Nachdem bereits die Sneakers auf den Catwalks dieser Welt gefeiert wurden und Rap- und Popkünstler wie Sido und Miley Cyrus ihnen zu Ehren äußerst melodiöse Tracks komponieren liessen, dürfte sich eigentlich niemand mehr über den Einzug der Jogginghose in den Fashion-Olymp wundern. Tun die meisten aber doch – galt das Baumwoll-Beinkleid lange Zeit als Symbol für verkaterte Sonntage und lässiges Klötenbaumeln nach dem Basketballspiel.

Viele von uns bringen Jogginghosen noch immer mit inkontinenten Nazis (Rostock-Lichtenhagen), dem RTL-Samstagabend-Comedy-Programm (Cindy aus Marzahn) oder der rauen Ich-habe-die-Schule-abgebrochen-und-wurde-9Mal-angeschossen HipHop-Kultur in Verbindung.

Was wurde eigentlich aus: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“?

Das sehen ein paar Designer, Modeblogger und -journalisten mittlerweile anders. Bereits Anfang letzten Jahres berichteten die „Großen“ synchron vom neuen, auf keinen Fall zu vernachlässigenden Trend „Jogginghose“ und wie das modische Zelt (ihr könnt an seiner Alltagstauglichkeit rütteln, aber nicht an seinen Dimensionen!!) die edelsten Kombinationen komplettiert. Tatsächlich wanderte die Jogginghose schneller als es den meisten lieb war, von der Couch auf den Catwalk.

Hatte sich der egozentrische Kanye West noch Monate zuvor über die Ablehnung seiner Leather Joggingpants in Rom echauffiert, schickte sogar der klassische Karl Lagerfeld Cara Delevigne in einem löcherigen, pinken Jogginganzug für Chanel auf den Laufsteg. Soviel übrigens zu „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“.

Ist es nun also wirklich passiert, dass die Jogginghose salonfähig gemacht wurde? Jep. Die ehemalige Sportlergarderobe mit Gammelcharakter wurde zur Alltagsgarderobe mit Rammelpotenzial – in dem (durchaus sexuell gemeinten) Sinne, dass Typen und Frauen in gleichgültig wirkenden Baumwollhosen weder im Club, noch im Restaurant oder gar beim Flirten der Korb droht. Von Bloggern gehyped, von Modelabels (siehe Chanel, tigha oder Hilfiger) ins Fashion-Repertoire aufgenommen, vom Street Style nicht mehr wegzudenken: Wir sind Jogginghose. Und wir verkaufen Jogginghose – nämlich so, wie es sich nach der Ernennung zum Modeobjekt gehört – an Leute mit Style und dem nötigen Kleingeld.

Die Jogginghose scheint eine interessante Reise durchzumachen: Vom Laufsteg auf die Straße und von dort aus sogar in den nächsten Bürokomplex. Natürlich schleicht sie sich nicht in irgendwelche Büros, nein, das betrifft vor allem Start-ups und hippe Agenturen, die schon seit Längerem die Kleidungsvorschriften etwas lockern (Stichwort: Casual Friday). Spätestens jetzt stellt sich schon die Frage: Revolutionieren Jogginghosen etwa den Dresscode? Auf jeden Fall wünschenswert, da sehr bequem. „Das geht doch nicht!“, ruft jetzt vielleicht der spießige Krawattenträger und verweist auf die nötige Seriosität im Geschäftsumfeld. Aber haben wir davon nicht sowieso viel zu viel?

Wir sind lässig und das ist auch gut so.

Ob die Jogginghose damit ihren ursprünglichen Charakter verloren hat wie einst die Dr. Martens, die Hornbrille oder die Bomberjacke? Schon möglich.

Die Gabe der Modebranche, kleidungstechnische Symbole anders und in ursprungsfremden Kontexten neu aufleben zu lassen, ist in keinem der Fälle zu leugnen. Dass dabei Hintergründe verloren gehen, ist klar. Das kann man jetzt der kapitalistischen Modewelt zuordnen, den oberflächlichen Konsumenten oder der schnellen Welt, in der wir leben. Am Ende – und das klingt jetzt furchtbar langweilig und unreflektiert – ist es uns Latte, was die Leute tragen. Wer davon glücklich und zufrieden wird, kann ja auch noch immer behaupten, er wäre der Erste mit Jogginghose gewesen.

outfit mit jogginghose thigha

Jogging trifft beim deutschen Label tigha Avantgarde und überraschenderweise unseren Geschmack. Foto: Tigha

jogging mit lederjacke kombinieren elegant tigha

Foto: Tigha

jogging mit hemd chick tigha outfit

Foto: Tigha

Titelbild: Tigha

Originally posted 2015-10-21 17:00:23.