Die Nerven, eine Band, die gerne geheime Botschaften in ihren Songs versteckt und von Fans (wie unserem Stefan) und Feuilletonisten gleichermaßen gelobhudelt wird. „Out“ ist das dritte Album und ein neues Label gibt es auch. Und so ist den Kritikerlieblingen Die Nerven vieles gleichgültig: Egal die Tocotronicvergleiche, kein Interesse an süßen Katzengifs im Internet und wen interessieren schon Top-10-Listen? Dafür ein ein Stinkefinger an die Click-baiting Seiten, Gründe für ihren schlecht gelaunten Mix aus Post Punk und Noise Rock finden die drei Schwaben immer. Dennoch haben sich Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn eine höfliche halbe Stunde Zeit genommen, uns ein Interview zu geben.

 

Die Nerven singen vor sich hin… Sie haben uns ein Denkmal gebaut…

Wäre DAS nicht mal eine Idee für einen Coversong?

Max – nö!

Ihr hattet ja 2012 den Song Summertime Sadness von Lana del Ray neu interpretiert. Gäbe es da noch andere Songs oder Bands, an denen ihr euch gern bedienen würdet?

Max – Nein, das war einfach so ein Ding des Moments, ein Spaß. Ich kann mir keinen Grund vorstellen, weshalb wir „Wir sind Helden“ covern sollten.

Aber vielleicht eine andere Band, die ihr schätzt?

Max – in sechs Wochen kommt ein Joy Division Cover raus, als Beilage zu dem Rolling Stone Magazin – no love lost.

Kevin – Wir haben auch mal eine EP im April 2013 gemacht, da hätte auch „Wir sind Helden“ drauf sein können, da sind so drei Popkünstler drauf, die wir alle grässlich fanden, die halt so in unserer Anti-Jugendhits waren: DJ Ötzi, Silbermond und Anett Louisann haben wir gecovert, so als Aprilscherz.

Julian – Das macht uns schon auch Spass, mal was zu covern. Das ist auch irgendwie interessant, sich mal an sowas abzuarbeiten, an nem anderen Stück Musik, irgendwie für sich selbst das zu interpretieren und rauszufinden, was daran denn interessant ist oder was man hervorheben kann.

Max – Wir wollen ja auch nicht enden wie Marilyn Manson, den man ja auch nur für seine Coverversionen kennt.

Früher hast Du Ihn aber schon ziemlich gemocht?

Max – Ja, weil er hat mir die Musik eröffnet — tatsächlich. Also ich hab das irgendwie gehört und das hat mich total geflasht. Aber ich hab dann später festgestellt, dass es bloss an der Album Produktion gelegen hat, die damals von Trent Reznor war. Nine Inch Nails find ich hingegen nach wie vor super.

Was schaut ihr euch denn gern im Internet an?

Kevin – also ich guck mir auch gerne so musik-artverwandte Sachen an. Konzerten oder Interviews, die in die Hose gehen. GG Allin verprügelt seine Fans ist sehr gut. Ich gucke mir sehr sehr viel von GG Allin an, also alles was Youtube so her gibt…

 

Die Nerven Interview

Photo by Chris van Toll

Kevin – Hairmetal Interviews aus den 80ern sind immer sehr unterhaltsam. Kiss Interviews, aus der ungeschminkten Zeit. Ich finds immer selber schön, so rum zu klicken und selber zu entdecken. Ich brauche dafür keine Listen

Julian – Ich treibe mich auch gern auch auf Soundblogs rum, auf denen Leute Kassetten posten von irgendeiner schäbigen Punkband, die ihr Schwager mal Ende der 70er hatte, die Proberaum-Aufnahmen gemacht haben … sowas mag ich halt.

Ich hoffe, dass ihr trotzdem mal bei unserer Website vorbeischaut. Es gibt zwar auch diese Art von Listen , aber…

Kevin – Soll ich euch mal ne Liste machen? Die 10 besten GG Allin Livemomente?

Unbedingt!

Die Schere zwischen Popmusik und Krach – Interview mit Die Nerven

Ihr seid ja wirklich recht zügig im Fertigstellen eurer Alben. Woran liegt das?11895523_1145943122089037_1773673012_o

Max – Das liegt nur daran, dass alle anderen so urlangsam sind.

Und erst ihren Vorschuss verfeiern  und verleben, bevor sie anfangen zu arbeiten?

Max – Wir verzichten lieber auf den Vorschuss, weil das ist ja kein Geld das geschenkt wird. Da machst du nur Schulden, das wird alles wieder verrechnet… wie Pfandleihe nur schlimmer.

Wie lange habt ihr denn jetzt für dieses Album gebraucht?

Kevin –Wir haben immer eine sehr in Blocks gehaltene Arbeitsweise. Wir sind eine Woche auf einen Bauernhof gefahren und haben dort die Songs geschrieben. Danach haben wir diese bloß wieder und wieder angehört und wieder und wieder gekäut, bis wir uns dann wieder getroffen haben und die Dinger live erprobt haben. Also wir proben ja nicht, sondern haben die halt live gespielt und sind dann zum Schluss ins Studio und haben das Album in 5 Tagen eingespielt.

Ihr habt ja auch das Label gewechselt zu Glitterhouse, trotz der Zufriedenheit mit This charming Man. Wie kams denn dazu?

Max – Wir wollten einen Schritt weiter gehen — wollten internationaler und besser vernetzt sein. Wir haben uns einfach mal umgeschaut und die Zusammenarbeit mit Glitterhouse hat sich uns halt angeboten.

Was soll denn das Albumcover aussagen? Was is das eigentlich da in der Hand, ist das ein Graphitstein?

Das ist ein Stück Zunder. Aber ist nicht wichtig, zu wissen was es ist.

Nun gut. Ihr habt ja ein Faible für knackige Albumtitel. Was sagt „Out“ inhaltlich aus?

Julian – Das ist bedeutungsoffen. Darf jeder so für sich selber entscheiden, was das denn für ihn bedeutet. Wir haben den Begriff benutzt, weil wir weggefahren sind, also sozusagen ins „Outback“, um das Album zu schreiben und dann noch mal woanders hingefahren, um konzentriert daran zu arbeiten und das Ding aufzunehmen. Außerdem wollten wir noch vowegnehmen, falls die Platte niemandem gefällt, dass wir dann sagen „Ja, so wars ja auch geplant gewesen“. Wir wollten ja auch den Sellout vorwegnehmen, natürlich und uns total anbiedern. Wir machen uns selbst zu Außenseitern, bevor irgendjemand anderes die Chance dazu kriegt.

Wir machen uns selbst zu Aussenseitern, bevor irgendjemand anderes die Chance dazu kriegt

Eure Texte sind ja oftmals ziemlich wütend und frustriert. Was sind so Sachen, die euch richtig wütend machen?

Max – Listen, drei Sachen sagen müssen, die mich wütend machen und ich brauch noch ne dritte Sache…

Julian – Wenn der Bus zu spät kommt, Interviews…

Max – Nein Interviews machen mich nicht wütend. Nein, das mit den Internet-Listen ist wirklich nicht cool, da ist nicht cool, das ist so ein Zeitgeist-Ding, was abgeschafft gehört.

Kevin – Also ich könnte euch tausend Sachen sagen, die mich ständig wütend machen. Zum Beispiel Popmusik, also die Monotonie, die sich immer ausbreitet, die Beliebigkeit. Hauptsache ein paar Frequenzen rein, die sich nett anhören, aber garnicht mehr an den Song an sich denken. Ich glaube Songwriting ist echt eine Kunst die verschütt gehen wird irgendwann.

Wenn wir beim gutem Songwriting sind: Würdet ihr Tocotronic als Helden eurer Jugend bezeichnen und welches ist euer Lieblingssong?

Kevin – Auf jeden Fall! Vielleicht mögen wir alle unterschiedliche Alben, aber wir sind alle Tocotronic-Fan. Mein allergrößter Alltime Tocotronic Lieblingssong ist glaub ich „Ich bin viel zu lang mit euch mitgegangen“ weil der so zeitlos ist und einfach immer fuktioniert. Ich glaub, ich hab auch schon mal gehört, dass das von Tocotronic selbst auch der Lieblingssong ist.

Und da wir den letzten Interviewslot an diesem Tag hatten und die Jungs nach zu vielen Fragen und zu viel Kaffee schon etwas quängelig wurden, ließen wir abschließend Bildern statt Fragen sprechen…

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photo by chris van toll

Die Nerven Interview

 

Letzte Anmerkung der Redaktion: Kevin Kuhn hat die schönste Cousin-Itt-Gedenk-Frisur die wir je gesehen haben.

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Originally posted 2015-10-28 18:54:17.