Wir haben uns mit dem Offenbacher Rapper Haftbefehl im Pfannkuchenhaus getroffen und
über Zukunftspläne, Straßenrap und auch ein bisschen über sein neues Album gequatscht.

Aykut Anhan – wahrscheinlich besser bekannt als Haftbefehl – ist der Mann, der seit einiger Zeit schon ganz Rapdeutschland spaltet. Seit seinem ersten Album, das auf den Namen Azzlack Stereotyp hört, hat er einen tiefen Graben zwischen den Rapfans und auch allen anderen Musikinteressierten gezogen. Seine darauffolgenden Veröffentlichungen haben diese Kontroverse nicht gerade abgeschwächt, eher im Gegenteil. In den Youtube-Kommentaren tummeln sich Hip Hop Heads und solche, die sich dafür halten, aber auch Kiddies, denen langweilig zu sein scheint, Ausländerfeinde genauso wie ausländische Mitbürger, die alle ihren Senf zu den Machenschaften des 27-jährigen abgeben wollen.
Senf ist in diesem Zusammenhang allerdings noch harmlos. Denn der ist zwar scharf, wird aber weder ausfallend, noch beleidigt er Mütter und weist auch sonst keine rassistischen Tendenzen auf.
Die ganzen Schwachmaten schlagen sich immerhin mit der rhetorischen Keule regelmäßig die Köpfe ein, was Herrn Haftbefehl allerdings eher wenig tangiert. „Ich lese mir schon immer mal wieder die Kommentare auf Youtube durch, sagt er schmunzelnd, „einfach, weil ich es lustig finde. Er mache lediglich sein Ding, sagt er weiter, weshalb auch das neuste Album
Blockplatin wieder ganz anders geworden sei, als seine bisherigen Platten.

Als ich ihn darauf anspreche, dass er einzelne Parts sogar selbst eingesungen habe, wendet er sich an seine Promoterin und fragt nach, wie es ihr denn gefallen habe. „Cool, ich höre mich nicht schrecklich an, hat sie gesagt und die hat Ahnung von Musik!.“
Ob es denn auch Leute gibt, die das anders sehen, will ich wissen. „Bestimmt, aber ich habe jetzt keine Konferenz mit allen abgehalten, die mein Album gekauft haben, um nachzufragen, was denen gefallen hat und was nicht.? Aber selbst für die Hater hat er ein paar warme Worte übrig: „Ich liebe alle, die mich hassen, Alter.“
Wer ist dieser Mensch, der ganz genau um die Kontroverse Bescheid weiß, die er hervorruft, der zwischenzeitlich mal Drogen am Frankfurter Hauptbahnhof dealte und diese Zeit seines Lebens auch vordergründig in seinen Texten thematisiert, was ihm zu besagtem Erfolg verhalf. Wer er ist kann man bei Wikipedia nachlesen, viel interessanter ist jedoch, was er ist.

Denn er ist vor allem eines: überraschend sympathisch. Er steigt aus dem Taxi, guckt sich um, schüttelt jedem in Reichweite die Hand, grüßt ganz brav und steckt sich erst mal eine Kippe an.
Nach Genuss des Glimmstängels beginnen wir ganz entspannt unser Interview und Babba Haft steigt direkt mit einem Scherz über die beiden Kerle, die das Etikett des Limonadenerfrischungsgetränkes zieren, welches wir dargeboten bekommen, ein: ?Die sehen schon so aus, als hätten sie im Keller aneinander ‚rumgefummelt?, lacht er, nimmt einen großen Schluck und ruft dann begeistert aus, wie ausgesprochen gut ihm diese Limonade doch schmecke.

Haftbefehl


Diese Mischung aus Ignoranz, Schulbubenschalk, einer gewissen Selbstüberschätzung und der Fähigkeit sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, spiegeln sich sowohl in seiner Person und seinem Auftreten, als auch und eben gerade in seiner Musik wieder. So antwortet er beispielsweise auf die Frage, was für ihn ein richtiges Straßenrapalbum ausmache und was der Rapper dafür mitbringen muss, er sehe Streetrap als tot an. „Tupac und Biggie waren noch Straßenrap, aber selbst 50 Cent und Jay Z fahren doch heute einen vollkommen anderen Sound, weshalb mein Album
Azzlack Stereotyp – auf Deutschland bezogen – der letzte wirkliche Klassiker war. Danach hat mich nichts mehr richtig geflasht, vom Streetrap her.“

Diese Attitüde erscheint so unfassbar hochnäsig und arrogant, das man am liebsten aufstehen und gehen möchte.

Allerdings sagt er ein paar Sätze später, als ich mich nach dem nächsten logischen Schritt in seiner Karriere erkundige, dass er einfach keine Alben mehr machen könne, auf denen er ausschließlich Mütter beleidigt und über Pumpguns und Uzis rappt, „das ist Schwachsinn, weißt du.“
Das sagt er mit einem dermaßen breiten Grinsen, dass man am liebsten sitzen bleiben würde und noch drei Limos mit ihm trinken möchte, während man über Gott und die Welt quatscht.

Zum Beispiel über Wunschfeaturegäste. Bevor ich meinen Satz beenden kann, kommt „Falco, will ich auf jeden Fall mit auf dem Album haben!, wie aus der Pistole geschossen, „aber ich glaube, von dem haben wir leider keine Spuren mehr irgendwo herumliegen.“ Aber Kendrick Lamar fände er ganz großartig und auch Booba könnte er sich in einer Kollaboration gut vorstellen. „In Deutschland gibt’s auch den Ein oder Anderen, aber da will ich noch nichts verraten – wieder das breeeeite Grinsen – „da warten wir erst mal ab, was von der anderen Seite an Feedback kommt und ihr werdet euch überraschen lassen müssen.“
Ich spreche ihn in diesem Zusammenhang darauf an, dass ich mittlerweile von auffallend vielen deutschen Rappern gehört habe, dass sie kaum bis gar keinen Deutschrap hören. Aber Babba Haft korrigiert mich sogleich: „Hmm … das würde ich so nicht sagen, weil viele Deutschrapper auch mich hören, Alter. Die geben’s nur nicht zu.“
Nach einigem Gelächter, wobei er vorangegangene Aussage mit todernster Miene traf, führt er das genauer aus. „Es traut sich einfach keiner mehr was. Chabos wissen wer der Babo ist zum Beispiel macht 15 Millionen Klicks, obwohl die Leute kein Wort verstehen.
Sowas traut sich keiner in Deutschland und deshalb ist das Meiste einfach langweilig und die hören sich nicht gegenseitig.“ Momentan höre er aber sowieso wenig Musik, da er an seiner eigenen arbeite und nicht Gefahr laufen will in seinem kreativen Schaffensprozess möglicherweise beeinflusst zu werden. Nichtsdestotrotz pumpt er gerade alles, von Rihanna (ÜBERKRASS – laut eigener Aussage) über englischen Grime, bis hin zum neusten Nas Album.

Haftbefehl

Nachdem ich dafür gerügt wurde, dass ich Nas vor kurzem in Berlin live gesehen und dort kein Feature mit Haftbefehl klargemacht habe, war er mir wieder recht schnell wohlgesonnen, als er herausfand, dass wir aus der gleichen Hood kommen.
Das nächste Eis genehmigen wir uns gemeinsam in der Seligenstädter Altstadt und schlendern dann, über Straßenrap fachsimpelnd, den Main entlang.

Fred

Originally posted 2013-10-15 22:23:00.