Alle 200 Meter eine Ampel, überfüllte Straßen, pöbelnde Taxifahrer, Baustellen ohne Ende, orientierungslose Touristen und Fahrradfahrer, die aus dem Nichts auf die Straße schießen und äußerst knapp einer körperlichen und innigen Beziehung mit dem Kühlergrill entgehen. Die Parkplatzsuche ist nochmal eine ganz andere Geschichte.
Jeder weiß, dass Autos in der Großstadt zu großen Teilen Stress, Tod und Verderben verursachen und man im Prinzip dann doch nicht schneller ankommt, als mit der Bahn. Deswegen haben wir uns auch von Mercedes die neue S-Klasse in schickem Weiß vor die Tür stellen lassen, uns eine Band geschnappt und uns in das alltägliche Verkehrschaos während des Berufsverkehrs begeben.
Interviews am Limit!

Die Band, die sich dazu einverstanden erklärt hat, sind The Flying Eyes aus Baltimore. Seit der Bandgründung 2007 haben sie kürzlich bereits ihr drittes Album veröffentlicht und bleiben weiterhin dem Heavy Psych mit starkem Bluesrockeinschlag treu.
Als sie wieder einmal in Berlin waren, haben wir sie kurzerhand eingepackt und zusammen eine kleine Spritztour unternommen.
Es war für uns alle das erste Interview auf vier Rädern.

 

Sind schicke Autos, wie das hier, wichtig für euch, oder gebt ihr euer Geld anderweitig aus?

Elias: Klar! Ich habe einen Rolls Royce zuhause, einen Lamborghini auch und den Camaro nicht zu vergessen …
Ne, natürlich nicht. Das sind zwar unsere Traumautos und im Rock’n’Roll geht es selbstverständlich viel um das Image und einen gewissen Lifestyle, den man repräsentiert. Für uns geht es aber nicht im Geringsten darum, auszusehen, als hätten wir viel Geld oder sowas und trotzdem ist das Auftreten schon ein bisschen wichtig. (lacht)

William: Keiner von uns fährt fette Karren.

 

Was fahrt ihr denn?

Elias: Ich habe einen Toyota von ’94. Aber es ist echt ein gutes Auto und hat sich über die Jahre hinweg gut gehalten.

Will kichert im Hintergrund vor sich hin…

Will: Ich hatte mal einen Chevy Van mit dem wir auch getourt sind. Er wurde im selben Jahr gebaut, wie ich – 1990. Den musste ich einfach haben. Wir vermissen ihn.

 

Seid ihr mittlerweile an einem Punkt, wo ihr euch schicke Autos leisten könntet?

(Gelächter)

Elias: Oh, nein. Wenn wir von einer Tour kommen, haben wir immerhin genug Geld um unsere Rechnungen und die Miete zu zahlen.

 

Ihr habt mal in einem Interview gesagt, ihr wärt „too Rock’n’Roll for the hipsters and too weird for people who like mainstream rock‟. Ihr macht eine Mischung aus hartem Blues und Psychedelic. Es mag eine blöde Frage sein, aber „warum‟?

Will: Ich denke nicht, dass wir das vorsätzlich so machen, da es ganz natürlich während des Songwritings – wahrscheinlich Aufgrund unserer Einflüsse – einfach passiert.

Elias: Wir machen Musik, die von der Musik beeinflusst ist, die wir lieben. Man kann das vielleicht „imitieren‟ nennen, aber wir kommen nicht drumherum, dass diese Art Musik, die wir täglich hören, einen Einfluss auf das hat, was wir machen.
Unser Sound ist vermutlich an manchen Stellen einfach zu „klassisch‟ für die Hipster, aber die europäische Stonerrock-Szene hat uns dafür sehr gut aufgenommen.

Ist es mit diesem „oldschool Sound‟ möglich, eine moderne Band zu sein?

Will: Es gibt ziemlich viele Bands, die damit Erfolg haben, denn der Trick ist, nicht exakt so zu klingen wie die Bands der 60er. Wir verpassen unserer Musik immer einen gewissen modernen Anstrich – zumindest glauben wir, dass wir das tun. (lacht)

Elias: Wir probieren einfach so gut es geht, originelle Musik zu machen. Die Einflüsse spielen dabei natürlich eine große Rolle, aber sie kommen aus so vielen unterschiedlichen Richtungen, weshalb das bisher immer ganz gut geklappt hat. Eine unserer liebsten Bands ist Radiohead und trozdem hört man nichts von ihnen unmittelbar in unserem Sound.
Viele Bands reiten momentan auf einer Retro-Welle und klingen dabei genau wie die Bands damals. Das ist zwar cool und klingt gut, aber wir wollen etwas Frisches machen, das eben nur auf diesem Retro-Sound aufbaut … und haben das bisher auch ganz gut hinbekommen, hoffe ich. (lacht)


Habt ihr bei eurem neuesten Album viel anders gemacht, als zuvor, oder war es prinzipiell der gleiche Prozess?

Elias: Genau genommen war es komplett anders. Die ersten beiden Platten haben wir ganz alleine aufgenommen und produziert. Wir waren also sehr viel mit den technischen Aspekten beschäftigt, während wir gleichzeitig Musik machten. Bei „Lowlands‟ wollten wir uns ausschließlich auf die Musik konzentrieren und haben uns mit einem Produzenten in Baltimore getroffen, der sich als sehr guter Freund herausgestellt hat.
Es ist etwas komplett anderes mit einem Produzenten zu arbeiten, der einem Denkanstöße geben kann und dich an die Hand nimmt, während man sich vollständig auf die Musik konzentrieren kann, als das alles selbst machen zu müssen.

 

Um eben diesen Produzenten und das Studio zu finanzieren, hat die Band eine Fundraisingkampagne gestartet, die ihnen innerhalb von nur 35 Tagen 10,768$ einbrachte.
Habt ihr mit diesem Ergebnis gerechnet?

Will: Wir hätten uns ja schon über 100$ gefreut. Dass wir aber so weit kommen, hätten wir nie für möglich gehalten.

Elias: Leider ist es unglaublich teuer, ein Album aufnehmen und vor allem mischen zu lassen, deshalb haben wir ein verhältnismäßig hohes Ziel gesetzt (9,500$ – Anm. d. Red.), wussten aber nicht was wir erwarten können, da wir das zum ersten Mal gemacht haben.
Aber unsere Fans, gerade in Europa und im Besonderen in Deutschland, haben verdammt viel für uns gespendet. Das hat uns in der letzten Phase nochmal einen richtigen Schub und Selbstvertrauen verpasst, weil wir gemerkt haben, dass es Leute gibt, die wirklich darauf warten, das fertige Album zu hören.

Morgen geht ihr auf große Europa-Tour und werdet insgesamt 50 Konzerte spielen. Seid ihr nervös oder ist das mittlerweile alles Routine?

Will: Es ist irgendwie schon Routine. Es sind zwar ein paar mehr Shows, als auf unseren bisherigen Touren, aber sobald man im Flow ist, wird jeder Tag zum gleichen Tag, weil sich so viel wiederholt. Wir sind aber auch nicht abgehoben, dass es nichts mehr Besonderes für uns wäre, live zu spielen – ganz im Gegenteil. Wir versuchen nur zu vermeiden, uns zu streiten. Ansonsten ist es meistens aber doch sehr routiniert. (lacht)

Elias: Da wir viel live spielen, ist es nicht mehr so schlimm mit der Aufregung. Wir sind nicht gelangweilt oder sowas.  Es ist eher, dass wir freudig erregt als nervös sind.

Will: Ich freue mich aber auf das europäische Publikum, weil uns die Leute hier scheinbar echt gerne haben. Wir haben es fast schon aufgegeben, in den USA zu spielen. Denn dort spielen wir eigentlich ausschließlich in Baltimore gute Shows, wo viele unserer Freunde leben. Das ist hier zum Glück anders.

Elias: Interviews machen uns da schon viel nervöser! (lacht)
Gestern haben wir für einen Berliner Radiosender ein Akustik-Set vor ein paar Leuten gespielt. Uns konnten zwar tausende Menschen zuhören, aber die wenigen im Raum haben uns mehr eingeschüchtert, als eine riesige Menge.

 

Was ist das Schöne daran, auf der Bühne zu stehen?

Will: Die pure Energie. Wenn man ein Publikum hat, das sich voll gehen lässt, ist das unbeschreiblich und ruft ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervor.

Elias: Ja, wir absorbieren die Energie der Menge. Wir haben schon alleine großen Spaß an der Musik, aber wenn man das mit all den Leuten teilen kann und ihre Aufregung spürt, macht es das umso besser.

Will: Es gibt nichts Vergleichbares, wenn man seinen eigenen Song singt und jeder den Text kennt und mitsingt.

 

Uns Deutschen wird oft ein fehlendes Rhythmusgefühl nachgesagt, wenn wir beispielsweise auf Konzerten mitklatschen. Könnt ihr das bestätigen?

Will: (lacht) Ich schätze die Hälfte des Publikums bei jeder Show hat keinerlei Rhythmusgefühl, das ist nicht ausschließlich ein deutsches Problem.
Ich mag aber deutsches Publikum sehr gerne, weil ich den Eindruck habe, ihr seid immer sehr fokussiert und aufmerksam.
Die Osteuropäer beispielsweise rasten in der Regel vollkommen aus und bekommen nicht allzu viel mit, aber ihr Deutschen fühlt die Energie und konzentriert euch auf die Musik.
Ihr hört zu, das ist echt cool!

 

Ist das Leben auf Tour „Sex, Drugs & Rock’n’Roll‟ oder doch mehr wie ein Ausflug damals auf der High School?

(Gelächter)

Elias: Sex, Drugs & Rock’n’Roll.

Will: Definitiv!
Aber gleichzeitig ist es auch harte Arbeit und der Sex und die Drogen stehen immer hinten an.

 

Was macht ihr in eurer Freizeit wenn ihr auf Tour seid, zum Beispiel in einer Stadt wie Berlin?

Will: Wir suchen uns coole Bars, hängen im Park ab, entspannen uns und gucken uns ein paar Sehenswürdigkeiten an. Hier (gegenüber der Museumsinsel am Spreeufer – Anm. d. Red.) haben wir beispielsweise gestern Abend schon mit unserem Tour-Manager und Leuten von der Booking Agentur ein paar Bier getrunken.

Habt ihr Techniken entwickelt, um euch nicht gegenseitig auf die Nerven zu fallen, wenn ihr mehrere Monate zusammen in einem Bus sitzt?

Will: Freiraum finden!

Elias: Freiraum finden!
Es ist manchmal hart, weil wir eben immer zusammen rumhängen … müssen. (lacht) Wir bringen auch immer gute Bücher mit. Jeder hat ein oder zwei dabei und dann tauschen wir sie untereinander. Freunde finden und neue Leute kennenlernen ist auch ein guter Weg, um von den anderen etwas Abstand zu gewinnen.

Will: Wenn wir zusammen mit anderen Bands unterwegs sind, ist es meistens einfacher, weil dann generell mehr Leute mit dabei sind, mit denen man abhängen kann.

 

Ihr werdet immer bekannter und müsst somit auch mehr „Pressearbeit‟ und dergleichen leisten – beispielsweise mit irgendwelchen Leuten im Auto sitzen und Fragen beantworten. Wie ist diese „andere Seite‟ des Musikerdaseins für euch?

Will: Es ist auf jeden Fall einfacher, raus zu gehen und Shows zu spielen. Für mich sind Interviews und das alles viel stressiger.

Elias: Da wir viel unterwegs sind machen wir die meisten Interviews per e-mail und das ist ab und zu etwas seltsam, weil es sich anfühlt, als würde man ein Essay schreiben. Ich mag die natürlichen Gespräche, so wie das hier, viel lieber.

 

Wir haben bereits kurz darüber gesprochen, aber welche Musik hört ihr zur Zeit gerne privat?

Elias: Wir hören irgendwie alles querbeet. Ich mag zum Beispiel das neue Album von Sigur Rós sehr gerne, aber frag mich nicht, wie man es ausspricht. (lacht)
Will und ich hören sehr oft Tame Impala in letzter Zeit und das neueste Album hat es uns besonders angetan. Nick Caves psychedelischere und härtere Band Grinderman habe ich vor kurzem für mich entdeckt. Ich finde auch das aktuelle Album der Flaming Lips sehr interessant und sehr besonders.

Will: Mir gefällt das neue Black Rebel Motorcycle Club Album echt gut, aber Elias ist noch nicht so überzeugt davon.

Elias: Ja, ich war leider ein wenig enttäuscht, aber die alten Sachen sind großartig.

 

Könnt ihr mir spontan eure Top 5 der besten Alben dieses Jahr – bis jetzt – aufzählen?

Will: Hm … ich weiß echt nicht. Was ist mit … ach nein, das war noch 2012. (lacht)

Elias: (Murmelt vor sich hin – und zählt dann bereits oben genannten Alben auf) Das ist verdammt schwierig, Mann!

 

Welchen Song hättet ihr gerne selbst geschrieben?

Will: A Day In The Life von den Beatles.

Elias: The Boxer von Simon & Garfunkel, ist für mich einer der „massively crafted songs, ever‟ (das muss man so unübersetzt stehen lassen, Anm.d.Red.)



Welche Frage würde euch dazu veranlassen das Interview sofort abzubrechen?

(Gelächter)

Will: Puh, ich weiß nicht. Es gibt viele schlechte Fragen.

Elias: Bisher kam es noch nicht vor, dass wir ein Interview deswegen abgebrochen haben, aber es werden oft immer nur die gleichen Fragen gestellt. Das langweilt nach einer Weile, weil man immer wieder das Selbe sagen muss.
„Wie hat alles angefangen, wo kommt der Bandname her …‟ und solche Sachen. Zum Glück hast du das nicht gefragt.

 

Da bin ich aber froh. Nächste Frage: Wie hat es mit der Band angefangen und wie kommt ihr zu eurem Namen?

Elias: Ok, wir brechen das Interview an dieser Stelle ab! (lacht)


Gut, dass wir sowieso am Ende angelangt sind. Gibt es noch etwas, dass ihr den Leuten da draußen mitteilen wollt – oder zumindest den Lesern von SLEAZE?

Elias: Yeah, hört mal in unser neues Album rein, kommt zu unseren Shows und passt auf euch auf. Das wär’s auch schon. (lacht)

Vielen Dank für eure Zeit und das Vertrauen, das ihr unserem Fahrer entgegengebracht habt.

 

Originally posted 2014-01-24 22:33:07.