Ich komme ausnahmsweise pünktlich irgendwo an. Diesmal zum Interviewtermin mit Rapper Megaloh. Wie es das Karma so will, muss ich heute einmal die Rolle des Wartenden einnehmen. 

„Wir haben erst um 16 Uhr angefangen, weil Uchenna vorher ja noch arbeiten war. Da ist man dann auch bisschen platt und alles dauert ein bisschen länger. Jetzt sind wir jedenfalls in Verzug.“, erklärt Marina, seine Promoterin, beschwichtigend.
Mit Uchenna ist der Mann gemeint, für den ich hierher gekommen bin. Mit bürgerlichem Namen heißt Megaloh nämlich Uchenna van Capelleveen, was seinen nigerianisch-niederländischen Wurzeln geschuldet ist.

So ist das eben, wenn man gleich zwei Jobs hat. Rapper und Lagerarbeiter beim Paketdienst. Anstrengend genug, hier auf der Couch zu sitzen und Fragen zu beantworten, wenn man noch nichtmal eine Raucherpause machen darf. „Die lassen mich nicht, Marina ist wie ein Drill-Sergeant“, sagt Uchenna lachend.

Wenn man Montag bis Freitag um vier Uhr raus muss, um körperlicher Arbeit nachzugehen, wird so ein Promotag, der sich bis in den Abend zieht, dann tatsächlich ziemlich anstrengend – und Zeit für Musik muss ja irgendwann auch noch sein.

Megaloh im Interview: Über Regenmacher und sein Saubermann-Image

Das Album, das Megaloh Titel wie Hip Hops neue Hoffnung und einen Auftritt als Talkgast bei Lanz zuteil werden ließ, heißt Endlich Unendlich und erschien bereits im März 2013. Knapp drei Jahre später folgt nun Regenmacher (VÖ: 04.03.2016).

Was schnell daran auffällt, sind die vielen Bläsereinsätze, die laut ihm aus keinem bewussten Impuls heraus eingesetzt wurden, sondern zufällig schon Teil der gepickten Beats waren, die Ghanaian Stallion (Megalohs „Haus-DJ“ – Anm. d. Red.) zur Auswahl bereitgestellt hatte.
Uchenna sagt, dass sie den Ausbau der Synthie-Bläser vermutlich im späteren Verlauf der Arbeit am Album so oder so als Idee weiter verfolgt hätten. Allerdings kam ihnen am Ende doch jemand zuvor: „Irgendwann kam dann Max Herre und hat gesagt: Jungs, ihr habt da die ganze Zeit diese Bläser, wollen wir das nicht als Element stärker herausheben? An dem Punkt waren wir eigentlich noch gar nicht, weil bis dahin nichts ausproduziert war, aber wir hatten das quasi unbewusst vorgearbeitet und das Ganze hat einfach gepasst, weshalb wir das auch nach einer Session mit „echten Bläsern“ in Eigenregie weitergeführt haben.“

Viele Tracks bekommen dadurch einen organischen und gleichzeitig breiten Sound, der dem Album gut tut. Uchenna führt das etwas weiter aus, da er festgestellt habe, dass die Bläser in den leicht afrikanischen Kontext passen, der auf der Platte auftauche, vor allem durch den Namen kommuniziert werde, und etwas von der Wärme transportiere, die afrikanische Musik oft ausstrahlt.

Er selbst ist glücklich mit der Scheibe, worin ihn die positive Erwartungshaltung der Presse bestätigt – und auch die Fans üben sich bereits in Vorfreude.
„Jetzt sind die Reaktionen fast durch die Bank weg wahnsinnig gut, das merkt man im Internet beispielsweise am Like/Dislike-Verhältnis der Videos. Die Leute scheinen sich wirklich auf das neue Album zu freuen und das zu schätzen zu wissen, das freut mich natürlich ungemein“,sagt er. Und noch während ich diese Zeilen schreibe, ist die anstehende Release-Tour bereits restlos ausverkauft.
Für die große Runde im Herbst gibt es aber noch Tickets zu kaufen.

Aber bekommt man als Künstler eigentlich viel von der Basis mit und wie die Öffentlichkeit auf das eigene Werk reagiert?
In den ersten Tagen, nachdem ein Video veröffentlicht wurde, werden schonmal Kommentare gelesen, allerdings nicht sehr exzessiv, so Megaloh. Das wichtigste Feedback komme definitiv von den Konzerten – besser gesagt: Nach den Konzerten, wenn man nicht nur mit direkt Beteiligten, sondern auch mit den Fans zusammenkommt und man sich ein bisschen unterhält.

„Es ist auf jeden Fall krass zu sehen, dass es vielen Leuten echt was bedeutet.“

Megalohs Erfolg beruht in Teilen auch darauf, dass auch weniger Hiphop-affine Menschen etwas mit seiner Musik anfangen können. Das war bei Endlich Unendlich der Fall und wird bei Regenmacher genauso werden. Der Rapper erklärt sich das einerseits durch das Musikalische, also den vermehrten Einsatz echter Instrumente anstelle von rein digitalen Produktionen, und durch den Anspruch, das Album zugänglicher zu gestalten, obwohl es trotz allem noch Rapmusik sei und auch immer bleiben werde.
Auf der anderen Seite gebe es auch, trotz Cro und wöchentlich einem anderen Rapper auf Platz eins der deutschen Albumcharts, heute immer noch Menschen, die eine sehr klischeehafte Sichtweise haben und alle Rapper in die gleiche Schublade stecken. Sie für Angeber halten, die sich nicht ausdrücken können, dann aber etwas hören und merken würden, dass da noch mehr dahinter stecken kann.

Gerade bei Uchenna auf der Arbeit, im Paketlager, gebe es viele ältere Leute, die mit Hip Hop überhaupt nichts am Hut hätten, denen seine Musik aber gefallen habe. Das sind die „Eigentlich höre ich ja keinen Rap, aber … „-Leute. Er wolle sie alle erreichen, sagt er lachend.

Beleidigungen als Stilmittel und die Verantwortung, die damit einhergeht

Vielleicht liegt das auch ein bisschen an seinem Saubermann-Image, das Megaloh in der öffentlichen Wahrnehmung pflegt. Kaum Schimpfworte und insgesamt sehr anständig.
Reines Kalkül sei das jedoch nicht gewesen, denn während er an seinen Lebensumständen gereift sei, wurden Inhalte immer wichtiger und er maß Pöbeleien auf seinen Tracks weniger Bedeutung bei.

„Das ist eine Art Stilmittel und man muss sich fragen, was man braucht. Auf der Monster EP gibt es zum Beispiel eine Zeile, die lautet: „Der Weg zum Erfolg ist ein Hurensohn“ und in dem Kontext finde ich das in Ordnung, weil es als Sinnbild funktioniert und es dadurch auch gerechtfertigt ist. Auf Max Herres Rap ist, habe ich gesagt „Ich King, du schwul“, was einen Bezug zu Savas und seinem „Alle MCs sind schwul in Deutschland“ hatte. Daraufhin gab es aber eine ziemliche Empörung und auch einen offenen Brief, weshalb ich das für mich nochmal reflektiert habe und feststellen musste, dass es, auch wenn ich das so nicht gemeint hatte, immer noch ein diskriminierender Begriff bleibt.

„Mir geht es nicht darum irgendwelche Leute anzupissen, mit denen ich kein Problem habe, deshalb kann man auf solche Sachen auch verzichten.“

Auf die Frage, ob er sich denn vorstellen kann, auch dann weiterhin konsequent und so durchdacht Musik zu machen, wenn plötzlich der ganz große Erfolg und viel Geld rein kämen, kann Megaloh ganz sicher sagen, dass er gerne ohne den zusätzlichen Job Musik machen würde. Obwohl er sich nicht so sicher wäre, ob dadurch der Hustle komplett weg fiele, denn dafür gebe es keine Garantie, da die nächste gleichzeitig auch immer die beste Platte sein müsse.
Aber mal 24/7 im Studio sein zu können würde er sich eigentlich schon wünschen, weil seit Jahren die Musik immer nur zwischen Tür und Angel entstehe:
„Vielleicht würden dann weniger dieser Schmerz und der ständige Struggle rüberkommen, aber es geht ja immer weiter im Leben. Ich glaube, man kommt nie wirklich an“, schließt er mit einem breiten Grinsen.

Megaloh im Interview

Foto von Robert Winter

Obwohl es derzeit ausgesprochen gut läuft, sei Uchenna aber auch schon an dem Punkt gewesen, das Mic niederzulegen und es bleiben zu lassen. Allerdings nicht, weil Musik ihm zu anstrengend gewesen wäre, sondern schlichtweg zu kostenintensiv.
Die meisten hätten keine richtige Vorstellung davon, dass das alles nicht umsonst ist. Das einzige, wofür man nichts bezahle, sei das Schreiben. Der Rest – von den Beats, über Aufnahmen bis zum Mixing und Mastering koste Geld.

„Ich habe jetzt ein paar Jahre lang versucht, es unabhängig zu machen, danach zwei Jahre mit Management und als das alles nicht so geklappt hat, dachte ich mir: Ich mache jetzt noch die Monster EP, stelle sie umsonst ins Netz und danach ist vorbei. Kurz danach habe ich Max Herre kennengelernt, der hat mich unter Vertrag genommen – und der Rest ist Geschichte.

„Auf jeden Fall kann ich gegen Eminem bestehen“

Worüber Uchenna weniger gerne spricht sind ungelegte Eier, wie er es nennt. Als ich nach Featuregästen frage, die schon lange auf dem Zettel stehen, mit denen es bislang aber noch nicht geklappt hat, gibt es keine enthüllende Antwort. Der Aberglaube halte ihn davon ab, so etwas laut auszusprechen. Darüber hinaus existiere auch nicht wirklich eine Checkliste, die abgearbeitet werden müsse, sondern es komme auf die richtige Idee, den richtigen Song und den richtigen Moment an.
Von utopischen Featurewünschen kann man aber sprechen – und da seien für Megaloh alle, von Jay-Z bis Eminem, dabei, denn er würde sich gerne mit den Großen des Business messen, um zu sehen, ob er gegen sie bestehen kann. Wobei er sich an dieser Stelle schon recht sicher ist: „Auf jeden Fall! Maße ich mir jetzt einfach mal so an.“

Zum Abschluss wollte ich Uchenna noch seinen Lieblingswitz entlocken, was ihn ins Grübeln brachte, letztendlich aber zu keinem Ergebnis führte:
„Digger, ich bin so schlecht im Witze erzählen, ich habe heute erst einen Witz erzählt bekommen, aber an den kann ich mich auch schon nicht mehr erinnern.
Ich werde mir jetzt aber heimlich eine Kippe drehen und dann mal versuchen, kurz hier raus zu kommen.“