Wie wichtig es ist, lokale Kunst- und Kulturschaffende zu unterstützen, wird gerade in Berlin immer wieder deutlich. Daher machen wir das und erzählen euch an dieser Stelle von der Vernissage eines jungen Berliner Künstlers, die am 10. April in Kreuzberg stattfindet.

Wessen Ausstellung?

Christopher Kieling wurde in München geboren, lebte seit seinem ersten Lebensjahr in Berlin, bis es nach der Trennung der Eltern nach Köln ging, von wo aus er nach London zum Studieren aufbrach. Seine Basis bleibt Berlin, wohin es ihn unmittelbar nach Ende des Studiums wieder zog. Warum das so ist und was er sonst noch zu erzählen hat, haben wir in seinem Hauptquartier an den Ufern des Neuköllner Schifffahrtskanals herausgefunden.

Christopher Kieling Ausstellung

„Wandel“

 

Stell dich doch bitte kurz vor. Wo kommst du her, wo willst du hin?

Hm, ja.
Ich heiße Christopher Kieling und wusste bis zum Ende des Studiums nicht richtig, in welche Richtung es gehen sollte und selbst jetzt ändert sich das alle paar Monate. Ich habe in England Grafikdesign studiert, aber währenddessen schon gemerkt, dass das überhaupt nicht meine Schiene ist.
Obwohl ich früh mit Graffiti angefangen und mich künstlerisch betätigt habe, waren meine Eltern der Ansicht, man solle damit am besten auch noch Geld verdienen können. Deshalb habe ich mich für ein Studium entschieden.
Da gab es aber immer eine Trennung zwischen meiner Malerei und freier Kunst, was mich viel mehr interessiert hat und den Uni-Aufgabenstellungen, die erledigt werden mussten.

Nachdem ich wieder in Berlin zurück gewesen bin, wollte ich gerne was eigenes machen und das ging auch super schnell. Innerhalb von ein paar Wochen hatten wir einen Atelierraum mit mehreren Leuten, allerdings wusste keiner so richtig, in welche Richtung wir uns bewegen und was wir machen sollten. Die einen wollten Fassadengestaltung und Graffiti, die anderen Siebdruck und Collagen und das hat sich relativ schnell wieder aufgelöst. (lacht)

Wir haben viel Schweiß und Herzblut rein gesteckt, aber das Resultat war, dass jeder für sich selbst herausfinden musste, was er werden oder machen will.
Bei mir ist das in letzter Zeit fast ausschließlich die Portraitarbeit geworden.
Das fing 2014 im Kleinen in schwarz/weiß an und nachdem ich die Technik auf die große Leinwand übertragen konnte, wurde mir es ein wenig zu eintönig und ich bin zurück zur Farbe gegangen. An diesem Punkt stehe ich jetzt (lacht).

 

fred_chrisBeim Künstler Zuhause

 

Du bist viel herum gekommen, letztendlich aber wieder in Berlin. Was hält dich hier und unterscheidet sich die Stadt oder speziell die Kunstszene von anderen Städten?

Puh, London zum Beispiel ist eine reine Katastrophe … auf vielen Ebenen. (lacht)
Im Londoner Kunstmarkt geht es fast nur darum, wen man kennt, wieviele Klicks man hat – man muss ein gewisses Standing haben, um irgendetwas zu reißen.

Berlin ist in der Hinsicht viel offener. Man kann in jeder Kneipe ausstellen, wenn man möchte. Das macht es deutlich einfacher, andererseits herrscht auch ein gewisser Overkill, weil es so viele Leute gibt, die das dann auch machen oder extra deswegen nach Berlin kommen.

 

Von der Straße in die Galerie.
Was unterscheidet eine Hauswand von der Leinwand?

Zeit! (lacht)
Du hast richtig viel Zeit und Wetterbedingungen und solche Sachen haben genervt.
Es hört sich komisch an, aber was ich an Graffiti gehasst habe ist, dass man sich beeilen musste.

Einerseits mochte ich die Ausdrucksmöglichkeiten und so weiter, aber mich hat gestört, dass man nicht länger bleiben kann, um sich um die Details zu kümmern. Illegal herrscht sowieso Zeitdruck, aber auch an legalen Wänden muss man irgendwann nach Hause gehen.

 

IBug 2014 Kieling

„Michael Brown“ @ IBug 2014 in Crimmitschau (legale Wand)

 

 „Til the wells run dry“ – warum diese Titelwahl und was passiert, wenn die wells dry gerunned sind?

So heißt nicht nur die Ausstellung, sondern auch das Bild, das für die Flyer verwendet wurde. Es steht symbolisch dafür, dass wir zwar genau wissen auf welchem Weg wir uns befinden, aber meistens immer erst hinterher so richtig Gedanken darüber machen.

Auf diese Phrase bin ich ursprünglich ehrlich gesagt durch einen Kendrick Lamar Song gestoßen und dann habe ich herausgefunden, dass „Til the well runs dry“ (also Singular) der Roman einer afro-amerikanischen Autorin ist. Das habe ich mir dann auch reingezogen und es ist echt der Knaller.
Die Frau heißt Lauren Francis-Sharma, ich glaube es ist sogar ihr Debütroman und es handelt von einer Liebesgeschichte in Trinidad. Und es geht spezifisch darum, dass eine Wahrsagerin prophezeit, dass die Frau sich erst in den Mann verlieben wird, wenn der Brunnen ausgetrocknet ist.

Ich habe diesen Titel dann genutzt und durch die leichte Abwandlung verallgemeinert. „The wells“ als allgemeiner Brunnen sozusagen. Das kann die Kreativität sein beispielsweise. Ich finde nämlich das vieles im Leben mittlerweile sehr kanalisiert wird, sodass man weniger Möglichkeiten hat im Alltag kreativ zu sein, weil vieles direkt vordiktiert wird.

Das ist eine der Quellen die sich erschöpfen wird, wie alles andere auch dahin geht irgendwann. Es ist eine Metapher auch dafür, dass das Leben auf der Erde endet, wenn es kein Wasser mehr gibt. Das ist der Kerngedanke des Ganzen.

Chrsitopher Kieling Ausstellung

„Til The Wells Run Dry“

 

Welches Bild hättest du gerne selbst gemalt?

Oft sind es ja nicht die Bilder, sondern eher Ideen.

(überlegt angestrengt)

Shepard Fairey hat einige Sachen aufgegriffen, bei denen ich mir gedacht habe, „Boah, das hätte ich auch machen sollen“ (lacht)

Ich mag auch Propagandaposter und habe mich viel mit Kriegspropaganda auseinandergesetzt, weil ich die visuelle Sprache sehr ansprechend finde.

El Lissitzki von den Russen hat viele abgefahrene Sachen gemacht. Die Engländer aber genauso.

Norman Rockwell ist auch ein super geiler Typ, der aber doch Amerikaner war, glaube ich (lacht). Er hat auch nicht unbedingt Propagandaplakate gemacht, das ist aber stilistisch so mächtig, dass ich davon einige selbst gerne gemalt hätte. (lacht)

 

Kommen die künstlerischen Vorbilder eher aus dem Graffiti- und Street Art Bereich, oder der „klassischen Kunst“?

Graffiti in letzter Zeit ganz wenig. Ich finde immer so phasenweise irgendwelche Sachen besser, als andere. Ich liebe Graffiti und ich werde immer eine Passion dafür haben, aber das ist komplett separat von dem, was ich im Moment mache.

Manche Leute versuchen einen Mittelweg zu finden, indem sie Graffiti in Galerien bringen, aber ich persönlich will keine Überleitung herstellen. Ich versuche nur irgendwie meine Gemälde zu produzieren.

Das ist ein Problem, dass viele junge Künstler haben, weil sie immer automatisch in so eine Street- oder Urban Art Schiene reingequetscht werden und das hat mich gerade in letzter Zeit genervt.
Daher versuche ich bewusst einen Bruch herzustellen und nur KUNST zu machen.
(dabei hebt er pathetisch die Hand und kichert als Reaktion auf diesen Satz)

 

Welche sind für dich die spannendsten zeitgenössischen Künstler und welche gehören zu den all time favs?

Lou Ros aus Frankreich mag ich sehr gerne. Das ist ein ganz junger Kerl, aber seine Arbeiten waren eine große Inspirationsquelle.

Drew Struzan, der richtig viele Filmplakate für alle großen Filme wie Star Wars und Indiana Jones gemalt hat, ist einer meiner Haupteinflüsse – zumindest von den noch lebenden Künstlern.

Und so generell gehört für mich auf jeden Fall M.C. Escher zu den Größten. Gerade für die Zeit, in der er seine Arbeiten gemacht hat, ist er ein verdammtes Genie. Da weiß man gar nicht, was man sagen soll, das ist komplette Hexerei. (lacht)

Käthe Kollwitz hat mir gezeigt, wie man mit wenigen Strichen extrem viel Emotion in sein Bild bringen kann. Wie sie gestaltet und gemalt hat, mit so viel Aussage und ihrer Geschichte, das ist meiner Meinung nach einzigartig.

Wer mich auch sehr stark geprägt hat, war Winsor McCay. Der hat Illustrationen für Zeitungen und Comics gemacht, war aber auch einer der ersten, die Bewegtbilder entwickelt und damit Cartoons mehr oder weniger erfunden haben. Er hat auch mit so einer Schraffurtechniken heftige Bilder gemalt und wenn ich mich für Einen entscheiden müsste, dann wäre er das. Allein von seiner Arbeitsethik her.

 Vielen Dank für deine Zeit.

Wer Zeit und Lust hat schaut am 10.04. ab 19 Uhr am Engeldamm 64 vorbei und kann seine Arbeiten in Originalgröße und aus der Nähe betrachten.

Hier geht es zum Facebook-Event ‚Til the wells run dry‘

Originally posted 2015-04-08 12:52:17.