Wer Bilderbuch noch nicht kennt, sollte das fix nachholen, denn die vier Österreicher bringen die deutschsprachige Musiklandschaft gehörig durcheinander. Nicht zuletzt durch ihre grandios ironisch nicht-ironischen Videos und die einfachen, aber pointierten Texte, machen sie nicht nur Medienmacher ganz wuschig.

Ich habe mich in Hamburg mit Sänger Maurice und Drummer Philipp auf eine Tannenwald-Limo getroffen. Wir einigten uns darauf, dass das Gesöff irgendwie wie Almdudler oder Jägermeister ohne Alkohol schmeckt und haben anschließend ein bisschen über Bildsprache in der Musik und Exzentrik auf der Bühne gesprochen.

 

“Bilderbuch sind wohl die einzigen neben Kanye West, die Autotune verwenden können, ohne absolut beschissen zu klingen – und das auch noch auf Deutsch” Ein Zitat aus der VICE. Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?

Maurice: Das ist ein super Kompliment. Wie kann man Autotune verwenden, ist ja eine kreative Frage und keine Prinzipfrage.

Mit Bilderbuch in Hamburg

Instagramkompatibel kuscheln mit Maurice und Philipp

 

Wie würdet ihr euren Sound in wenigen Sätzen selbst beschreiben?

Maurice: Das ist eigentlich so eine unmögliche Frage. Wir machen uns ja die meisten Gedanken zu unserem Sound. Ich glaube, ein Blick von außen würde es am besten beschreiben. Um mich da jetzt rauszuwinden: sag du’s!

Das ist jetzt aber fies.

Maurice: Na gut. Ich würde es emotional ausdrücken und sagen: Unsere Musik soll aufregend sein. Egal wie es am Schluss klingt. Ob es eher beatlastig, melodiös oder looplastig ist, am Ende muss es irgendwie spannend bleiben, auch für uns. Und wenn es diese aufregende unberechenbare Note behält, dann ist das unser Sound.

Aber der entwickelt sich ja auch stetig. Wo würdet ihr euch auf dieser Entwicklungsskala gerade einordnen und welche Klangexperimente würdet ihr gerne noch machen?

Philipp: Das ist zurzeit ein Crossover. Kommend aus dem Indie irgendwo hin über elektronische Einflüsse wie Autotune, verschiedene Synths, Loops und Verzerrungen. Experimentell auf allen Ebenen.

Maurice: Diese collagenartige Musik, die jetzt gerade anfängt ihr Hoch zu feiern. Man darf jede Musik jederzeit hören und ist nicht mehr nur aus einer Generation inspiriert. Früher hatte man die Platten von Mama und das war die erste Inspiration. Heute kann man von der Underground-Soulplatte der Siebzigerjahre, bis hin zum Underground-Elektroniktrash innerhalb von Sekunden springen, ohne sich dabei groß damit auseinander setzen zu müssen. Das macht die moderne Popmusik aus. Und so empfinde ich auch unsere Musik. Zumindest macht sie  auch diese Sprünge. Es gibt kein Dogma. Das ist das neue Dogma. Alles.

Philipp: Und am Ende des Tages muss man den Song trotz der Experimente wieder auf einem stabilen musikalischen Grund reduzieren. Das ist die Schwierigkeit.

Stichwort Inspiration: Ihr habt anfänglich Kinderbücher vertont. Was genau? Wenigstens die dreckigen Splatterversionen der Grimms Märchen?

Maurice: Ja, klar. Das war ja das lustige daran. Es gibt sehr harmlose Märchen, aber wir haben lieber Struwelpeter genommen. So mit Daumen abschneiden und Mord und Totschlag. Das war schon wichtig. (lacht) Wenn wir schon Kindergeschichten vertonen – wir waren ja damals 14 oder 15 Jahre alt –  dann musste es das sein.

Wie wichtig ist es heute zur Musik das Visuelle zu liefern?

Maurice: Mittlerweile extrem wichtig. Heute werden die Ideen zu Songs und Videos parallel geboren.

Philipp: Da gibt es sofort die Bilder dazu und gewisse Farben. Das mit dem Türkis zu „Plansch“ war zum Beispiel sehr naheliegend. Die Farbgebung spielt bei uns eine große Rolle, wie mit dem gelben Lamborghini in „Maschin“.

Maurice: Das sind so lauter kleine Gedanken und klingt konzipierter als es ist. Aber bunter als im Internet geht es ja kaum noch. Da kam die Idee, mit den Farben zu sparen und Klartext zu reden. Aber die Bildlichkeit findet sich ja schon in unseren Songtiteln. Es sind keine Begriffe, die sich nicht greifen lassen, wie…

…Leichtigkeit des Seins?

Maurice: Ja, so etwas. So philosophische Begriffe. Es sind klare Worte. Der nächste Song wird Softdrink heißen. Das gibt direkt ein Bild, ein Klischee, eine Farbigkeit. Der Titel klingt. Deswegen ist eigentlich die bildliche Idee nicht das ausgedachte Video am Schluss, sondern begleitet den gesamten Entstehungsprozess.

Und gerade der Song „Moonboots“ bekommt ja in Hamburg dank klarer Bildsprache nochmal eine ganz andere Bedeutung.

Maurice: (Lacht) Ja, stimmt. Die Damen auf der Reeperbahn.

Das Video zu „Maschin“ wurde beim Miami International Film Festival unter die zehn besten Musikvideos international gewählt. Wo kam die Idee zum Clip her und hättet ihr geahnt, dass die Nummer so durchstartet?

Maurice: Die Idee ist schon älter als das Plansch-Video, aber der Lamborghini war noch nicht von Anfang an geplant. Es war nur klar, dass früher oder später ein Auto herhalten muss. Der gelbe Lamborghini war dann der Feinschliff.

Und bezüglich Hit und Video: Natürlich möchte man irgendwann einmal punktiert arbeiten. Ob das jetzt kommerziell irgendwie erfolgreich oder nicht erfolgreich ist, sei dahingestellt. Genauso wie du in der Musik Bilder mit Worten erzeugst muss auch das Video sein. Je klarer du arbeitest und trotzdem den eigentlichen witzigen Twist nicht verlierst, umso eindrücklicher. Und das ist uns wohl geglückt.

Wie kreiert man diese Stimmung in den Videos zwischen Sex und Ironie, bei der Zuhörer und –schauer nicht wissen, ob sie sabbern oder kichern sollen, ohne dass sie kippt?

Maurice: Das kann ich kaum erklären. Wenn man sich einen Woody Allen Film anschaut hat man am Schluss auch immer das Gefühl, dass er irgendwie zwischen Kitsch und Niveau ist, oder zwischen Humor und Ernsthaftigkeit. Mir ist in den letzten Jahren ein bisschen auf die Nerven gegangen, dass alles immer so plakativ lustig sein muss. Das heißt, wenn was lustig ist, dann ist der McFitti gleich so unglaublich lustig, dass mir das Lachen vergeht, in dem Moment, in dem er mit seinem Bart reinkommt. Sicher ein netter Typ und so, aber mir hat trotzdem diese Art von Humor nicht gefallen. Dass man so darum heischen muss, dass jeder lacht. Trotzdem ist Humor in der Musik und auch in Videos grundsätzlich extrem wichtig. Ein Video ohne Humor gibt mir längerfristig auch weniger. Selbst unsere eigenen Videos ohne Humor haben mir auf Dauer nicht so gut gefallen, wie die jetzt, weil die eine leichte Prise an Ironie haben. Ob der Videoschauer das jetzt lustig oder anstößig findet, weiß man nicht. Du wirfst es den Leuten hin und pokerst, dass es hinhaut. Den Rest erledigen im besten Falle dann sie.

Und wie bringt man nun Laszivität ins Spiel ohne in Ironie abzudriften?

Maurice: Immer wieder zu Hause vor sich hin singen. Und in dem Moment, in dem es dir selbst nicht mehr peinlich ist, was du singst, weil du es so gut verkaufen kannst, bist du bereit. Das ganze einfach mit Selbstbewusstsein vortragen.

Auf der Bühne post ihr ja auch ganz schön. Gehört in eine Rolle schlüpfen dazu, um die Message zu transportieren?

Maurice: Finde ich gar nicht so. Es ist wichtig an diesem Rockoperntouch vorbei zu schlittern. Was nicht heißt, dass man nicht prinzipiell größere Gesten verwenden darf auf einer Bühne. Wenn ich jetzt mit dir reden würde wie auf der Bühne, wäre das überdimensioniert und du würdest wahrscheinlich in Peinlichkeit versinken hier im Kaffeehaus (Anmerkung der Redaktion: Hach, Österreicher! Er meint natürlich Café.). Das hat nichts mit einer Rolle zu tun. Mein Charakter passt sich der Situation an.

Philipp: Aber er ändert sich dadurch nicht. Mich fragen oft Leute, was ist denn mit dem Maurice los. Das ist ja voll der Schauspieler. Ich sage dann: Nein, das ist einfach der Maurice bloß halt auf der Bühne. Er ist immer noch die gleiche Person.

Maurice: Oder anders ausgedrückt, ich spiele halt jedes Mal die Rolle meines Lebens. (Lacht)

 

Originally posted 2014-04-24 14:00:50.