Anton Newcomb war einer dieser Jungs aus Kalifornien, der einfach nur Musik machen wollten. Egal wie, egal wo. Hauptsache Musik. So gründete er 1990 die Band The Brian Jonestown Massacre. Benannt nach einem seiner Idole Brian Jones (Rolling Stones) und dem Massenselbstmord einer Sekte in Jonestown, verschrieb man sich seit jeher verzerrten Gitarren, melancholischen Texten und psychedelischen Melodien. Ständig wechselnde Bandmitglieder, Drogen- und Alkoholexzesse und mehrfache Bandauflösungen standen auf der Tagesordnung. 14 (!) Studioalben später scheint der Querdenker und Multiinstrumentalist ein bisschen älter und – wie er selbst sagt – ein wenig „normaler“ geworden zu sein. Seiner Kreativität und dem ständigen Drang neue Projekte anzugehen scheint das aber keinen Abbruch zu tun. Wir trafen den sympathischen Wahlberliner in Texas und quatschen mit ihm über Kinder, Drogen und wie es ist „normal“ zu sein.

SLEAZE: Du siehst etwas geschafft aus… zu heiß?

Anton Newcomb: Ja. Ich hasse diese Hitze. Da, wo ich herkomme (Kalifornien), hast du das jeden Tag und ich habe echt genug davon. Deshalb stehe ich so auf Norwegen, Schweden und Deutschland. Da fühle ich mich wohl.

SLEAZE: Dann bist du ja genau richtig in Berlin. Hast du da schon mal einen richtigen Winter erlebt?

Ja, ich hatte schon einige von diesen Minus-23-Grad-mir-friert-alles-ab-Wintern. Aber ich mag das total. Man kann sich ja warm anziehen. Das Einzige, was echt uncool ist, ist Radfahren. Das geht bei diesen Temperaturen einfach nicht. Ich habe es versucht, weil ich so cool sein wollte wie all diese verrückten Berliner Radfahrer. Aber das geht einfach nicht. Das ist mir echt zu kalt.

SLEAZE: Ist es ok, wenn wir ein paar Fotos machen, während wir quatschen?

Ja klar. Ich bin zwar ein total schlechtes Modell, aber legt los. Mir ist das ja egal. Links ist übrigens meine Schokoladenseite (lacht).

SLEAZE: Dann sitzen wir ja genau richtig (not!). Naja… wie ist das so, als Headliner eines Psychedelic Festivals mitten in Texas?

Cool. Wir sind Headliner einer fetten Party. Hast du dir The Zombies gestern Abend angeschaut?

SLEAZE: Ja, klar.

Da waren echt krass viele Leute. Hätte ich gar nicht gedacht.

SLEAZE: Wieso nicht? Die sind doch eine lebende Legende…

Ja schon, aber wir sind in Amerika. Und die spielen immer nur diese schrägen Festivals.

SLEAZE: So wie dieses hier? (lacht)

Ja genau. Das hat irgendwas mit der Geschichte der Hippies und anderem Bullshit zu tun…

SLEAZE: Dann passen sie ja auch ganz gut hier her. Ich fühle mich hier wie in die 60er zurückversetzt. Oder zumindest stell ich mir die 60er so vor…

Psychedelic Rock eben. Was auch immer das heißen mag… Hast du dir gestern auch Kadavar angeschaut?

SLEAZE: Ja natürlich…

Christoph ist ein Freund von mir. Willst du eine krasse Geschichte hören?

SLEAZE: Immer raus damit…

Kurz vor dem Festival traf ich Christoph in dieser Bar, gleich bei meiner Wohnung in Berlin. Er arbeitet da als Kellner. Er ist so ein netter Typ, also abgesehen von seinem Look, wenn er auf der Bühne steht und spielt und „aaaaaaaaaargh“ ins Mikro schreit.

(kurze Stille und ein starrer Blick ins Nichts)

Oh sorry, ich war kurz abwesend. Meine Gedanken spielen manchmal etwas verrückt. Na jedenfalls erzählte er mir, dass er für das Festival zur Amerikanischen Botschaft musste, um ein Visum zu beantragen und die fragten ihn da doch allen Ernstes, ob sein Großvater ein Nazi war!!! Kannst du diese Scheiße glauben?

SLEAZE: … ähm… ok…

Oh man, mir tat das so unglaublich leid und ich schäme mich wirklich, dass ich einen amerikanischen Pass habe. Ich meine, wann hört das denn endlich auf? Das ist einfach unfassbar. Ich war richtig geschockt. Diese dummen Fragen. Das ist unter anderem ein Grund, weshalb ich hier nicht mehr lebe…

SLEAZE: Das war auch eine meiner Fragen. Wieso nicht mehr Amerika und wieso gerade Berlin?

Weil mir die Art zu Leben nicht mehr gefallen hat. Es gibt einfach viel zu viele Regeln und Vorschriften. Und nach 9/11 hat sich in den USA so viel geändert. Mich erinnert das leider immer mehr an eine Art subtilen Faschismus. Ich wollte das nicht mehr. Und ich wollte vor allem mein Kind nicht in so einem Land großziehen. Hast du schon Fotos von ihm gesehen? Das hier ist großartig… (zeigt mir auf seinem Handy Fotos von seinem kleinen Sohn)

SLEAZE: …wirklich niedlich.

Und er ist Berliner. Wolfgang, in Pankow geboren. Er ist wie ein kleiner Japaner.

(zeigt auf ein Foto)

Er will nicht fotografiert werden, weil er unsere Privatsphäre schützen will. (Lacht) Ich habe noch einen Sohn. Er ist aber schon etwas älter und von einer anderen „Lady“. Herrmann! (ausgesprochen „Heeermän“)

SLEAZE: Der ist ja noch so jung. Fehlt er dir nicht, wenn du auf Tour bist?

Ja und wie, aber ich versuche ganz viel zu Skypen. Aber ja, er fehlt mir sehr! Aber zurück zu deinen Fragen … sorry …

P1030787SLEAZE: Kein Ding. Und warum jetzt genau Berlin?

Zuerst lebte ich in New York. Da gibt’s ja diesen Song, in dem es „If you can make it there, you can make it everywhere“ heißt. Also dachte ich mir, warum nicht mal woanders mein Glück versuchen. Eigentlich wollte ich nach Island ziehen. Ich wohnte da schon drei Monate, als die wirtschaftliche Situation für all meine Freunde da so schlecht wurde, dass ich beschloss dann doch nach Berlin zu gehen. Tja, so war das…

SLEAZE: Weil die wirtschaftliche Situation in Berlin so viel besser ist. Aber ja, klingt plausibel…

(Lacht) Ja stimmt. Aber das coole an Berlin ist, dass ich mich hier fühle wie ein Geist. Ich spreche kein Wort Deutsch. Ich hatte das mal in der Schule und bin kläglich dran gescheitert. Und jetzt kommt mir das irgendwie zu Gute. Die Deutschen sind ja relativ reserviert und zurückhaltend. Es würde nie jemandem einfallen mich einfach so anzuquatschen, also bis auf Touris, die nach dem Weg fragen. Aber ich liebe das. So kann ich mich auf meine Musik und meine Gedanken konzentrieren.

SLEAZE: Du hast gestern mit den Dandy Warhols einen Song gespielt. Wie kam es denn dazu?Ich dachte ihr seid immer noch im Streit.

Sie haben mich darum gebeten. Und es ist auch alles gut zwischen uns. Ich glaube dieser Film (DIG!) hat einfach kein sehr gutes Bild von ihm und der Band gezeichnet. Die wurden da alle total egozentrisch und egomanisch dargestellt und die guten Seiten komplett ausgeblendet. Die haben das mit Absicht gemacht und versucht die beiden Charaktere als Stilmittel gegeneinander auszuspielen. Auch wenn die Leute den Film mochten, finde ich ihn nicht gut gemacht. Das wurde damals alles so künstlich aufgebauscht. Mit Musik kommt man einfach so weit, wie man eben damit kommt. Und es hat viele Gründe, warum ein Album funktioniert oder eben nicht. Das hat nichts mit irgendwelchen Record Labels zu tun. Die Dandy Warhols haderten in der Zeit einfach sehr mit dieser Tatsache, dass sie mit ihrer Musik eigentlich auch so groß wie Led Zeppelin oder sonst wer sein hätten können, es aber eben – warum auch immer – nicht waren bzw. nicht sind. Der Film schaffte eine Situation, die für uns in die eine und für die Dandy Warhols in die andere Richtung arbeitete.

Anton Newcomb - The Brian Jonestown Massacre (Foto by Autumn Andel)

Anton Newcomb – The Brian Jonestown Massacre (Foto by Autumn Andel)

SLEAZE: Aber das heißt ihr versteht euch wieder?

Ja klar. Natürlich ist es manchmal etwas komisch, aber wir waren immer Freunde. Es ist alles gut und der Film ist schlecht!

SLEAZE: Wenn du den Film so schlecht findest, warum hast du ihn dann nicht verhindert? Du hast ihn doch sicher davor zu sehen bekommen, oder?

Weil es mich einfach nicht interessierte. Ich habe den Film davor gesehen und fand ihn nicht gut und dann legten sie mir einen seitenlangen Vertrag vor und meinten, dass ich den jetzt und hier unterschreiben müsste. Mir war das dann irgendwann alles egal.

SLEAZE: Du hast gerade ein neues Album „Revelation“ (hier geht’s zur Rezension) veröffentlicht. Was kannst du uns dazu sagen?

Dass ich froh bin, dass wir noch Alben machen. Auch wenn ich momentan viel mehr mit dem Soundtrack zu dem Film „Moon Dogs“ (Philip John) beschäftigt bin. Und das Album… naja… es sind halt einfach Songs, denk ich.

SLEAZE: Und Revelation heißt es, weil…

Weil dieses Album in vielerlei Hinsicht eine persönliche Offenbarung für mich ist. Es hat sich viel geändert in meinem Leben. Eine neue Stadt, ein neues Studio, neue Leute und Eindrücke. Und dafür stehen diese Songs. Und ich genieße es einfach „normal“ zu sein.

SLEAZE: „Normal sein“ heißt so viel wie „alt werden“?

(Lacht) Naja, irgendwie schon. Früher trank ich 24 Stunden am Tag und oft würde ich das liebend gerne immer noch tun. Es war echt hart für mich, damit aufzuhören. Aber irgendwann kam dieser Punkt, an dem ich mich fragte, wozu das Ganze? Und dann hörte ich einfach mit allem auf. Das hatte auch mit meinem Sohn Wolfgang zu tun. Ich fand es ihm gegenüber einfach nicht fair, wenn ich nicht voll und ganz für ihn da war, weil ich irgendwie und durch irgendwas beeinträchtigt war.

SLEAZE: Wenn du auf deine Karriere als Musiker und deine Alben zurückschaust, was für eine Rolle spielten denn der Alkohol und die Drogen? War das wichtig für die Musik?

Natürlich hatten diese Sachen einen großen Einfluss auf alles, was wir machten. Aber da spielten noch so viele andere Sachen mit. Es ging einfach darum sein Leben, seine Gefühle und Erfahrungen zu Kunst und zu Musik zu machen. Klar hatten Drogen und Alkohol da Einfluss drauf, aber es war nicht so, dass wir unbedingt auf einem Trip sein mussten, um Musik zu machen.

SLEAZE: Das hast du ja auch mit deinem neuen Album bewiesen, dass es auch ohne geht.

Eben. Wie es damals war, war es gut. Wie es heute ist, ist es auch gut. Und es funktionierte auf beide Arten für mich. Ich war ja auch nie so wie z.B. Jim Morrison, der von einem Dach springt oder wie Jackass, die sich die Haare anzünden oder so… das war eben Rock’n’Roll und das war gut so. Ich bereue nichts davon.

SLEAZE: Glaubst du, dass es früher leichter war eine Band zu sein?

Nein. Ich glaube, dass es einfach nur darauf ankommt, wo du her kommst. Es war früher sicher nicht leichter. Eine Band zu sein ist verdammt hart. Als wir anfingen, wollte uns kaum einer spielen lassen. Alle waren gegen uns. Aber es war auch alles ganz anders damals. Heute ist es vor allem deshalb schwierig, weil niemand mehr Geld hat. Das fängt ja schon beim Benzin für den Tourbus an. Touren ist teuer. Die Booker buchen lieber einen X-beliebigen DJ als eine bestimmte Band, weil es viel einfacher und weniger umständlich ist. Du versuchst dieses Interview so lange wie möglich zu machen, weil wir hier drin Aircondition haben, richtig? (Lacht)

SLEAZE: Erwischt. Ich könnte noch ewig Fragen stellen. Aber dein Manager schaut auch schon so böse. Ich glaub du musst weiter.

Scheint so, aber danke für dein Interesse. Nehmt euch so viel Wasser mit, wie ihr wollt! Ach ja und ich stehe auf eure österreichischen Jodel-Typen. DJ Ötzi und so! Und Sound of Music! Österreich ist toll!

SLEAZE: Ähm ja, danke… Das ist kein Kompliment!

Ich weiß, ich meine das auch nicht ernst. Nur euer Land, das mag ich wirklich.

Wir verlosen 2x 1 CD des neuen Albums „Revelation“. Schreibt uns euren Namen an geschenke@sleazemag.com und nennt uns den Namen des ersten Studioalbums von The Brian Jonestown Massacre! Viel Glück!

Originally posted 2014-06-06 11:56:18.