Als das Angebot bei uns reingeflattert kam, konnten wir nicht widerstehen. Ein Anruf und SLEAZE Autorin Lene war darauf angesetzt die alten Herren Andy Fletcher und Martin L. Gore in die Zange zu nehmen. Gesagt getan.

Am runden Tisch mit alternden Journalisten auf der Suche nach ihrer Vergangenheit war der junge Dame schnell klar: Ohne Dave G. – dem exzessiven Lebemann der 80er Jahre Boyband – läuft hier gar nichts. Altherrenwitze + Fußball = Gähnende Langeweile. Der langsame Depeche Tod. SLEAZE live dabei. Ein Erfahrungsbericht.

Ich hetzte die Stufen des riesigen Hotels in Berlin Mitte hoch. Komme etwas zu spät. Die anderen, strebsamen Journalisten sitzen alle bereits am Tisch. Ich bin da.
Wir können anfangen. In der Mitte – Andy Fletcher und Martin L. Gore. Der eine, lässig die Arme auf den Tisch gestützt. Martin trägt schwarze Fingernägel, die das Herz eines jeden Emos höher schlagen lassen.

Beide lächeln freundlich. Die Jahre haben bei den Mitgliedern von Depeche Mode ihre Spuren hinterlassen. Jahrelange Exzesse kann man Martin an der Nasenspitze ablesen. Müde Augenlider und Kajal unterstreichen das eindrucksvoll.
Wer hier radikale Ansichten, Rock´n Roll Attitüden oder zumindest bittere Sprüche über das oberflächliche Musikgeschäft wittert, kommt 10 Jahre zu spät.
Altersmilde hat sich breit gemacht. Fragen über Fussball werden gerne beantwortet Altherrenwitze unterstützen die Harmlosigkeit der Themen.
Als einzige Frau in der Runde kann ich bei dem Humor schlecht mithalten. Das hindert mich aber nicht daran tiefer in die verlorenen Seelen der Popstars von Depeche Mode hineinzuschauen. Ein schwieriges Unterfangen, wie ich so gleich feststellen muss.

Das Alter und der Fußball: Depeche Mode im Interview

SLEAZE: Gab es eine Zeit in eurem Leben, wo ihr nicht die Musik machen konntet, die ihr wolltet?
ANDY: Nein.

SLEAZE: Keine Spur von Schreibblockaden?
MARTIN: Nach dem Erfolg von „Violator“ (1990; Anm. d. Red.) empfand ich eine Schreibblockade. Was eventuell daran lag dass ich immer betrunken war. Aber dann habe ich letztens Demos aus der Zeit gehört und sie klangen nicht nach Blockade. Ich glaub das hab ich mir nur eingebildet.

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Der Tisch macht die Runde. Einer der Altherrenjournalisten fragt, wie sich das Schreiben angefühlt hat, nachdem man dem Alkohol entsagt habe.
Gott, hat der Typ kein eigenes Leben? Was soll da kommen?
Es war wie eine Erleuchtung. Die Sterne fielen vom Himmel. Man konnte sie einfangen, sich auf die Stirn legen und sie als Reikiwerkzeug verwenden?

Andy weicht aus, indem er über Martins Kreativität schwadroniert.
Die Herren Fletcher und Gore scheinen ernsthaft kein Interesse daran zu haben sich einem Seelenstrip zu unterziehen.  Martin erklärt viel lieber, dass er keine Fragen zu Songs beantworten wird.
Da schade der Fantasie beim Hören. Aha!

Alle clean, alle glücklich, stellt ein Kollege mit schütterem Haar fest.
Andy versucht auf bescheiden: „30 Jahre Erfolg, auch wenn wir es eigentlich nicht sein sollten, da sind wir schon stolz darauf.“
Das schreit förmlich nach der nächsten Frage. Ich presche nach vorne, in der Hoffnung auf Leben zu stoßen.

SLEAZE: Wollt ihr jetzt so weitermachen wie die Rolling Stones?
ANDY: Das weiß nur der Himmel. Wenn ich 48 bin mache ich das nicht mehr.

SLEAZE: Wow, also ein Jahr. Habt ihr Kinder?
BEIDE : Ja!

SLEAZE: Mögen die eure Musik?
ANDY: Naja. Die einen sind zu jung, um die Musik zu mögen, die anderen zu alt. So wie andere Kinder von ihrem Vater dem Busfahrer erzählen, antworten unsere Kinder eben „mein Vater ist Musiker“. Aber sie mögen es, wenn sie Karten für andere Bands bekommen.

SLEAZE: Wer ist denn bei denen gerade angesagt?
ANDY: Meine stehen auf The Killers.
MARTIN: Für meine beiden Töchter musste ich Tickets für “Flight of the Concords“ und Britney Spears besorgen.

SLEAZE: Wenn es eine Zeitmaschine gäbe, an welchen Punkt eurer Karriere würdet ihr reisen und was würdet ihr euch raten?
ANDY: Da gibt es nur eine Periode. Vor der Faith Devotion Tour hätte ich uns geraten, nicht so lange auf Tour zu gehen.

SLEAZE: Zu viele Drogen oder warum?
ANDY:
Ja. Und es war einfach viel zu lang.
MARTIN:
Nachdem ich aufgehört habe zu Trinken wurde ich wirklich kreativer.
ANDY:
Vorher hatte er einfach immer einen Kater und konnte nicht arbeiten.

SLEAZE: Wo seht ihr Depeche Mode heute?
ANDY: Die Menschen scheinen uns immer noch zu mögen, und irgendwie sind wir eine Inspiration für viele Bands. Und wir verkaufen immer noch Platten.
MARTIN:
Wir sind also populärer als jemals zuvor.

SLEAZE: Erinnert ihr Euch an die Zeit, als ihr eine Synthieband unter Vielen ward?
ANDY: Nein, wir waren immer populär. Bereits unsere erste Single war ein Hit. (Gelächter)
Wir waren damals echt jung. Depeche Mode war praktisch die erste Boyband. Nur das wir beschissener getanzt haben als alle anderen. (lacht).

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„Wir waren immer populär – bereits unsere erste Single war ein Hit.“

 

Das war es. Das letzte Lachen erlischt. Damit ist das Interview vorbei.
Ich ziehe mir meine Jacke an und laufe die Treppen hinunter. Verdammt, hätte ich doch lieber Dave Gahan getroffen. Als Ex-Junkie mit suizidalen Tendenzen wäre mit ihm bestimmt mehr Bambule in die Runde gekommen.
Er ist der Frontmann. Ohne ihn läuft bei Depeche Mode gar nichts.

Interview: Lene Vollhardt

Originally posted 2009-03-31 01:16:54.