Filme sind eine relativ neue Kunstform, doch in kürzester Zeit entwickelte sie sich weiter und mittlerweile können wir aus einer Vielzahl verschiedenster Genres und Stilen schöpfen. Viel Ramsch ist dabei, doch hin und wieder gelingt dem Regisseur ein Kunstgriff und er schafft ein Meisterwerk.

Nachdem wir uns in Teil 1 der besten Musikfilme ausschließlich auf Spielfilme konzentriert haben, dreht sich der zweite Teil um Dokumentationen. Die Musikdokus beschränken sich nicht auf das klassische Doku-Format: Alte Leute sitzen vor einer weißen Wand und erzählen ihre Erinnerungen. Dazwischen wird etwas Bildmaterial der besprochenen Ereignisse eingespielt.
Das geht zwar auch, doch die Dokumentation einer bestimmten Epoche, Subkultur, Genrebildung und anderen Dingen lässt sich auch anders bewerkstelligen. Und die Rede ist dabei nicht ausschließlich vom Reenactment. Unkonventionellere Herangehensweisen und eine andere Art des Erzählens machen eine Dokumentation kurzweilig und spannend.

Mittendrin und ganz nah dran: Die besten Musikdokus

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin

Beginnen wir direkt vor der Haustür: Im West-Berlin der Siebziger und Achtziger Jahre.
Tummelplatz der Kreativen und Verrückten und einer der Orte, aus denen Pop- sowie Subkultur direkt entwuchsen. Angefangen beim Punk arbeitet sich die Dokumentation durch die geteilte Stadt und gibt uns wilde Einblicke in einen kleinen Ausschnitt von Raum und Zeit, in dem alles möglich schien.
Ihr Ende findet sie bei der Love-Parade und auch wenn die Doku damit schließt, ist klar, dass die Geschichte Berlins und der kreative Ausdruck ihrer Bewohner noch lange nicht vorbei ist.

It Might Get Loud

In dieser Dokumentation treffen drei Generationen aufeinander und sie eint die Liebe zur Musik. Jimmy Page, The Edge und Jack White gewähren uns Einblicke in ihr Schaffen und wir lernen jeden Gitarristen einzeln kennen.
Jimmy Page, der mit Led Zeppelin bereits in den 60ern Rock-Geschichte schrieb, ist mittlerweile ergraut, doch hat sich der Schalk des Schulbubenhaften nicht entledigt. The Edge setzte einige Jahrzehnte später mit U2 ebenso Maßstäbe, doch auf einem ganz anderen Gebiet. Sein riesiges Effektpedal-Arsenal definierte den Gitarrensound der Achtzigerer Jahre. Jungspund der Runde ist Jack White, der ähnlich wie Page dem Blues ergeben ist, den klassischen Sound aber im Laufe seiner Karriere mehrfach dekonstruiert und innovativ neu zusammengesetzt hat.

Doch belässt man es nicht bei Einzeldarstellungen und die Herrschaften finden sich im Laufe des Films in einem Raum ein, um gemeinsam zu jammen, sich gegenseitig ihre markantesten Riffs zu zeigen und über Kabel und andere Musik-Nerd-Themen zu diskutieren.
Ein großer Spaß, nicht nur für Rockmusik-Hörer.

Twenty Feet From Stardom

In fast jeder Musikdokumentation geht es um die Stars, die Größen des Business, die erfolgreichsten Musiker und angehimmelten Idole. In diesem Film wird die Geschichte der Menschen im Hintergrund erzählt. Sie stehen mit oben genannten Großen auf einer Bühne, nahmen ihre größten Hits mit auf und sind dennoch „wenige Meter vom Ruhm“ entfernt.
Diese Doku ehrt alle Backgroundsängerinnen und erzählt in inspirierender und angenehmer Weise die Geschichte einiger der Bekanntesten und Begehrtesten. Doch wird nicht nur ihr Einfluss und Anteil an vielen bekannten Songs beleuchtet, sondern auch das Paradox, warum es dennoch kaum Eine aus dem Hintergrund ins Rampenlicht schaffte.

Nas: Time Is Illmatic

Nas setzte im New York der Neunziger Jahre ein Statement und einen Meilenstein der damals noch verhältnismäßig jungen Hip Hop Kultur, dessen Einfluss bis heute anhält. Um dieses Album dreht sich die Dokumentation Time is Illmatic.
Illmatic war fresh, erstklassig gerappt und ging aber tiefer, als das plumpe und aggressive Machtgehabe vieler seiner Kollegen. Nas zeichnete das Bild einer schwarzen Jugend in New Yorks Hood lyrisch dicht und spannend. Der Film zeichnet nun die Entstehungsgeschichte des maßgebenden Albums nach und damit auch ein Bild des Künstlers, der Hip Hop beeinflusste wie wenige sonst.

Heavy Metal in Bagdad

2006 fuhren Eddy Moretti und Suroosh Alvi nach Bagdad, um die einzige Metalband des Landes zu treffen. Acrassicauda besteht aus einigen jungen Irakern, die all der Schwierigkeiten zum Trotz der harten, schweren Gitarrenmusik huldigen.
Auch wenn es sich um eine Musikdoku handelt und der Film in dieser Liste auftaucht, ist die Musik der Band tatsächlich eher zweitrangig. Der Film gibt nämlich tiefe Einblicke in das Leben in einem vom Bürgerkrieg und totalitären Regime zerrütteten Land und dem Versuch, dennoch ein normales und erfülltes Leben zu führen.
Auftrittsverbote, Einschüchterungsversuche seitens radikal-islamischer Hardliner, ein zerbombter Proberaum und andere Widrigkeiten halten sie nicht davon ab, zu zelebrieren, was sie lieben: Das Leben und Heavy Metal!

Searching For Sugar Man

Die Geschichte klingt wie ausgedacht, doch landete Searching For Sugar Man nicht in der Liste der Spielfilme, sondern bei den Dokumentationen, weil sie wahr ist.
Sixto Rodriguez veröffentlichte Anfang der Siebziger zwei Alben, in den USA interessierte sich dafür niemand und er verschwand schnell wieder in der Versenkung. Doch im weit entfernten Südafrika wurde seine Musik ganz anders aufgenommen und Rodriguez zum Star. Aufgrund der südafrikanischen Apartheid-Politik ließen sich damals keine Informationen über den Musiker beschaffen und so machte das Gerücht die Runde, er habe sich auf der Bühne erschossen. Oder angezündet – so genau wusste das niemand.

So machten sich zwei Südafrikaner letztendlich auf die Suche nach der Wahrheit über den Mann, der diesem Land so viel bedeutete. Irgendwann stellt sich natürlich heraus, dass Sixto Rodriguez die ganze Zeit am Leben war und die Dokumentation nimmt eine überraschende Wendung. Rodriguez selbst lebte seinerseits Jahrzehnte lang im Glauben, dass kein Mensch auf der ganzen Welt seine Musik hören wolle und wusste nichts von seiner Popularität in Südafrika.
Die Suche nach dem „Sugar Man“ und das tatsächliche Finden desselben wirken wie ein modernes Märchen. Unglaublich – aber mit Happy End und allem drum und dran.

This Is Spinal Tap

Dieser Film wiederum gehört in Wahrheit wirklich zu den Spielfilmen, ist jedoch so formvollendet und mit Leidenschaft als Dokumentation aufgezogen, dass wir beide Augen zudrücken und er in dieser Liste mitmachen darf. Bis heute wohl einer der besten Mockumentaries und ein Film, bei dem man sich mehrfach fragen muss: „Gibt es die Band wirklich?“
Das Regiedebüt von Rob Rainer begleitet eine fiktive britische Heavy Metal Band auf Tour durch die USA. Es existierte kein Drehbuch und fast alles wurde improvisiert, was den Doku-Charakter noch authentischer macht. Der Plot und Zerfall der Band ist vor allem gegen Ende ein klein wenig im Weg, tut dem Spaß jedoch keinen Abbruch.
Mit den überzeichneten Charakteren, völlig abstrusen Dialogen und dem Klischee-Overkill ist der Film oft erschreckend nah an der Wahrheit.

Young@Heart

Wenn ich diese Doku schaue, schleicht sich immer jemand heimlich von hinten heran und fängt an Zwiebeln zu schneiden.
Young@Heart handelt vom gleichnamigen Laienchor, dessen 30 Mitglieder im Alter zwischen 70 und 100 Jahren Klassiker der Pop- und Rockmusik zum Besten geben. Unter anderem singen sie Songs von Coldplay, Sonic Youth, The Ramones, Jefferson Airplane oder OutKast.
Filmemacher Steven Walker begleitete die Truppe acht Jahre lang bei Proben, einem Auftritt im Knast und vor einem großen Publikum.
Etwas ungewöhnlich zwar, aber einfach nur schön.

Rock’n’Roll will never die!