Bio und fair, nachhaltig und vegan – der Trend geht zu Mode, die nicht nur dem Äußeren, sondern auch dem Gewissen schmeichelt. Der neue Öko-Chic kommt dabei ganz ohne kratzige Wollpullis und formlose Leinengewänder aus. Stattdessen setzt die Branche auf Upcycling und verwandelt die verrücktesten Abfallprodukte und Reste in stylishe Mode. Neben Peace- und Veggi-Seide, Bio-Baumwolle und Hanf wird Kleidung mittlerweile aus Milch, Kaffee und Algen gemacht – eine kleine Besichtigungstour durch die neusten Erfindungen im Bereich der nachhaltigen Mode.

Nichts als die reine Milch

JANNES FRUBEL qmilk Milchtextilfaser

JANNES FRUBEL qmilk Milchtextilfaser

100 Prozent nachhaltig und so weich wie Seide ist die Milchfaser von QMILK: Das Unternehmen produziert Kleidung aus Rohmilch, die nicht mehr verkehrsfähig ist – das sind im Jahr immerhin 2 Millionen Tonnen. Aus dem Milcheiweiß Kasein wird das chemisch unbelastete, kompostierbare Biopolymer hergestellt. Erfunden hat das Verfahren die Mikrobiologin und Unternehmensgründerin Anke Domaske. Seit 2014 produziert und verkauft sie erfolgreich. Denn die Milchfaser liefert überzeugende Argumente: Sie wirkt laut Domaske antibakteriell gegen E. coli und sogar gegen Staphylococcus aureus und ist dermatologisch auf Haut- und Körperverträglichkeit getestet.

Im taiwanesischen Taipei hingegen erlebt ein anderes Lebensmittel seine Wiedergeburt als Textilie: Die Firma Singtex Alter vermengt alten Kaffeesatz mit Polyesterfasern aus alten Plastikflaschen. Seit 2006 sammelt das Unternehmen dazu täglich mehr als eine halbe Tonne Kaffeereste von Restaurants, Bars und Cafés ein. Die nachhaltig und umweltschonend hergestellten Stoffe wirken geruchsreduzierend und trocknen schneller – Sportartikelhersteller und Profisport-Vereine sind längst eingestiegen.

Eukalyptus, Buche oder Pinien

Dass Holz zu Stoff wird, ist nichts Neues: Schon vor mehr als hundert Jahren konnte aus Buchen, Fichten, Eukalyptus, Pinien oder Bambus Viskose gewonnen werden. Wegen der vielen chemischen Stoffe, die bei der Herstellung dazu kommen, sind diese aber keine Naturfasern. Anders Lyocell, bzw. Tencel: Die biologisch abbaubare Zellulosefaser wird meist aus Eukalyptusholz hergestellt. Eukalyptus braucht weder künstliche Bewässerung noch Pestizide. So wird bei der Produktion höchstens 10 Prozent so viel Wasser gebraucht wie etwa bei Baumwolle. Die Faserausbeute pro Quadratmeter ist um das sechsfache höher und der Produktionskreislauf so gut wie geschlossen.

Laut Hersteller wärmt der Stoff ähnlich wie Schafschurwolle, kühlt wie Leinen und ist saugfähiger als Baumwolle. Außerdem gibt er Feuchtigkeit schnell an die Luft ab und ist ein wahrer Hausstaubmilben-Killer. Das französische Label Organic gewinnt aus Pinienholzabschnitten Lingerie Dessous. Die ökologisch hergestellten Fasern bestehen laut dem Unternehmen zu 94 Prozent aus Holz. Die Holzfaser soll nicht nur „bequem, zart und anschmiegsam“ sein, sondern auch das Zweieinhalbfache an Feuchtigkeit aufsaugen wie Baumwolle – ähnlich wie eine Funktionsfaser.

Die Kraft der Alge

 SeaCell™

SeaCell™

Selbst Algen aus den Fjorden Islands nehmen neuerdings modische Formen an. Die Seacell-Faser aus Cellulose und Algen verspricht einen wahren Wellness-Effekt. Denn Algen enthalten mehr Mineralstoffe, Vitamine und Spurenelemente als jedes andere Naturprodukt – ein Kilo trägt die Wirkstoffe von über 100.000 Litern Meerwasser in sich. Algen regulieren den Kreislauf, fördern Verdauung, Fettstoffwechsel und Durchblutung, aktivieren den Hautstoffwechsel, entschlacken, entgiften, spenden Feuchtigkeit und lindern Hauterkrankungen. Durch die natürliche Hautfeuchtigkeit soll auch die Faser Vitalstoffe wie Kalzium, Magnesium oder Vitamin E freisetzen, die von der Haut aufgenommen werden, so der Hersteller.

Gewaltfreie Seide

Der edle Stoff Seide ist zwar von Haus aus ein Naturprodukt, wird aber mithilfe von Seidenraupen hergestellt – für Veganer ein Tabu. Ein Ausweg könnte die „Peace Silk“ sein. Sie wird ebenfalls aus dem Kokon der Seidenraupe gewonnen, aber erst, wenn die bereits geschlüpft ist. Der indische Designer Chandra Prakash Jha lässt die gewaltfreie Seide seit 2012 in seiner Heimat produzieren. Auch Sojafaser bietet sich als Ersatzstoff an, der nahezu an die Eigenschaften von Seide heranreichen kann. Sie wird in einem speziellen Nass-Spinnverfahren aus einem Abfallprodukt hergestellt, dem sogenannten Okara, das bei der Herstellung von Tofu, Sojamilch oder Sojabohnen-Öl anfällt. Die flüssigen Proteine werden heraus gelöst und mit einer Spinnmaschine zu Fasern verarbeitet. Die Herstellung ist 100 Prozent natürlich, die Fasern sind komplett biologisch abbaubar. Und die Klimaeigenschaften sind vergleichbar mit denen von Baumwolle, Seide und Leinen. Der seidige Glanz macht sie zu einem perfekten Material für modische Strickgarne.

Lotus-Seide – ein exklusiver Stoff

 Fasern im Stängel des Lotus für Lotusseide - cumi&ciki

Fasern im Stängel des Lotus für Lotusseide – cumi&ciki

Die vermutlich teuerste Seide der Welt ist ebenfalls überhaupt keine Seide, sondern die Faser der Lotusblume. Ein Sakko aus der sogenannten Lotusseide kostet rund 7000 Euro, ein Halstuch immerhin rund 100 Euro. Lotusseide ist leicht, atmungsaktiv und wasserabweisend, kühlt bei Hitze, wärmt bei Kälte und knittert nicht. Der ecru- bis bronzefarbene Stoff gleicht dem von Rohseide oder Leinen. Hergestellt wird sie ausschließlich in Myanmar. Eigentlich war das kostbarste Material aus der heiligen Pflanze jahrhundertelang allein den Mönchen und Buddha-Statuen vorbehalten. Seit 2010 bezieht das italienische Modeunternehmen Loro Piana größere Mengen des Stoffes und fertigt daraus zehn bis fünfzehn maßgeschneiderte Sakkos pro Monat.

Hergestellt wird Lotusseide bisher ausschließlich von Angehörigen des um den Inle-See siedelnden Intha-Volks. Etwa 500 Seidenweberinnen arbeiten mittlerweile am Inle-See. Zum Ende der Regenzeit ernten sie die Stängel der Lotosblüten und -blätter und legen die rund fünf Mikrometer starken Fasern frei. Diese werden verzwirnt, gesponnen und feucht gehalten, mit Reisstärke behandelt und am Handwebstuhl gewebt. Eine Frau spinnt am Tag zwischen 80 und 100 Gramm Faden, für einen Meter Stoff braucht sie 10.000 Stängel und eine Woche lang Zeit.

Alternative Mode von jungen Labels

Zahlreiche neue Ökomode-Labels produzieren moderne, ökologische und faire Kleidung, von Streetwear aus Eukalyptus über Business Mode aus veganer Seide bis hin zu sexy Unterwäsche aus Milch. Die meisten Läden und Labels finden sich in Großstädten. Auf der Internet-Plattform getchanged.de des Netzwerks „Faire Mode“ finden sich entsprechende Shops. Besonders Berlin sticht hervor, wo eine breite grüne Bewegung auf Startup-Kultur und Gründergeist trifft. Auf dem von kreativen Berufen geprägten Stellenmarkt der Hauptstadt werden neben IT-Kräften besonders Designer und Gestalter gesucht. Aktuell listet die Plattform getchanged.de knapp 90 Marken in der Hauptstadt, die ihren Absatz in ebenso vielen Öko-Geschäften finden. Beispiele für bekannte Berliner Labels sind etwa Slowmo, Caro e., jovoo, Ken Panda oder Sommergold. Lange suchen muss man also nicht, wenn man dieses Jahr auf eine nachhaltige Sommergarderobe umsteigen will – ein bisschen Umweltbewusstsein steht heutzutage schließlich jedem gut.

Originally posted 2016-05-31 16:10:06.