Morgen, am 19. April 2014, ist Record Store Day, oder kurz RSD. Wir freuen uns wie Bolle! Und weil wir anders als die anderen sind, haben wir nicht mit den ewig gleichen geredet, sondern mit Christian Kind, dem Besitzer der kuschligen kleinen „Plattenkiste“ in Hamburg.

Seit 1982 gibt es den Laden mit Fokus auf Alternative, Rock und Metal schon und seit drei Jahren macht der 36-Jährige mit dem schulterlangen, blonden Haar und dem Metaller-Bart beim RSD mit. Beim Plattenstöbern hat er uns verraten, worauf er sich dieses Jahr freut, was ihn irgendwie stört und warum es 400 statt der exklusiven 500 RSD-Releases auch getan hätten.

 

Was genau passiert am Record Store Day?

Es geht tatsächlich darum, dass du an diesem Tag bestimmte Releases nur in den teilnehmenden Shops kriegst. Hat dann eben so den Vorteil, dass die Leute gezwungen sind, in diese kleinen Läden zu gehen, um eben diese Platten zu kriegen.

Ist das nur eine Marketingaktion der Musikindustrie oder habt ihr davon tatsächlich auch etwas?

Also wir profitieren schon. Das wird zwar jetzt mehr und mehr ausgeschlachtet. Das merkt man auch an der Art der Releases, die rauskommen. Es gibt mehr und mehr Lückenfüller. Nur damit man jedes Jahr sagen kann, wir haben noch mehr Material, kommen jetzt auch Releases raus, die nicht unbedingt nötig wären. Aber die Kernaussage stimmt! Die besagt: „Leute kauft wieder Platten! Und kauft die auch in den richtigen Läden. Bestellt die nicht im Internet oder kauft sie bei Saturn, sondern kauft in den Läden, wo ihr gut beraten werdet und die davon auch leben und die das mit Herzblut machen!“ Davon profitieren wir Kleinen.

 

Aber?

Sehr schade ist, dass in den Medien immer die gleichen Plattenläden gefeaturet werden. In Hamburg sind es eigentlich immer nur Zardoz und Michelle Records. Es geht aber um alle Plattenläden. Wir sind zwar in diesem Pool und die Leute nehmen dich wahr, weil sie eben diese oft limitierten Releases haben wollen und alle Läden danach abklappern. Das tut uns schon gut.

Die Releases gibt es doch aber nach diesem Tag immer noch, oder?

Ja, aber die sind zum Teil so limitiert, dass du die dann nur an dem Tag bekommst. Teilweise sind die Dinger nach zehn Minuten ausverkauft. Es ist schon ziemlich witzig, wenn sich dann vor einem kleinen Laden wie hier eine Schlange bildet. Unsere Stammkunden können bei uns sogar bestimmte Titel reservieren, die wir dann zur Seite legen. Andere Shops machen das nicht. Dann hast du da wirklich eine riesen Schlange vor der Tür, weil die Leute die Ersten sein wollen, um sicherzugehen, dass sie ihre Platte auch kriegen.

Jan Delay ist ja dieses Jahr Botschafter des Record Store Days. Gibt’s das öfter, dass da Künstler Schirmherren sind? Sind das mehrere, ist das einer?

Das gibt es eigentlich immer. Es gibt einen, der das international macht. Das ist dieses Jahr der Rapper Chuck D. Und dann gibt es immer noch einen für Deutschland. Letztes Mal war es Thees Uhlmann, dieses Mal ist es Jan Delay.

Erstaunlich, immer wer aus dem Norden.

Hamburg hat einfach eine der größten Szenen für Independent-Plattenläden. 25 gibt es davon hier und ich glaube fast, dass im Vergleich auch zu Berlin oder dem Ruhrpott die meisten sind.

Auf welchen Release freust du dich persönlich am meisten?

Ich stehe ja mehr so auf diesen Classic Rock bzw. Retro Rock. Es gibt ja gerade viele Bands, die den Sound aus den 70ern wieder spielen. Deswegen freu ich mich am meisten auf die Rival Sons und The Temperance Movement. Die kommen jeweils mit einer 7-Inch.

Welche Releases findest du dieses Jahr am überflüssigsten?

Das sind so Standardalben, wo keine unveröffentlichten Tracks drauf sind. Aerosmith zum Beispiel. Ich glaube, da kommen vier oder fünf Alben einfach nochmal nachgepresst auf den Markt. Klar, die gab’s jetzt eine Zeit lang nicht und es ist auch schön, dass sie auf 180 Gramm Vinyl kommen. Damit locke ich aber keinen in den Plattenladen. Wenn es darauf einen unveröffentlichten Song gäbe, den es so noch nicht oder noch nicht auf Vinyl gab, dann würden die Leute wieder kommen.

Was ist neben dem Umsatz für dich das Spaßigste am RSD?

Das ist die Atmosphäre. Weil da wirklich Leute losgehen, die Bock auf das Besondere – auf Vinyl haben. Das ist ein bisschen wie eine Familienfeier. Dann ist es richtig voll hier und die Leute unterhalten sich untereinander. Das ist einfach eine wahnsinnig gemütliche Stimmung.

Bilder: plattenkiste.eu und recordstoredaygermany.de

Originally posted 2014-04-18 17:10:05.