Jemanden auf die Berliner Fashion Week zu schicken ist grausam. Mich als bekennenden Modevollpfosten auf die Berliner Fashion Week zu schicken ist schlichtweg böse. Ließ man mich doch nichtsahnend und total unvorbereitet in die Höhle des Löwen rennen. Für einen externen Zuschauer wären meine ersten tapsigen Gehversuche in dieser Glitzer-Glamour-wie-sind-wir-nicht -alle-schön-und-wichtig-Welt bestimmt sehr unterhaltsam gewesen. Für mich persönlich war es vielmehr das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Aber was tut man nicht alles für ein Interview und für seinen Chef, versteht sich.

Polaire auf der Berlin Fashion Week 2014

Da saß ich also. Alleine, unbeholfen, mich an mein Buch und meine Club Mate klammernd, einen Schokoriegel essend, inmitten der deutschen C-Prominenz und zog verachtende „Wie kann sie nur was essen und überhaupt, was hat die denn da an“-Blicke auf mich. Noch EINE Stunde bis zur Show. Die Zeit vergeht eben nie, wenn man es sich wünscht.

Irgendwann geht es dann aber doch los. Auf weißen (!) Edel-Bierbänken findet man Rosen und ein paar kleine „Give-Aways“, wie das im Modezirkus-Slang so schön heißt. Ein Versuch die kritische Meute milde zu stimmen? Mag sein. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. Denn die Kollektion von Eva Poleschinski alias ep_anoui spricht für sich. Auch wenn ich davon wenig bis keine Ahnung habe, ist das, was die Jungdesignerin aus Wien da macht, ohne Zweifel schön anzusehen. Schlicht und dennoch ein Hingucker. High Fashion und dabei tragbar. Und das scheint man auf den Laufstegen, die die Welt bedeuten, nicht allzu oft zu finden. Zumindest, wenn ich den Mode-Videos, die mir der Friseur meines Vertrauens beim Haare waschen zu Gemüte führt, Glauben schenken darf.

Die Modegurus, Blogger und selbsternannten Fashionistas sind entzückt. Begleitet von aufgeregtem Getuschel werden mit dem Handy – und wer ganz cool ist mit dem Tablet – hektisch Fotos gemacht, die bereits zwei Minuten später auf den diversen Social Media Kanälen getwittert, gepostet oder sonst was werden. Es lebe das Internet, es lebe die Multifunktionalität! Wer muss sich schon auf das Hier und Jetzt konzentrieren, wenn er im selben Moment dem World Wide Web mitteilen kann, wie cool er nicht ist, weil er Zutritt zum Mercedes-Benz Zelt erhalten hat?

Business geschieht da, wo Alkohol fließt.

Naja. Zurück zum Getuschel. Das galt nämlich vor allem den außergewöhnlichen Schuhen und Sonnenbrillen, die die lethargisch vor sich hin schreitenden Models trugen. Und die kamen, wie viele der Anwesenden vermutlich nicht wussten, nicht von Eva Poleschinski, sondern von Daniel Reist und seiner Partnerin Anna-Maria Pankiewicz. Erst seit kurzem machen der Jungdesigner und die modeaffine Wirtschaftsstudentin gemeinsame Sache. Im vergangenen Herbst lernten sich die beiden zufällig in einem Club in Wien kennen, kamen ins Gespräch und gründeten wenig später ihr Label polaire. „Das ging alles total schnell.“, erzählt Reist. „Polaire gibt es im Grunde erst seit November 2013 und jetzt sind wir schon hier.“ Tja, so läuft das eben manchmal. Business geschieht da, wo Alkohol fließt.

Die Kollaboration mit ep_anoui ergab sich dann genau zum richtigen Zeitpunkt. „Von den Schuhen gab es schon ein paar Prototypen. Wir wussten nur noch nicht, wie und wo wir sie zeigen konnten. Glücklicherweise ist Wien eine kleine, und was die Modewelt anbelangt, gut vernetzte Stadt.“ So kam es also, dass  Eva Poleschinksi die beiden Jungunternehmer bat, sie auf die Berlin Fashion Week zu begleiten und ihre Models mit den Accessoires auszustatten. „Das war schon eine große Ehre für uns, dass Eva genau unsere Sachen wollte.“, erinnert sich Anna Pankiewicz stolz.

Mode by ep_anui; Schuhe by polaire

Mode by ep_anui; Schuhe by polaire

Hut ab. Krasser Start für ein neues, unbekanntes Label, das sich derzeit noch in den metaphorischen „Designer“-Kinderschuhen befindet. Die Grundidee von polaire ist simpel: „Design it yourself“. So soll in enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Kunden den Lieblingsaccessoires Charakter eingehaucht werden. „Wir möchten unseren Kunden die Möglichkeit geben ihrem Schmuck eine persönliche Note zu verleihen, dabei aber trotzdem die polaire-Ästhetik einfließen lassen.“, erklären die Designer ihr Konzept. Die angesprochene polaire-Ästhetik ist eine durch und durch Künstlerische, Experimentelle und vor allem von der Natur inspirierte.

„Wir schließen nichts aus. Mal sehen, was passiert.“

Funktionieren soll das Selbstdesignen möglichst einfach und kundenfreundlich. Und was liegt da näher als eine eigene App, mit der man seine ganz persönlichen Kunstwerke gestalten kann. Doch das ist derzeit noch Zukunftsmusik. Zukunftsmusik, die aber vielversprechend klingt. „Die App soll in den nächsten Monaten entstehen“. Und auch eine eigene Modelinie scheint nicht unvorstellbar. „Derzeit konzentrieren wir uns mal auf Schuhe, Sonnenbrillen und Schmuck. Das soll aber nicht heißen, dass wir nicht auch mal andere Bereiche bedienen wollen. Wir schließen nichts aus. Mal sehen was passiert.“

Passieren sollte vermutlich auch noch was mit dem immens hohen Preis, den man derzeit für die kleinen Wunderwerke hinblättern muss. Zumindest, wenn die Sachen auch irgendwann für Normalsterbliche leistbar werden sollen. Erklärt werden mir die utopischen Preise durch die komplizierte, zeitintensive und extrem kostspielige Produktion mittels Hightech 3D Druckern. „Als ich noch studiert habe, hätte so ein Schuh in der Produktion ein kleines Vermögen gekostet. Das hat sich schon sehr verbessert. Wir sehen das, was wir machen als Kunst, die eher im Haute Couture Bereich angesiedelt ist. Das hat leider auch seinen Preis.“, rechtfertigt sich Reist.

Polaire

Schuhe by Polaire

Aber egal. Preis hin oder her. Was der kreative Kopf Daniel Reist und sein „Evaluierungssystem“ Anna Pankiewicz – wie er seine Partnerin liebevoll nennt – da machen, ist schick und innovativ. Ihr ungebrochener Glaube an ihr Produkt und der Mut, mit dem die beiden ihr Ziel verfolgen, außerdem beeindruckend. „Berlin war der erste, aber sicher (und hoffentlich) nicht der letzte Stopp auf unserem Weg. Wir haben viel vor. Wir wollen experimentieren und kennen dabei keine Grenzen“, resümieren die beiden nach dem ersten offiziellen Auftritt als Marke polaire.

„Modeschauen sind die beste Werbung, die man kriegen kann.“

Neben den coolen Designs der Produkte ist es insbesondere die gelassene, dabei aber auch realistische Art der beiden Unternehmer mit dem Modebusiness umzugehen. „Was vor und hinter den Kulissen passiert, kann man nicht vergleichen. Das sind echt zwei verschiedene Welten. Klar, bis zu einem gewissen Punkt ist das schon eine Scheinwelt, aber für uns ist Mode Kunst und von allem anderen kann man sich auch fern halten, wenn man das möchte. Diese Schickeria ist „part of the game“ und damit muss man einfach lernen umzugehen“ erzählt Pankiewicz nüchtern. „Als Designer bekommt man das gar nicht richtig mit, weil man so im Stress ist.“, ergänzt Reist. “Ich für meinen Teil war echt beeindruckt von der Professionalität und Gewissenhaftigkeit mit der hier Backstage gearbeitet wird. Modeschauen sind für mich wie Ausstellungen und damit die beste Werbung, die wir für unser Produkt bekommen können.“

Praktikable und vermutlich auch sinnvolle Sichtweise, die ich mir auch – und wahrscheinlich schon vor meinem Ausflug in die Modewelt – hätte zulegen sollen. Ich ziehe also meinen imaginären Hut vor dem sympathischen Designer-Duo, biete mich als Testträgerin ihrer Produkte an und bin dennoch – und trotz des netten Gesprächs – etwas erleichtert, als ich der Cola-Light nippenden Bussi-Bussi-Gesellschaft wieder den Rücken kehren darf. Dennoch es hat sich gelohnt. Allein schon deshalb, weil ich nun ein weiteres potentielles Berufsfeld getrost von meiner Liste streichen kann.

Originally posted 2014-01-23 11:10:19.