Die neuen hippen Posterboys des deutschen Raps heißen zum Einen Zugezogen Maskulin und haben zum Anderen kürzlich ein Konzert in Berlin gegeben. Anlässlich dieses Spektakels haben wir sie kurz zur Seite genommen und uns ein bisschen über die deutsche Hip Hop Szene, Echsenmenschen und das Internet unterhalten.

Testo und grim104 waren in Plauderstimmung

Das Kürzen ihres Wortschwalls fiel mir im Nachhinein ziemlich schwer. Welche Aussagen  des Interviews mit Zugezogen Maskulin das Aussieben überstanden haben, lest ihr hier.

Bieratem, Dummquatschen und in Skinnyjeans zwängen klingt jetzt nicht so geil, dass man da unbedingt mitmachen will.

grim104:  Das ist schon zu trennen, denn der Bieratem und das Dummquatschen gilt es abzulegen, wohingegen die Skinnyjeans unbedingt zu befürworten sind. (lacht)
Ersteres war einfach so ein Stammischbild und die Skinnyjeans sind das dem Entgegenwirkende. Wobei man wahrscheinlich auch in Skinnyjeans an einem Stammtisch sitzen kann, mittlerweile.

Gewissermaßen grenzt ihr euch damit trotzdem von der deutschen Hip Hop Szene ab, wollt gleichzeitig aber auch mitspielen. Lässt sich das gut miteinander vereinbaren, weil ihr auf humoristische Weise darüber steht?

grim104 mit fragendem Blick in Richtung Testo: Hmm … hast du eine kluge Antwort?

Testo: Ein Stammtisch ist immer ein Bild für Menschen ohne besonders weiten Horizont, die alles abseits ihrer eigenen Einstellung scheiße finden und eben auch Leute in Skinnyjeans scheiße finden – um das jetzt mal weiter zu führen – und genau das ist, was wir nicht leiden können, dass viele oft der Ansicht sind, ihre Meinung müsse für alle gelten.
Aber abgesehen davon würde ich mir auch nicht seit 1000 Jahren gefühlt jedes Deutschraprelease reinziehen und bei rap.de arbeiten und selbst rappen, wenn das alles so kacke wäre. Das ist schon ganz gut, hat aber seine kleinen Schwächen.

„Alles Brennt“ wird mal als Debütalbum bezeichnet, dann ist es wieder das zweite Werk. Wie fühlt es sich für euch an?

Testo: Für mich ist es wie ein Debüt, weil das davor immer Free Download Dinger waren, war es immer so „Fertigmachen, raushauen“ und jetzt ist es so, dass das Album seit Juli fertig ist, aber noch so lange damit und drumherum gearbeitet wurde, dass es für mich allein dadurch eine ganz andere Wertigkeit hat.
Zu grim104: Wat sachst du dazu, Kollege?

grim104: Jaaaa alsooo, dann will ich auch mal wat dazu sagen.
Geht mir ganz genauso. (lacht)

Warum habt ihr euch letzendlich für das Rappen entschieden und nicht die Journalistenkarriere weiter verfolgt?

grim104: Im Grunde, weil es nochmal mehr Spaß macht. Gerade beim (Musik-)Journalismus berichtet man Quartalsmäßig über die gefühlt selben Themen: Neues Album hier, ein kleiner Skandal da, Festivalrückblick, über das eine krasse Video und so weiter. Das wiederholt sich aber immer wieder und das finde ich auf Dauer nicht mehr so spannend. Man will ja auch mal über was anderes berichten. Da finde ich Rap schöner, weil man selbst erschaffen und richtig kreativ sein kann.

Testo: Ich habe bei rap.de (halbjähriges Praktikum unter der Führung Markus Staigers, im Zuge dessen er auch grim104 kennenlernte – Anm. der Red.) fast täglich eine News über Rick Ross oder Suge Knight schreiben müssen, weil der wieder einen Goldzahn verloren hat oder eine Uhr. Aber ich will der sein, der einen Goldzahn verliert. (lacht)

Dann doch lieber auf der anderen Seite stehen. Hat man aber nach so einem PR-Tag überhaupt noch Bock, immer die gleichen Fragen zu beantworten?

Testo: Das macht schon Spaß, obwohl so ein ganzer Tag natürlich auch anstrengend ist. Das merke ich eigentlich aber immer erst hinterher. Mir fällt aber dann auch auf, dass ich Antworten auf die gleichen  Fragen zum Teil Wort für Wort wiederhole. „Wie seid ihr auf den Namen gekommen? Nervt euch das nicht, wenn ihr falsch verstanden werdet?“ Was gibt’s noch?

grim104: Wie fühlt ihr euch jetzt hier in Berlin? Was ist mit Staiger?

Testo: Solche Sachen…
Aber ist auch OK, weil wir das eben auch aus der anderen Perspektive kennen und auch wenn es naheliegende Fragen sind, möchte man die oft doch auch im eigenen Medium beantwortet haben.

Welche Fragen würdet ihr denn gerne mal gestellt bekommen?

Testo (schreiend): Warum seid ihr so geil?!

grim104: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eine ungewöhnliche Frage gestellt bekomme, wüsste aber jetzt auch nicht, was ich unbedingt gefragt werden will.

Testo: Warum wir keine Nazis geworden sind, fand ich ziemlich interessant, oder ob ich bei Oranienplatz krank war. Da denke ich mir dann „Oh, du Fuchs. Hast dir das ganz genau angehört“. Die kritischeren Fragen sind dann ganz spannend.

grim104: Aber nicht zu kritisch bitte, dann wird es auch wieder unangenehm (lacht)

Zugezogen Maskulin ihm seine Theorien: PEGIDA und seine Ursachen

Als Rapper kommentiert ihr oft den aktuellen Zeitgeist und die Stimmung im Land. Was ihr von Pegida und Co. haltet, muss man nicht fragen, aber wo treibt es eurer Ansicht nach die verwirrten Seelen hin, nachdem das Ganze jetzt so allmählich auseinanderbricht? Die Wut bleibt nämlich weiterhin.

Testo: Ich hatte mir dazu letztens ein schönes Bild überlegt. Mal gucken, ob ich es noch zusammen kriege:

Es folgt, eine soziokulturelle Betrachtung der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendslandes.

Stell dir eine Familie bzw. die Eltern vor, die haben zwar ein Kind, um das sie sich aber nicht so richtig kümmern. Sie gehen arbeiten, abends in die Oper und so weiter. Das Kind bekommt nicht so viel Aufmerksamkeit. Die Eltern bekommen ein zweites Kind. Da denkt sich das Erste „Moment, ich bekomme schon so wenig Aufmerksamkeit, jetzt kommt da noch dieses scheiß neue Kind. Das geht so nicht.“
Und anstatt das anzusprechen (Hier hinkt der Vergleich ein bisschen, weil sich ein Kind nicht so richtig ausdrücken kann, um mit den Eltern gescheit zu kommunizieren), richtet es seine Wut nur gegen das neue Kind und will es weg haben.
Weil es anfängt es an den Haaren zu ziehen und herumzuschubsen, müssten die Eltern, sobald sie es merken, einerseits sagen „So geht das nicht.“, aber andererseits fragen „Was ist hier überhaupt los?“. Dadurch würden sie feststellen, wo das Problem liegt und könnten sich dementsprechend darum kümmern. Stattdessen wird gesagt „Was machst du denn da, du bist ja krank, lass gefälligst das neue Kind in Ruhe. Wenn du so weitermachst, kommst du auf jeden Fall ins Heim.“.
Das vermittelt, dass das alte Kind die Klappe halten soll und alles geht so weiter, wie es bisher war.

So sehe ich auch die Pegida-Sache. Die Wut müsste sich gegen die Politik richten, und nicht gegen das neue Kind – beziehungsweise die Flüchtlinge. Das ist ein kleiner Schrei nach Liebe und Aufmerksamkeit Das hat auch daher soviel Zulauf, obwohl es mit rechtem Scheiß in Verbindung gebracht wird, weil die Leute denken, „Gut, dann sind wir eben jetzt die Nazis, aber wenigstens geht es auch mal um uns und wir werden beachtet.“

(Damit hat er zwar leider nicht ganz die Frage beantwortet, der Vergleich war aber so schön, dass ich ihn euch nicht vorenthalten möchte – Anm. der Red.)

Da finden sich aber nicht nur rechte Spinner, sondern auch Anhänger der abstrusesten Theorien. Was ist eure Lieblingsverschwörungstheorie?

grim104 wie aus der Pistole geschossen: Reptiloide. Nichts erscheint mir so schön abseitig, wie Echsenmenschen. Das ist auch eine harmlose Theorie. Da gibt es ja verschiedene Formen, wie diese Politische, die unterfüttert ist mit Teilfakten und so weiter. Mit den Leuten zu streiten ist aber richtig anstrengend, weil die dann doch manchmal Recht haben, aber vieles zurechtgebogen oder in einem anderen Zusammenhang zusammenfantasiert wird.
Mit Reptiloiden habe ich mich zwar noch nie gestritten, stelle mir das aber viel angenehmer vor, weil das einfach komplett crazy ist.

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Lest ihr YouTube-Kommentare?

grim104: Ich lese die manchmal. Oft. Immer. (lacht)
Mein E-Mail Account ist verknüpft mit unserem YouTube-Account, daher schaue ich da immer wieder rein. Aber mittlerweile bleibt die Adresszeile immer häufiger schwarz.

Testo: Ich überfliege das immer mal wieder, gerade wenn was Neues rauskommt, um abzuschätzen wie es im Großen und Ganzen angenommen wird.

Verfasst ihr selbst welche?

Testo (nicht ohne Stolz): Ich habe noch nie in meinem Leben einen YouTube-Kommentar geschrieben!
Ich war öfter schon ganz kurz davor, hatte auch schon was getippt, dann dachte ich aber „Was mache ich hier eigentlich?“ und habe es schnell wieder gelöscht. (lacht) Es gab in mir nie wirklich den Drang unter irgendwelche Videos zu schreiben, was ich davon halte.

grim104: Ich habe das so zwei, drei Mal gemacht.
Könnt ihr euch noch an dieses Ding erinnern, ich glaube das gab es damals auch nur im Internet, „Hopper (das waren Hip Hop Hörer) gegen Metaler“? Das ging in beide Rchtungen und es hieß immer „Ich höre keinen Metal/Hip Hop, weil…“ und dann eine blöde Begründung.
Da schrieb irgendjemand irgendwas Absurdes und ich habe mich dann genötigt gefühlt, die Verflechtung zwischen Metal und Hip Hop aufzuführen.
Totaler Quatsch eigentlich, weil es natürlich auch überhaupt nichts gebracht hat. Da hat dann fünf Minuten später der Nächste drunter geschrieben „Hau ab, du Lappen“.
Das ist so unergiebig, weil es nur darum geht, kurz seine Wut abzulassen. Das macht die Kommentare aber auch so ärgerlich, weil die Leute schlecht gelaunt sind und sich dann da auslassen. Da kannst du nichts machen.

Welchen Anteil hat eurem Empfinden nach das Internet an eurem Erfolg?

grim104: Joa, keinen Großen.
Ähm, keinen Geringen. Ich habe mich nie als Internetrapper gefühlt – auch wenn ich auf Platz 1 der süßesten Internetrapper stehe. (lacht)
Es hilft durchaus dabei, Lieder zu verbreiten. Als ich aktiv mit dem Rappen angefangen habe, gehörte die Verbreitung mittels Tapes oder CDs bereits der Vergangenheit an. Insofern bin ich dem Internet dankbar, aber das Gefühl, dass unsere ganze Karriere nur dem Internet geschuldet ist habe ich nicht.
Wir hätten es auch so geschafft. Ohne euch! (lacht)

Wäre die heutige Gesellschaft denn ohne Internet besser, oder …

Beide fallen mir simultan ins Wort: Nein!

grim104: Du kannst ja mal vergangene Gesellschaften betrachten. Bei den Nazis gab es auch kein Internet, und das nicht ohne Grund!

Testo: Mehr muss man dazu wohl nicht sagen. (lacht) Einfach dieser Zugang zum Wissen ist ein ganz großer Motor für Demokratie und Meinungsbildung. Das macht das Volk sehr viel mündiger, als es in früheren Zeiten der Fall war.

Schonmal eine Platte gekauft, für die ihr euch heute schämt?

grim104: Hmm, ja. Nee.
Als erste richtige Platte hatte ich zum Beispiel Nana.
Fängt an zu singen: „He’s coming, he’s coming“.
Ich verstehe aber bis heute nicht, warum es sowas mal bei Lidl gab, aber für 1,99€ dachte ich damals „Geil, muss ich haben“. Da war ich aber auch erst elf oder zwölf. Aber ich schäme mich dafür trotzdem nicht so richtig.

Testo: Meine ersten CDs waren von Scooter und sowas. Das ist aber auch nichts, was mir heute unangenehm ist.

Damit sind wir auch schon am Ende angelangt.

grim104: Das war’s?

 Ein kurzer Spaß.

grim104: Aber ein Spaß.

Vielen Dank für eure Zeit!

Originally posted 2015-02-25 17:52:32.