der Show aufdecken. Dem zuletzt enttarnten Paar winkte ein Preisgeld. Kurz vor der Erstausstrahlung wurde „Trompe-moi“ aus dem Programm gestrichen. Grund war der Suizid eines Kandidaten, weil er sich durch die Teilnahme an Trompe-Moi mit seinem Partner zerstritten hatte.

The Swan – Fox / USA – 2004

Verführungskompetenz war wohl nicht gerade das, was den Teilnehmenden von „The Swan“ attestiert wurde. Gecastet wurden Frauen, für die nach Meinung des Senders Fox eine Schönheits-OP, psychologische Therapien, Ernährungsberatung und ein Besuch beim Zahnarzt eine echte Bereicherung darstellt. Die Frau mit dem nach Sendermeinung größten Bedarf (also jene mit den meisten Minderbegünstigungen) gewann und wurde innerhalb von drei Monaten vom „hässlichen Entlein“ zum Schwan zurechtgewerkelt.

Quiero ser Torero – Telemadrid / Spanien – 2012

Keine Schwäne sondern Stiere standen im Mittelpunkt von Quiero ser Torero. Erst standen sie, dann starben sie. Denn wie der Titel Quiero ser Torero vermuten lässt, ging es nicht um das Leben der Tiere, sondern um deren Tod durch einen Stierkämpfer. Konzept der Sendung: Sechs junge Stierkämpfer verschiedener Stierkampfschulen treten gegeneinander an. Dem Sieger (also keinesfalls dem Stier) winkt eine besonders geförderte Ausbildung zum Torero. Bei der Beurteilung zählen ästhetische Kriterien, Erfahrung, die Durchführung und das Wissen über den Stierkampf. Zu keinem Zeitpunkt bezieht die Show sich auf das Leben des Tieres und deren qualvollen Tod.

Dovolená v Protektorátu – CT / Tschechien – 2015 Fiese Reality Shows, für die es lohnt, keine GEZ zu zahlen

Ein neuartiges Show-Konzept flimmert mit „Urlaub im Protektorat“ seit Mai diesen Jahres auch im tschechischen Fernsehen über die Bildschirme. Das Konzept ist neu, der Inhalt Geschichte. Und zwar grausamste Geschichte, nämlich die Zeit des sogenannten „Protektorat Böhmen und Mähren“, das Hitler im März 1939 ausgerufen hatte. Die Produktion versetzt eine nordböhmische Familie zurück in ebenjene nationalsozialistische Besatzungszeit. Fernab moderner zivilisatorischer Errungenschaften werden die Familienmitglieder aus drei Generationen auf einen zeitgemäß hergerichteten Bauernhof umgesiedelt. Wie ihre Vorfahren vor 70 Jahren leben sie dort, so sieht es die Show vor, in ständiger Angst vor der Gestapo.

Mars-One – Die Mars-Siedler / Niederlande / Mars – 2023 (tba)

Dem (unter)irdischen Reality Show-Angebot sagt der niederländische Ingenieur und Gründer von Mars One, Bas Landsorp, den Kampf an. Mit Hochdruck  arbeitet er an einer Reality Show, deren Konzept eine Marsmission ohne Wiederkehr vorsieht. Leben da, wo andere keinen Urlaub machen. Die Mars-Stars sollen, so heißt es, dann in engen Modulen wohnen. Bei Außentemperaturen zwischen minus 20 und minus 100 Grad Celsius ist ein Aufenthalt im Freien nur im Raumanzug möglich. Das wird sich wohl auch bis 2023 nicht ändern, wenn die Mission voraussichtlich starten soll.

Auch wenn mangels Technologie keine Rückkehr vorgesehen ist, haben sich über 78.000 Menschen für das Astronauten-Auswahlprogramm beworben. Selbst, wenn sie es nicht zum Mars-Siedler schaffen sollten, macht sich so ein Training ja sicher gut in der Vita. Universelle Einsetzbarkeit und so.

 

Originally posted 2015-10-21 11:02:34.