Wir präsentieren euch: Depeche Mode live in Berlin!

Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Depeche Mode war am Wochenende in der Stadt. Die Urgesteine des Synth Rock beglückten ein restlos ausverkauftes Olympiastadion mit einer perfekt einstudierten und bis ins letzte Detail durchinszenierten Show. Kritik an den Meistern? Naja, irgendwie schon, irgendwie auch nicht. Was für die einen der reinste Horror ist, löst bei den anderen endlose Glücksgefühle aus. Ein Stadionkonzert eben, das trotz teils übertriebener Selbstinszenierung des Frontmanns Dave Gahan ganz schön unter die Haut ging.

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Ein wenig nervös machte ich mich Sonntagabend auf den Weg ins ominöse Olympiastadion. Viel hatte ich schon davon gehört – meistens hatte es mit meiner Lieblingsbeschäftigung (Achtung: Sarkasmusalarm!) Fußball zu tun. Dass dort nun ein Depeche Mode Konzert stattfinden sollte, lies mich nicht unbedingt Gutes erahnen. Immerhin hatten sich 66.000 Menschen angekündigt. Alle mit dem Ziel sich von den Synth Pop-Legenden in ihre Vergangenheit katapultieren zu lassen. In eine Zeit, in der Schulterpolster, peinlich Fitnessclips und Dauerwellen der letzte Schrei waren. Tja, die 80er eben. Jeder macht mal Fehler. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen. Damals waren Dave Gahan, Martin Gore und Alex Flatcher noch weit davon entfernt, Stadionkonzerte zu spielen. Ob es damals besser gewesen wäre, diese Band das erste Mal live zu sehen? Vermutlich schon. Ist aber nicht zu ändern und gespannt war ich so oder so.

Während ich den Support Act Trentemøller absichtlich verpasste, um mich unter einem Baum – ja es regnete in Strömen – in Stimmung zu trinken, pilgerten die Menschenmassen ins vorübergehende Depeche Mode-Mekka. Es mag mein dezenter Rausch gewesen sein, aber mich erinnerten diese wuselnden Fans schon eher an Insekten, die wie paralysiert vom grellen Licht angezogen werden, als an Menschen, die auf ein Konzert gehen.

Eine Stunde, ein paar Bier und eine herrlich pseudo-intellektuell sinnlose Diskussion „warum es in einem Fußballstadion mehr Männer- als Frauenklos gibt“ später, schaffte auch ich es endlich zu meinem Platz. Ein Sitzplatz (wie unnötig), 11. Reihe und in Anbetracht des schönen Berliner Sommerwetters zum Glück überdacht. Kurz darauf betraten fünf dürre Gestalten die Bühne, die von meinem Standort aus eher kleinen Legomännchen glichen, als gestandenen Männern, die gleich ein Stadion rocken sollten.

„Welcome To My World“ schallt es mir und meinem nicht minder beduselten Konzert-Kumpanen plötzlich entgegen. So klingt Dave Gahan also live. Ziemlich beeindruckend, wenn man bedenkt, wie viel Scheiße der exzentrische Frontmann in seinem Leben schon erlebt hat (Ich erinnere an die eine oder andere drogenbedingte Nahtoderfahrung, einen Suizidversuch und eine erst kürzlich überstandene Krebserkrankung). Wie sehr sich das alles auch auf ihn ausgewirkt haben muss, seiner Stimme und seinem Körper hat das offensichtlich nicht geschadet. Im Gegenteil. Mr. Hüftschwung scheint fitter und stimmenstärker denn je zu sein.

Ob sich Depeche Mode überhaupt noch an ihre Anfangsjahre als No Name-Band erinnern können?

Im Laufe der ersten paar Songs, in denen sich Gahan demonstrativ cool im Gekreische seiner Langzeitfans suhlt, drängt sich mir zwangsläufig die Frage auf, ob sich Depeche Mode überhaupt noch an ihre Anfangsjahre als No Name-Band erinnern können? Vor mehr als dreißig Jahren, als Themen wie AIDS und der Ausbruch des ersten Golfkrieges in aller Munde waren und sich diese vier jungen britischen Ghetto-Kids aus Mangel an Alternativen zu einer Band zusammenschlossen und (zunächst) erfolglos Demobänder verschickten. Vermutlich hätte sich damals keiner von ihnen je erträumen lassen, dass sie mal Monate im Voraus ausverkaufte Stadientouren spielen würden. Dass sie mit ihren dreizehn Studioalben mehr als 100 (!) Millionen Platten verkaufen würden, was dazu führte, dass sie sich heute als eine der erfolgreichsten Bands der Welt bezeichnen dürfen.

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Mittlerweile scheinen sich die Musiker aber an ihren Stellenwert im Musikgeschäft gewöhnt zu haben. Zumindest wissen sie genau, wie sie mit ihren Fans und einem Fußballstadion umgehen müssen. Viel übertriebene Klatschanimationen und grenzwertiges Popogewackel á la Keith Richards seitens des Frontmanns inklusive. Naja…er ist halt Dave Gahan, er darf das anscheinend und die Masse scheint es nicht weiter zu stören –„because he can“ oder so ähnlich. Auch, dass viele Songs der neuen Platte Delta Machine wie extra für ein Stadion geschrieben wirken, scheint hier niemanden weiter zu beschäftigen. Man gibt sich hin, man tanzt, singt und akzeptiert den massentauglichen Sound und die einstudierte Attitüde Gahans. Nun gut, ich passte mich an und versuchte den etwas bitteren Beigeschmack der Massenabfertigung runter zu schlucken. Prost!

Wenn 66.000 Menschen „Enjoy The Silence“ zum Besten geben, ist das schon etwas Besonderes.

Das (für mich) erste Highlight dieses Abends war mit Sicherheit auch der erste Abgang Dave Gahans. Nein, nicht weil ich genug von ihm hatte, sondern, weil er für das eigentliche Mastermind hinter der Band Platz machte: Martin Gore. Mit zerronnener Schminke und einem betrübten Gesichtsausdruck steht die Goldlocke auf einmal ganz alleine inmitten der riesigen Bühne. Hätte Heinrich Böll seinem Romanheld aus „Ansichten eines Clowns“ ein Bild zugeschrieben, hätte es wohl so oder so ähnlich ausgesehen. So verloren, wie er da oben stand, hat es schon fast etwas Tragisches. Tragisch gut ist jedenfalls das, was wir dann zu hören bekamen. „Higher Love“, „Home“ und „But Not Tonight“ im strömenden Regen. Nur mit Gitarre und Gores ausdrucksstarker Stimme. Ein Sternenhimmel, der diesen fast schon kitschigen Moment perfekt gemacht hätte, wird durch massenweise leuchtende Smartphone-Kameras ersetzt. Naja…

http://www.youtube.com/watch?v=skCCOWQXWy0

Als sich Gore nach seinen „fünfzehn Minuten Ruhm“ wieder (und für meinen Geschmack viel zu schnell) in seine Ecke verzieht, braucht es nicht viel mehr, als die ersten paar Tackte des nächsten Songs, um die Masse zum Toben zu bringen. Da kann man sagen, was man will: Wenn 66.000 Menschen „Enjoy The Silence“ zum Besten geben, ist das schon etwas Besonderes. Wenn dann auch noch „Personal Jesus“ folgt, ist das Fanherz vollends zufrieden. Ein definitiv großer Abend, der auch durch die Stadionsituation und das Bewusstsein, dass alles, was diese Typen da auf der Bühne tun, genauestens einstudiert und in jeder Stadt gleich ist, nicht getrübt werden kann.

Ach ja, wer auch nach dem Konzert noch immer nicht genug von Depeche Mode kriegen kann: Die Depeche Mode Fan Exhibition ist noch bis 20. Juni in Berlin zu sehen.

Mariella