Enthüllungsjournalisten und Whistleblower – Volkshelden oder Staatsfeinde?

Was bringt Menschen dazu, ihren Ruf, ihre Existenz und sogar ihr Leben zu riskieren, weil sie der Öffentlichkeit zugänglich machen, was geheim bleiben sollte? Dieser Frage widmen sich Psychologie und Soziologie seit Jahrzehnten und sind noch zu keinem eindeutigen Schluss gekommen. Vielleicht ist es Mut, vielleicht auch eine gewisse Prise Leichtsinn – womöglich aber auch einfach das Gefühl der Verantwortung bei Ungerechtigkeit die Augen nicht zu verschließen und den Mund aufzumachen.

Aber wer die Wahrheit ans Licht bringt, lebt mitunter gefährlich

Dass Edward Snowdens Leben nach seinem Leak dem eines Geheimagenten wider Willen gleicht, macht deutlich, wie groß das Interesse der Mächtigen daran ist, dass ihre Geheimnisse gewahrt werden. Auch die Journalisten, die an der Aufdeckung der Panama Papers beteiligt waren, leben heute vielleicht nicht alle gefährlich aber garantiert unsicherer als zuvor. Im Fall der regierungskritischen Enthüllungsjournalistin Daphne Caruana Galizia aus Malta war ihre Beschäftigung mit den Panama Papers höchstwahrscheinlich ein Grund für ihren Tod  – sie starb durch eine Autobombe.

Vor allem die Presse spielt in politischen Enthüllungsskandalen also eine große Rolle und hat sich immer wieder gegen die Widrigkeiten der Obrigkeit zu wehren. Es ist ihre Pflicht zu entscheiden, was für die Öffentlichkeit von Relevanz ist und muss sie unter Umständen über Dinge informieren, die den Herrschenden ein Dorn im Auge sind. Dafür gehen sie häufig das Risiko ein, ins Visier genommen und bestraft zu werden. Aktuelles Beispiel: Deniz Yücel. Auch in seinem Fall ging es unter anderem um geleakte E-mails, über die er berichtete. Yücel ist zwar nach über einem Jahr Gefängnis erst kürzlich entlassen worden, in seiner Anklageschrift fordert die türkische Staatsanwaltschaft jedoch 18 Jahre Haft.

1971 – Als die Enthüllung eines Dokuments eine ganze Nation erschütterte

Von einem der ersten großen Leaks der westlichen Geschichte erzählt Steven Spielbergs neuer Film „Die Verlegerin“. Er handelt von einer mutigen Frau in einer Männerdomäne, einem unermüdlichen Redakteur und einem 7000 Seiten Dokument, das später als die „Pentagon-Papiere“ in die Geschichte eingehen sollte. Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß um was es dabei ging. Für alle die geschlafen haben noch einmal eine kurze Zusammenfassung:

1971 spielte ein Militär-Analytiker der New York Times ein 7000 Seiten Dokument zu, in dem sich Beweise befanden, dass die amerikanische Regierung entgegen ihrer öffentlichen Aussagen den militärischen Einsatz in Vietnam immer mehr ausweitete und gleichzeitig versuchte Attentate, Missachtungen der Genfer Konvention sowie Wahlmanipulation zu vertuschen. Besonders brisant: Die Vertuschungsaktion war nicht auf eine Regierungszeit beschränkt, sondern erstreckte sich über die Amtszeit von vier Präsidenten. Es dauerte nicht lang, und Nixon erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die New York Times und die Veröffentlichung der Dokumente – mit der Begründung die nationale Sicherheit sei dadurch gefährdet. Damit machten sie sich strafbar, sollten sie weitere Informationen über das Dokument veröffentlichen. Die Entscheidung des Gerichts, die Pressefreiheit derart zu beschneiden entsetzte die amerikanische Zeitungslandschaft.

 

 

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Katherine Graham – Eine Frau, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz für die Wahrheit entschied

An diesem Punkt der Geschichte setzt der hochkarätig besetzte Politthriller „Die Verlegerin“ an. Denn auch wenn der New York Times die Hände gebunden waren, begannen andere Verleger und Redakteure amerikanischer Zeitungen für die Pressefreiheit einzutreten. Besonders die Verlegerin der Washington Post, Katherine Graham (gespielt von Meryl Streep) und ihr Chefredakteur Brad Lee (Tom Hanks) spielten dabei eine wichtige Rolle. Graham, die zu diesem Zeitpunkt die einzige Frau mit einer leitenden Funktion in einer überregionalen Zeitung arbeitete, hatte sowieso schon einen schweren Stand und blickte mit der Entscheidung die Papiere zu veröffentlichen einer möglichen Anklage wegen Hochverrats entgegen. Ihr Mut, ihre Integrität und ihr Pflichtbewusstsein gefährdeten nicht nur ihre eigene Karriere, sondern auch das Überleben der Zeitung und aller ihrer Mitarbeiter. Wie die Geschichte im Detail ausgeht, wollen wir natürlich noch nicht verraten.

 

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So macht Geschichtskunde Spaß

Steven Spielberg ist es auf der Basis des Buchs von Liz Hannah gelungen, aus einem historischen Wendepunkt einen mitreißenden und spannenden Thriller zu schaffen, der noch viel mehr zeigt, als die verworrenen und dunklen Beziehungen zwischen Politik, Geheimdienst, Militär und Presse. Der Film erzählt auch die Geschichte einer Frau, die sich in einer männerdominierten Welt durchsetzt, sich ihren Platz erkämpft und dann entscheiden muss, wie sie mit der Macht, die ihre Position mit sich bringt, umgehen soll. Drehbuchautorin Liz Hannah über die Rolle von Graham: „Ihre Entscheidung war so dramatisch und risikoreich, dass die Geschichte sich wie von selbst schrieb.“

Im Kampf um Wahrheit und die Pressefreiheit verbündet sie sich mit dem ehrgeizigen Chefredakteur Lee und die beiden gehen eine intensive Komplizenschaft ein, die ihr Leben und das des ganzen Landes verändern soll. Ein spannender Film, der Historienfilm, Biografie und Spionage-Thriller zugleich ist und unweigerlich Bezüge zu aktuellen Ereignissen herstellt.

Am Ende steht immer die Frage: Was bin ich bereit für die Wahrheit zu riskieren?

Ab 22.02.2018 im Kino.

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