Noch blutjung, aber irgendwie schon einer der ganz alten Hasen ist Lorenz. Das Herz des 26-Jährigen gehört schon seit 12 Jahren dem deutschsprachigen Rap und am 21. März 2014 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum „Wurzel, Stamm und Krone„. 

2011 verzauberte er, damals noch unter dem Pseudonym Loriot, mit seinem Kumpel Patchu als „Unerhört“ mit ihrer „Vergissmeinnicht EP“. Und heute, nur vier Jahre später, feiert das Video zur dritten Albumauskopplung „Der Stadtfuchs“ Premiere. Anlass für uns, mal mit Lorenz, dem Berliner Rapper mit den Stuttgarter Wurzeln, über die Grundfeste von HipHop und seinen Back-To-The-Roots-Sound zu plaudern.

Ich bin bekanntermaßen ein Hip-Hop-Embryo. Kannst du mir ganz kurz erklären, was Hip-Hop ist und wie er funktioniert? Was macht für dich Hip-Hop aus?

Hip-Hop ist eigentlich ein Schirmbegriff, der eine Kultur beschreibt, die sich in Bildern, Tänzen und Musik niederschlägt. Grafittiartists sprühen Pieces, als ästhetische Schriftzüge oder Motive, Tänzer und Tänzerinnen breaken, und MCs oder Rapper formen mit den DJs den Kulturaspekt der Musik. Kurz also: Grafitti, Breakdance, Rap und Turntablism. Man könnte als fünftes Element noch das Knowledge nennen, das sich da dazuschleicht, das die Ursprünge der Kultur übermittelt. Da draußen laufen einige Leute herum, die so vieles wissen über wer, wann mit wem gearbeitet hat, welches Sample benutzt wurde, wer wem Refernzen gibt, etc. Hip-Hop ist für mich eine grundlegende Stimmung, eine Attitude, die kreativ ausbricht, vielleicht provoziert und rebelliert, aber auch Brücken schlägt und resepktiert. Ich habe in einem Clueso-Interview einmal gelesen, das Hip-Hop das beste Auffangnetz für Jugenliche ist. Dem stimme ich vollkommen zu.

Deine Songs sind sehr apokalyptisch, aber trotzdem auf eine traurig-schöne Art extrem liebevoll. Bist du romantischer Pessimist oder wo kommt’s her?

Eher ein optimistischer Melancholiker. Um Pessimist zu sein, hatte ich eine zu schöne Kindheit und Jugend, vor allem in einem Theologenhaushalt. Aber um Hardcore-Romantiker zu sein fehlte es mir gesamt gesehen in der letzten Dekade an Glück in der Liebe. Seit einem Jahr nicht mehr – vielleicht kommts daher.

Wie, wann, wo und in welcher Stimmung schreibst du Texte?

Meistens daheim, meistens, wenn der übliche Stuff erledigt ist. Wenn aber ein Song vom Vortag nach seiner Vollendung schreit, auch mal sofort nach dem aufstehen. Die Stimmung gibt der Beat, der macht schon viel aus. Und der regt ja auch das Gemüt an. Aber Ich muss nich besonders down sein, um Texte zu schreiben, die down sind. Oder melancholisch.

Was sind deine Vorbilder – musikalisch wie menschlich?

Für mich gehören zu den stärksten, deutschen Lyricists Hiob, Kamp, Dendemann, Max und Megaloh. Die haben meines Erachtens wirklich Maßstäbe gesetzt. Afrob gehört bei den Lyrikern nicht so dazu, aber der Typ hat das, was man glaub ich heutzutage „Swag“ nennt. Menschliche Vorbilder? Namhafte Personen kann ich hier nicht nennen. Ich hab meine Vorbilder für bestimmte Eigenschaften eher im sozialen Umfeld. Beispielsweise mein Produzent Acura, der soviel Zeit und Geduld aufbringen kann. Oder meine Großmutter, die soviel Mitgefühl, Trauer und Rebellion in sich trägt, und sich mit allen Unterdrückten, Misshandelten, politisch Verfolgten, etc. so inbrünstig solidarisiert, auf Demos geht, Mahnwachen hält – und das mit über 80. Ah, doch einen Namhaften: Edward Snowden. Ich hätte gern die Eier, die Dinge, die mich umtreiben und anderen vor den Kopf stoßen könnten, so auf den Tisch zu klatschen wie er.

„Ich mag Oldschool-Kartenknipsende Bahnangestellte“

Wenn du in zwei Sätzen beschreiben müsstest, wer Lorenz ist und was ihn ausmacht, wir würdest du’s anstellen?

Ich würde im ersten Satz tabellarische Angaben über seinen bisherigen Lebenslauf geben, die vielleicht mit kleinen Anekdoten über Schlüsselstellen seines Lebens gespickt sind. Im zweiten Satz würde man wahrscheinlich eine musikalische Einordnung erwarten, wer musikalisch inspiriert, was thematisiert wird, und was davon auf die Person rückgeschlossen werden könnte – dennoch glaube ich doch eher, dass ich im zweiten Satz charmant auf sein Album und die Videoauskoppelungen „Ahnengeist“, „40“ und „Der Stadtfuchs“ auf Youtube hinweisen würde, da ja bekanntlich die Musik selbst den besseren Einblick erlaubt, als tausend Worte über sie. Punkt.

Ich bin zwar ein Embryo, aber ich habe doch gemerkt, dass du hart wie die alten Hasen klingst. Hat deine Stuttgart-Connection da einen Einfluss genommen oder warum bist du nicht auf dem Hip-Hop-Pop-Zug aufgesprungen? Wäre doch bestimmt lukrativ?! 

Oh, danke. Mich freut es insgeheim, wenn man mich als reif einschätzt, wohl weil ich mir da sellbst Defizite eingestehe. Der Hip-Hop-Pop-Zug ist scheiße, weil er kein Raucherabteil hat und nur Schaffner mit Scanner und ohne oldschool-Kartenknipser. Ich mag Oldschool-Kartenknipsende Bahnangestellte. Außerdem stellt da die Schienengesellschaft die Weichen, und das mach ich gern selber. Und ob etwas lukrativ ist, stellt doch keine Kategorie dar, nach der man seinen Sound gestaltet. Also man schon, aber ich und mein musikalisches Umfeld nicht.

Cro und SDP: Was hältst du von popigem Hip-Hop und Spaß-Rap? Ein bisschen klingt ja davon schon im Album an.

Wer ist der Zweite? Ich hör es halt nicht und kann es deshalb schlecht bewerten. Naja, Rap muss schon Spaß machen, aber nicht so oberflächlich. Die Mucke ist von der Attitude halt Pop. Rap ist sie nur, wegen dem betonten Text. Flowtechnisch oder lyrisch aber vollkommen Plastik und uninteressant. Andererseits führt Cro wahrscheinlich soviele Kiddies in die Hip-Hop-Richtung, die mit dem Sound, den ich feiere und der mich geprägt hat, (noch) nichts anfangen können. Keine Ahnung, ehrlich gesagt ist mir das relativ egal.

Lorenz - Neues Album: Wurzel, Stamm und Krone

Lorenz – Neues Album: Wurzel, Stamm und Krone

 

Neben dem Stuttgart-Sound prägt Berlin deine Texte hörbar. Was macht die Stadt so liebenswert und wofür hasst du sie am meisten?

Ich liebe sie für ihre unkomplizierte und charmevoll dreckige und ehrliche Art. Du kannst einfach dein Ding machen, und wohl so frei dein persönliches Leben in allen Bereichen gestalten, wie in kaum einer anderen Stadt Deutschlands, vielleicht sogar der Welt. Überall Grafitti, Urbanismus in Blüte, das mag ich schon sehr. Hier pulsiert das Leben. Ein bekanntes Zitat aus einem klugen Kopf lautet: Berlin ist nie, aber wird immer! Das trifft es für mich sehr gut. Wenn man aber nicht auf sich aufpasst, schluckt einen die Stadt. Und das kann hässlich enden. So sehr ich die Anonymität der graubunten Großstadt auch genieße, so sehr hasse ich sie auch manchmal. Man kann schon auch die „Is-Mir-Egal“-Haltung spüren.

Dein eigenes Festival: Wie würde das Line-Up aussehen?

Ich sags mal chaotisch, ohne Zeitabfolge und ohne Plausibilität. Manu Chao, Peter Fox, Amy Winehouse, Tom Waits, Fashawn, Blu & Exile, die Dilated Peolpes, Nas, Cypress Hill, Megaloh, die Verrückten Hunde, Hansito an den Decks, the Wailers (!), Louis Armstrong und King Frank Sinatra.

Was kommt als nächstes?

Also zeichnen und malen, geschweigedenn sprayen kann ich überhaupt nicht. Vollkommener Formlegasteniker. Tanzen und Breaken ist auch nicht so mein Bereich, da mir die Muskeln dafür fehlen. Fürs DJing fehlt mir die technische Kompetenz. Ich glaub ich bleib mit leeren Taschen, kreuzgeschädigt über meinem weißen Blatt und meinem schwarzen Stift gebeugt und mache Hip-Hop. Klar hab ich Bock auf ein zweites Soloalbum, aber auch auf ein kleines Kollaboprojekt. Mal sehn, was geht.

Bier oder Schnaps? 

Erst Erstes, zweitens Zweites und das dann mal drei!

Originally posted 2014-04-02 16:12:48.