Porno ist langweilig. Das finden wir – besonders Stefan und Fred -, das finden viele andere Frauen und das findet die schwedische Filmemacherin Erika Lust. Die Regisseurin möchte dem Porno seine männlich geprägte Einfallslosigkeit nehmen. Wir haben uns mit der in Barcelona lebenden Regisseurin unterhalten und uns erklären lassen was falsch läuft und wie feministischer Porno aussieht.

Was stimmt mit herkömmlichen Pornos nicht und warum?

Beim Mainstream-Porno wiederholt sich alles, es gibt keinen Erzählstrang und es wird oft auf sehr mechanische Weise versucht ein Ergebnis zu erzielen, bei dem das männliche Vergnügen im Mittelpunkt steht.
Es ist stumpfes Gerammel mit dem Fokus auf den Geschlechtsteilen und nicht darauf, was Sex zu Kunst macht – sich berühren, küssen, greifen, Gesichtsausdrücke und eine Geschichte mit originellen Charakteren und einer Handlung, die gleichzeitig anregend und interessant ist.

Werden Pornos mit zunehmender Geschlechtergleichheit besser, schlechter oder verändert sich eigentlich nichts?

Gleichberechtigung der Geschlechter ist etwas, das in Pornos nicht einfach zu finden ist. Porno ist eine chauvinistische Männerdomäne.
Deshalb braucht es mehr Frauen in Führungspositionen in der Pornoindustrie. Mehr Frauen, die schreiben, hinter der Kamera stehen, oder Regie führen. Dadurch kann Gleichberechtigung entstehen und es können Filme gemacht werden, die die wahren Sehnsüchte von Frauen ausdrücken. Filme die Spaß machen, sexy sind, mit denen man sich identifizieren kann. Darüber hinaus brauchen wir auch eine künstlerischere Herangehensweise an Pornos. 
Neben mir gibt es derzeit viele weitere talentierte Filmemacher, die ihre Filme wie ein filmkünstlerisches Werk handhaben.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Männer weiterhin konventionelle Pornos bevorzugen, obwohl sich unsere Gesellschaft stetig verändert und sich ein Bewusstsein für gleichberechtigte Geschlechter entwickelt?

Es ist nicht so einfach sexuelle Paradigmen innerhalb der Gesellschaft zu verändern. So langsam kommt bei dieser traditionell männerdominierten Branche die Erkenntnis an, dass Sex und Erotik viel mehr sein können als das, was uns über Jahre hinweg im Mainstream-Porno gezeigt wurde.

Je mehr Frauen sich in der Industrie etablieren, desto größer und vielfältiger wird das Angebot, wodurch wiederum die Nachfrage steigt und ein neues Publikum entsteht.

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Für was steht „Feminismus“ deiner Ansicht nach?

Feminismus ist der Stolz und die Freude eine Frau zu sein. Sich Gehör zu verschaffen und die gleichen Möglichkeiten, wie Männer zu besitzen – soziale, professionelle und wirtschaftliche.
Das beabsichtige ich in meinen Filmen, die kreativ und real sein sollen, zu zeigen. Dieses Prinzip beeinflusst alles, was ich tue. Zwangsläufig ist Feminismus also immer ein Teil meiner Arbeit.

Würdest du dich selbst als Pornoressigeurin bezeichnen und wenn nicht, als was dann?

Zuallererst bin ich eine Regisseurin, die Indie-Erotikfilme macht. Diese Filme beinhalten explizite Inhalte und Sex, der qualitativ und professionell aufgenommen wird.
Ich bin außerdem Mutter, Feministin und Bloggerin.

Als ich noch jünger war und noch bei meinen Eltern gelebt habe, liefen nachts im deutschen Fernsehen viele dieser häufig französischen Filme, die in der Fernsehzeitung als „Erotikfilm“ beschrieben wurden und die ich mir manchmal heimlich ansah.
 Die Handlungen drehten sich meistens um Künstlerpärchen oder so.
Es waren keine Pornos, sie hatten aber einige realistische Sexszenen.
Ist das dem was du tust ähnlich und warum glaubst du, wurden diese Filme nicht erfolgreicher?

Ich weiß ganz genau, was du meinst. Die kunstvollen Erotica der 70er und 80er Jahre sind meine Inspiration für die Filme, die ich heute mache.
Regisseure wie Bob Chinn, Bud Townsend, The Keyhole und andere repräsentieren das goldene Zeitalter des ‚Porn Chic‘, eine Form der Erotik, die stilvoll, elegant, klug, sexy und spaßig war. Es ist nicht so, dass sie nicht erfolgreich wurde, aber soziale Denkmuster im Hinblick auf Sex haben sich durch vielerlei Faktoren verändert, besonders durch die Werbung.
Glücklicherweise kommt dieser Trend aber wieder zurück und die Leute fangen an es wieder zu mögen!

Sex aus der Community

In deinem neusten Projekt namens XConfessions sammelst du die sexuellen Erfahrungen der Community auf deiner Website und verwandelst sie in Kurzfilme. Welche Geschichten wurden gesammelt und durften auch Männer mitmachen?

Ich habe die kreativsten Geschichten zusammengetragen, die originell und etwas anders waren. Sie mussten auch zum Stil des Projekts passen.
Die Geständnisse sind anonym, aber laut der Statistik wurden nur etwa die Hälfte von Frauen verfasst.

Wer ist deine Zielgruppe?

Meine Filme haben eine feministische Grundhaltung, von Frauen für Frauen. Wir legen besonderen Wert auf ästhetische und filmische Elemente. Mein Publikum besteht aus modernen und kultivierten Leuten.

Man kann anhand der Statistiken bei den „XConfessions“ erkennen, dass unsere Zuschauer zur Hälfte weiblich und zur Hälfte männlich sind. Die Filme gefallen also jedem.

Hast du immer im Hinterkopf, was speziell Frauen ansprechend und ästhetisch finden könnten, wenn du einen Film machst, oder tust du einfach wonach dir der Sinn steht, ohne über Gender nachzudenken?

Mein Filmteam ist 90% weiblich, was einen direkten Einfluss auf das Endprodukt hat. Wir machen Filme auf eine sinnliche, gestalterische und erotische Weise, welcher ein bestimmter kunstvoller Look zugrunde liegt, der Frauen gefällt. Aber ich denke, dass so gut wie jeder gut gemachte Filme mag.

Die Pornoindustrie lebt von Männern, die sich die Filme anschauen und dafür bezahlen. 
Du sagst, du möchtest den Porno verändern. Was ist, wenn die Hauptzielgruppe – Männer – das unrealistische Ficken deinen anspruchsvolleren und realitätsnahen Geschichten vorziehen.
Wie kann man Porno verändern?



Wenn man den Pornofilm an sich verändern möchte, muss man die Erzählweise verändern. Es hat so viel mehr zu bieten, als einen kurzen Spaß für Männer. Beide Geschlechter sollten Gefallen daran finden und wir haben jetzt die Möglichkeit das besser zu machen.
Dem Zuschauer gefallen lebensnahe Geschichten, Filme die gut aussehen und einen authentischen und ehrlichen Eindruck machen. Wie ich bereits erwähnte ist etwa die Hälfte des Publikums männlich, was bedeutet, dass Männer sehr wohl eine andere Herangehensweise an Pornos befürworten.

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Frauen beweisen, dass sie genauso viel Spaß an Sex haben und die Scham oder Angst das zuzugeben, langsam schwindet. Wenn mehr Frauen die Führung übernehmen, werden mehr Frauen diese Filme schauen.
 Wenn der Markt gleichberechtigter wird, wird die Qualität der Produkte auch steigen.

 

Was sollte oder muss der nächste Schritt sein, um Pornos zu revolutionieren?



Der nächste Schritt ist eine Erhöhung der Standards und ein Bestärken der Geschlechtergleichberechtigung. Ich habe schon immer gesagt, dass Pornos der Sexualkundeunterricht des 21. Jahrhunderts sind, was ich auch in meinem TED Talk deutlich gemacht habe.
Es ist wichtig Sex und Beziehungen in den Filmen auf eine gesunde Weise zu normalisieren.
#changeporn 

Es gibt ein jährliches Pornofilm-Festival in Berlin, bei dem Pornos auch als eigenständige Kunstform anerkannt wurden. In vielen haushalten ist es aber auch weiterhin ein Tabu. Was muss passieren, damit wir Pornos in Zukunft nicht automatisch mit wichsenden Männern vor dem PC oder dem Fernseher verknüpfen?

Für diese Mentalität muss das Tabu der weiblichen Sexualität verschwinden. Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass auch Frauen gute Pornofilme anschauen und Spaß dabei haben. Es gehört viel mehr dazu, als masturbierende Männer, weil Erwachsenenfilme genauso Kunst sein können, wenn genügend Mühe hineingesteckt wird.
Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung!

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Fotos: erikalust.com

Originally posted 2015-04-03 14:20:56.