Hierzulande herrscht allgemeine Unwissenheit, was die polnische Musiklandschaft betrifft. Das wird sich jetzt ändern, denn wir haben uns von der polnischen Rockband COMA darüber berichten lassen und Sänger Piotr Rogucki stand Rede und Antwort, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Ist Rockmusik eine große Sache in Polen und habt ihr so etwas wie eine Szene – im Besonderen in Lódz?

Man kann diese Frage von zwei Standpunkten aus betrachten. Der erste ist kommerzieller Erfolg: Rockmusik existiert fast gar nicht im Mainstream. Es gibt keinerlei Fernseh- und Radioprogramme oder Zeitschriften, die Interesse an dieser Form des künstlerischen Ausdrucks haben. Abgesehen von ein paar wenigen Medien wie dem „Eska Rock Radio“ oder dem „Now Rock Magazine“ gibt es da nichts. Aber! Es gibt eine unglaublich große und starke Untergrundbewegung. Die Clubs im ganzen Land sind voller Rockmusikfans, die sich niemals ein Ticket für eine Mainstream-Band kaufen würden, aber ihr letztes Hemd für eine gute Rockshow geben. Wir sind eine dieser glücklichen Bands. In dieser Hinsicht spielt die Musik eine große Rolle und nicht der Ruhm. Es gab eine Zeit, vor ungefähr zehn Jahren, als Rockbands nur so aus dem Boden geschossen sind. Einige von ihnen sind mittlerweile sehr bekannt, aber diese spontane Bewegung hat wieder nachgelassen und nur die Größten sind übriggeblieben.


Wie kam es zu der Entscheidung, englische Songs zu schreiben und wie sahen die Reaktionen eurer Fans aus?

Es war ein ganz natürlicher Prozess, denn wenn man zu lange an einem Ort bleibt, beginnt man sich zu langweilen. Wir haben in Polen alles erreicht, was man als Rockband erreichen kann, weshalb wir uns entscheiden mussten, ob wir für den Rest unseres Lebens immer wieder in den gleichen Clubs spielen wollen oder ob wir daraus ausbrechen. Routine mag für Büroangestellte gut sein, aber nicht für Rockmusiker – es würde deine Kreativität zerstören. Jetzt haben wir die Freiheit, uns neue Ziele zu setzen und uns auf ein Abenteuer einzulassen. Trotzdem war die Reaktion einiger der Fans überraschend negativ und sie reichten von wiederstrebend bis zu aggressiv. Sie wollten einfach nicht, dass wir auf Englisch singen und ich weiß nicht warum. Auf gewisse Weise finde ich es aber auch animierend, gegen die Meinung der Menge anzuspielen und etwas zu riskieren. Es ist aber auch beängstigend.

 

 

Glaubt ihr, dass die Möglichkeit besteht, mit nicht englischsprachigen Songs in Europa oder auch weltweit bekannt zu werden.

Es gibt einige sehr gute Beispiele dafür, wie Sigur Rós oder Rammstein. Das zeigt, dass es möglich ist, aber es ist dann doch eher die Ausnahme. In unserem Fall bin ich davon überzeugt, dass es unmöglich ist, wenn wir weiter auf polnisch singen, da die Musik, die wir machen, von englischsprachigen Künstlern beherrscht ist. Darüber hinaus finde ich es, im Gegensatz zu polnisch oder deutsch, auch einfach musikalischer – irgendwie fließender und euphonischer.

 

Ihr wurdet als „Polens größte Rockband“ bezeichnet. Habt ihr schon davon gehört und habt ihr selbst auch den Eindruck, zu den ganz Großen im polnischen Musikgeschäft zu gehören?

Ich denke, die Antwort auf diese Frage findet sich schon am Anfang dieses Interviews. Wenn man uns als Mainstream-Band betrachtet, sind wir ein Niemand, weil wir nicht in berühmten Fernsehshows spielen und auch sonst nicht in landesweiten Medien auftauchen. Aber ansonsten haben wir so gut wie alles erreicht: Ausverkaufte Tourneen, Doppel-Platin und eine treue Anhängerschaft. Das sind die Fakten, aber für uns hat das keinen allzu hohen Stellenwert. Es ist kein Wettbewerb, weil die Musik im Mittelpunkt steht. Man spielt anständige und energiegeladene Konzerte – oder geht unter! (lacht)

 

Was habt ihr bisher für Erfahrungen in Deutschland gemacht, sei es auf Tour oder privat im Urlaub?

Kürzlich hatten wir die Möglichkeit, als Support für „Tides From Nebula“, eine befreundete Band, in Berlin zu spielen. Es war eine wunderschöne Erfahrung, vor deutschem Publikum aufzutreten, weil wir in Polen einfach erkannt werden und die Leute eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber unserer Musik haben. Ich liebe Berlin, weil es eine so offene und inspirierende Stadt ist und glücklicherweise konnte ich schon das ein oder andere Wochenende dort verbringen. Außerdem haben wir mit dem deutschen Regisseur Robert Thalheim gearbeitet, in dessen Debüt-Produktion „Am Ende kommen Touristen“ (2007) ich auch mitgespielt habe. Ich bin nämlich nebenher auch Schauspieler, weshalb ich mir die Chance nicht entgehen lassen wollte, in einem deutschen Film mitzuspielen. Wir hoffen natürlich, dass wir mehr Zeit in Deutschland verbringen können, vor allem um Musik zu machen, aber das ist alles eine Frage der Zeit.

 

Gab es schon einmal Verwechslungen oder dergleichen, da es noch mindestens sechs andere Bands mit dem Namen „Coma“ gibt?

Ich weiß darüber Bescheid, aber für mich ist das nicht sonderlich wichtig. Sollte es ein Problem damit geben, werden wir uns darüber Gedanken machen, aber momentan ist uns das egal.

 

Coma

Als Rockband und auch als Osteuropäer…wie viel Einfluss hat Wodka auf eure musikalische Arbeit?

Rafal (Bassist) und ich sind enthaltsam, da es uns zu anstrengend war, so viel zu trinken, wie man es als Rockstar tun sollte. Keiner von uns betrinkt sich, während wir arbeiten. Es gab zwar eine Zeit, in der wir viel gefeiert haben, aber wie oft kann man schon nach den Gigs die Sau rauslassen? Als normaler Mensch wird man früher oder später feststellen, dass das Ganze ziemlich unproduktiv ist. Es ist viel spannender, Dinge zu erschaffen und wenn man viel zu tun hat, behindert das Trinken nur und kostet Zeit. Ich habe keine Zeit zu verlieren.

Fred

Originally posted 2013-04-25 10:03:33.