Inmitten der schwedischen Provinz findet ein kleines Festival mit dem lauschigen Namen MUSKELROCK statt.

Wir waren dabei und haben es mit nordischen Gottheiten und den Wetterbedingungen aufgenommen.

Das Wochenende begann mit einer Platzwunde. Doch habe ich sie nicht – wie man leicht vermuten könnte – bei einem Faustkampf mit einem Wikinger Muskelrockdavongetragen, sondern lediglich beim Gepäckeinladen die Kofferraumklappe übersehen.

Die offizielle Version ist natürlich „Kleiner Unfall mit Thor’s Hammer“.

Auf der langen Fährfahrt über die stürmische Ostsee ging es direkt los mit Rock’n’Roll. Der Inneneinrichtung der Fähre entsprechend, mit vielen Spiegeln, holzvertäfelten Wänden, siebziger Jahre Teppichen und Plastikpalmen, fanden wir uns mit einigen Mitgliedern der mitgereisten berliner Bands unter Deck ein, tranken Rotwein und hörten Tom Jones.
Im Morgengrauen durchquerten wir das schwedische Hinterland und kamen letzendlich in Alvesta an.
Passend dazu brach die Wolkendecke auf und das Festivalgelände erstrahlte in vollem Glanz. Eingebettet in eine Idylle, die sich alle Mühe gibt, den landschaftlichen Klischees gerecht zu werden.
Muskelrock Alvesta

Es hätte mich nicht verwundert, wäre mir der kleine Michel hinter der nächsten Ecke begegnet, wo er zur Strafe Holzfiguren schnitzen muss, weil er den Bands das Bier weggetrunken hat.

Aber nicht nur landschaftlich, sondern auch sonst sind die Schweden mit vollem Ernst dabei und ziehen ihr Ding konsequent durch. Das kommt der Musik zugute, den Outfits aber nicht immer.

Das Festivalgelände wiederum war ein ungetrübter Augenschmaus. In einem alten Vergnügungspark, der in den 60ern und 70ern an Wochenenden mit Künstlern wie Bill Haley zwei- bis dreitausend Leute anlockte und jahrelang leerstand, wurde das Muskelrock 2009 aus der Taufe gehoben.
Seitdem schütteln die Rock- und Metal-Liebhaber ihre Mähne zwischen Zirkuszelt, heruntergekommenen Schießbuden und bunt bemalter Kulisse.

Tyrolen Alvesta

Dem Ganzen haftet ein osteuropäischer Charme an, weil die „Wandmalereien“ bekannter Künstler (wie Elvis oder Beatles) in verblichener und abblätternder Farbe zwar (meist) erkennbar, aber nicht unbedingt ästhetisch sind.

Das Bandprogramm setzte sich – wie soll das beim Namen Muskelrock auch anders sein – aus Gitarrenmusik der härteren Gangart zusammen

Feiner, schnörkeloser 70’s Hardrock, den man weder optisch noch akustisch vom Original unterscheiden konnte, wurde unter anderem von Vidunder, Spiders und Honeymoon Disease geliefert. Travelin‘ Jack und Heat aus Berlin sorgten dafür, dass es kein rein schwedisches Klassentreffen blieb.

muskelrock sweden

Die Deckenbemalung im Zelt macht da deutlich mehr her

Die Blues Pills mussten krankheitsbedingt leider absagen, wurden aber kurzfristig von ihren Kollegen Horisont vertreten, die es aus Göteborg nicht ganz so weit hatten und deren Auftritt auf genauso viel Gegenliebe stieß.
Wem das alles etwas zu lasch war, konnte einfach auf die anderen Bands ausweichen, die mit mehr Metal und höherer Geschwindigkeit dem Publikum einheizten, sodass es sich die herbstlichen Temperaturen aus den Knochen schütteln konnte.
Anti Christ, Tribulation, Speedtrap, Dread Souvereign bedienten die dunklere Seite der Macht des Metalls, während sich Enforcer, Hypnos oder Portrait dem Thrash widmeten.

Muskelrock

Aber auch die Anhänger der klassischeren Varianten wurden nicht enttäuscht, denn Citron, Anvil, Ashbury, Bullet und Thor standen auch auf dem Programm.
Zu Thor und Anvil gab es jeweils am Morgen noch etwas Trivia in Form der Dokumentationen, die im Zelt gezeigt wurden.

I am Thor Documentary

I am THOR – „Check out my pecs“

Im Gegensatz zu Anvil, die sich für die Heilsbringer des Metal halten und in einer Tour jammern, sie hätten eine riesige Karriere verdient, ist Jon Mikl Thor ein deutlich angenehmerer Zeitgenosse.
Er denkt zwar das Gleiche über sich, legt dabei aber einen derart schmerzbefreiten Humor an den Tag, dass er einem direkt symphatisch ist.

Neben der empfehlenswerten Doku „I am THOR“ sei euch auch „Kung Fury“ ans Herz gelegt. Das Flaschwitz- und Effektspektakel ist auf dem Mist einiger Schweden gewachsen und bei der Vorführung am verhältnismäßig frühen Morgen waren mehr Leute anwesend, als bei der ein oder anderen Band später am Tag.
Eines der Highlights des Festivals war die Secret Show am ersten Abend.
Am Anfang hielten wir die zusammengewürfelte Truppe mit bunter Schminke und wallenden Hippie-Gewändern noch für ein schwedisches Künstlerkollektiv aus der Gegend, die auch mal spielen durften. Doch weit gefehlt.

Vor uns tanzte der wahrhaftige God of Hellfire über die Bühne.

Arthur Brown mit seinen 74 Jahren brachte mehr Energie mit als manch ein Speed-Metal-Jungspund.
Die musikalische Abwechslung sorgte für große Begeisterung, lockerte die Nackenmuskulatur, weil nicht geheadbangt, sondern getanzt werden konnte und ließ uns mit offenem Mund zurück.

tyrolen alvesta

Das Vorurteil, dass Skandinavier gut trinken können, hat sich bestätigt. Was jedoch nicht zutrifft: Dass alles so teuer sei. Fünf Euro für ein (großes) Bier ist zwar auch nicht der beste Deal, allerdings muss man bedenken, dass es sich dabei um Festivalpreise handelt, die man in Deutschland genauso bezahlt.
Dazu kommt, dass den gesamten Mittag über Happy Hour herrschte, was den Preis in mehr als annehmbare Bahnen lenkte.

Das Essen auf dem gesamten Gelände war ausschließlich vegetarisch oder vegan, aber keiner der ansonsten durchaus Fleisch- und Blut-Affinen Metaller fand Grund zur Beanstandung. Burger, Pizza und Chili waren durchweg lecker und stärkten gegen die herrschenden Temperaturen, die das einzige Manko beim Muskelrock 2015 darstellten.

Muskelrock

Wir fahren ohne Muskelkater und kommen wieder.
Tack Sverige! Tack Muskelrock!

Originally posted 2015-06-04 13:31:38.