Wir haben während der Berlinale Shaul Schwarz und Juan Bertrán getroffen, die eine Dokumentation über die Narcocorridos gedreht haben. Die zwei waren zweieinhalb Jahre in Juárez unterwegs und haben dort den Übergang des Drogenkrieges in die Popkultur dokumentiert. Die Narcocorridos, die in ihren Texten stark an Gangster Rap erinnern, sind zwar mittlerweile in Mexiko verboten, erfreuen sich dennoch immer größerer Beliebtheit.

Du hast mit Fotografie angefangen. Was ist es, was du mit bewegten Bildern besser kommunizieren kannst als mit einem Foto?

Shaul: Von 2008 bis 2010 habe ich in Juárez nur Fotos gemacht. Die Bilder der Gewalt in Juárez haben funktioniert. Sie wurden veröffentlicht, aber die komplexere Geschichte der Glorifizierung und was die Bands machen, war nicht so fotogen. Man kann es mit Fotos nicht richtig verstehen. Als ich zu den Magazinen und Zeitungen gegangen bin, haben die mir gesagt, es sind nur Gangster, die Gangster töten. Sie haben aber Unrecht, weil es die Denkweise der ganzen jungen Generation prägt. Die Fotos der Toten haben diesen Aspekt überwältigt.

Narcocorridos

 

Die Mexikaner haben traditionell eine andere Art mit dem Tod umzugehen. Für sie ist es Bestandteil des Lebens und kein Tabu wie bei uns. Denkst du, das beeinflusst den Erfolg der Narcocorridos?

Shaul: Am Ende des Tages, wenn einer getötet wird, ist es für die Familie wie in jedem anderen Konflikt auch. Der Schmerz für die Mutter ist der gleiche. Aber du hast Recht, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Mexikaner sind sehr angezogen von diesen, für uns billigen Symbolen des Erfolgs. Du kannst so lächerlich riesige und geschmacklose Häuser sehen, aber so sind die Gräber auch. Die Kultur dreht sich auch ein bisschen darum. Wenn du als 25jähriger bei uns stirbst, kümmert es keinen, was du besessen hast, aber in Mexiko läuft es mit einem riesigen Grab dann so nach dem Motto: „Wow, guck dir das riesige luxuriöse Ding da an. Er war erst 25 und hat es richtig zu was gebracht im Leben.“ Es ist sehr ironisch.

 

Glaubst du, es wird wie die Leute im Film sagen, der nächste Hip Hop?

Shaul: Nein. Aus zwei Gründen: Musikalisch gesehen ist Hip Hop und Gangster Rap in Anführungszeichen „bessere“ Musik. Talentierter und revolutionärer. Ihr größter Erfolg war es, in den Mainstream zu kommen. Wenn du an diese Musik denkst, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie das weiße Amerika einnehmen kann. Es wird keinen Eminem davon geben. Der zweite Grund ist, dass die Narcocorridas nicht von den Erfahrungen sprechen wie ich die Hood überlebt habe, sondern der Held ist diese riesige, unglaublich mächtige, kriminelle Organisation. Chapos Kartell [Chef vom Sinaloa-Kartell] ist das größte kriminelle Syndikat der Welt und macht in einer Woche mehr Geld als John Gottis Verbrecherfamilie in 40 Jahren gemacht hat. In den Latino Communitys ist es ja schon eine große Sache, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Kids in Deutschland dazu rocken, wenn sie im Auto sitzen.

 

Du hast ja schon zwei Jahre davor in Juárez Fotos gemacht, also insgesamt dort viereinhalb Jahre verbracht. Bei so vielen Konfliktgebieten in der Welt, was hat dein Interesse so sehr auf Juárez gelenkt?

Shaul: Ich war mit einer Mexikanerin verheiratet und ich habe ein bisschen in Mexiko gelebt. Ich hab eine Story gemacht, die nichts mit dem Konflikt zu tun hatte, aber als er ausgebrochen ist, war Juárez davon am meisten betroffen. Juárez bietet mit dem direkten Kontakt zur US-amerikanischen Grenze nochmal einen besonderen Einblick. Es hätte aber auch eine andere Stadt sein können. Der Konflikt an sich interessiert mich vor allem auch, weil in den USA der mexikanische Drogenkrieg immer als etwas weit Entferntes empfunden wird, was aber nicht fair ist, weil es ein amerikanisch-mexikanischer Drogenkrieg ist. Wenn du 50 Milliarden Dollar pro Jahr bezahlst und Waffen an beiden Seiten des Krieges bereitstellst, dann bist du schon ein Teil davon. Du bist Teil des Problems und Teil der Lösung.

Narcocorridos

 

All die Institutionen und Operationen scheinen nicht zum Kern des Konflikts zu gelangen. Glaubst du, es gibt einen Weg, um das Problem an der Wurzel zu behandeln?

Shaul: Entweder man kurbelt die Nachfrage runter oder man legalisiert Drogen. Meiner Meinung nach sollte auch Marihuana in den USA und großen Teilen der Welt legalisiert werden. Es gibt natürlich noch Kokain, Meth und Heroin, aber das ist die eine Sache. Eine andere Sache, die in dem Film nicht so repräsentiert wird, ist die Waffenkontrolle in den USA. In Mexiko ist es eigentlich echt schwierig, eine Waffe zu kaufen, wie in den meisten Ländern der Welt. 95% der Waffen in dem Konflikt kommen aus den USA. Meistens auch noch legal. Für mich ist das inakzeptabel.

 

Was ist das für ein Gefühl, jemanden bei einem so intimen Moment einzufangen, wenn er grade mit so großem Horror konfrontiert ist?

Shaul: Es ist ein bizarrer Job als Fotojournalist. Filmen ist das Gleiche. Je intimer, desto besser ist das Bild. Man unterbricht etwas, was wirklich nicht zu einem gehört. Ich sag immer, man macht kein gutes Bild, sondern man bekommt es. Man weiß nie, ob die Familie einem wortwörtlich mit einem Schläger hinterherrennt oder man am nächsten Tag einen Dankensbrief bekommt. Am Ende des Tages hört den Leuten aber niemand zu und ich bin da, um ihnen eine Stimme zu verleihen.

 

Narcocorridos

 

Was war für euch der überraschendste Moment, als ihr in Juárez wart?

[überlegen]
Juan: Als sich 50 Bundespolizisten mit der lokalen Polizei bekämpft haben.
Shaul: Ja stimmt. Wir waren in der Polizeieinheit und alle sind auf einmal total ausgeflippt. Normalerweise, wenn ein Funkspruch mit zehn Toten reinkommt, essen erst mal alle ihr Sandwich auf. Plötzlich sind alle weggerannt. Wir sind mitgerannt. Juan schreite: „Bist du total verrückt?“ und ist zurückgerannt. [lacht] Es gab ein Streit über einen Tatort. Die einen meinten, das ist mein Tatort und irgendwie haben sie dann angefangen, sich zu beschießen.
Juan: Wir haben dann gefragt, warum das passiert ist und dann hat man uns erklärt, dass die eine Polizei für das eine Kartell arbeitet, die andere für ein anderes.

Wer hat das Video von der Frau gedreht, die im Film einen riesigen Gefühlsausbruch hat?

Shaul: Das war einer von den lokalen Journalisten. Er hat es uns gezeigt und bereitgestellt. Wir haben ihm dafür Geld angeboten, aber er meinte nur: „Kauft mir Burritos.“ Die Frau hat in einem Moment tiefster Trauer ihren Gefühlen freien Lauf gelassen. Was sonst keiner macht. Man stellt die Regierung nicht in Frage. Die Frau ist danach auch verschwunden und keiner weiß bis heute, wo sie ist.

 

Clarisse

Originally posted 2013-05-06 15:42:27.