Der SLEAZE Plattenteller im Januar: Musik, Musik! Neue Musik! Und weil es jede Woche viel zu viel davon gibt und kein Schwein seine Zeit mit dem Lesen von ewig langem, poptheoretischen Pseudo-Gewäsch verschwenden möchte, machen wir es kurz, prägnant und knallhart!

Tattarattaaaaaa: Der SLEAZE Plattenteller 2016 im Januar Nr. 48 – Musikreviews

Diesmal mit Turbostaat, John Cale, Daughter, Get Well Soon, Sia und Ida Gard!

Turbostaat – Abalonia

Turbostaat - Abalonia

Turbostaat – Abalonia

Label: PIAS Germany
VÖ: 29.01.2016

Genre: Punk
Klingt wie: Die düstere Gegenwart

„Never judge a book by its cover.” Diesen klugen Satz könnte man durchaus auch auf Musik-Alben anwenden. Der Gebrauch des Konjunktivs und damit die leise Äußerung eines Widerspruches ist an dieser Stelle jedoch angebracht, denn das Cover des sechsten Turbostaat Werkes visualisiert die Grundstimmung des Langspielers sehr gut: Eine graue und düstere Atmosphäre ist ebenso omnipräsent wie die Neigung zur Verschwommenheit und zur Abstraktion.
Abalonia ist ein in sich stimmiges Werk. Die zehn Songs liefern eine homogene Handlung, deren Ablauf sich dem Hörer in verschiedenen Phasen darbietet. So ist der Eröffnungssong Ruperts Gruen ein Aufbruch/eine Flucht: „ Komm mit mir, wir bleiben nicht zum Sterben hier.“ „Alles ist besser als der Tod.“ Düstere Gedanken und ein Verurteilen sind auf Albalonia immanent: „Es tut nichts, es tötet. Es richtet ohne Scham. Auch Beweise sind nicht von Nöten.“ Die Flucht ist durch Trennung, Strapazen und dem Verfall in antiquierte Zustände geprägt: „Das Mittelalter bricht da wieder durch.“
Das finale Ziel des Aufbruchs ist letztendlich Abalonia (so auch der Name des letzten Stücks der Platte) – ein fiktiver und zugleich utopischer Ort, der jedoch ein besseres Leben verspricht und somit ein kleiner Lichtblickt in der Dunkelheit zu sein scheint.
Mit Abalonia ist den Nordlichtern von Turbostaat das Erzählen einer Geschichte gelungen – unverblümt und voller Leid. Der Hörer ist regelrecht dazu gezwungen, nachzudenken, da sich die Komplexität nicht völlig durch das erste Hören erschließt. Der Sound ist eine Mischung aus turbostaat-typischen rauen, direkten Klängen und poppigen Einschlägen. Vorherrschend sind die bedrückende Stimmung, der Tod und die strapaziöse Suche eines besseren Lebens.

(Stefan) 

8/10

John Cale – M: FANS (Music For A New Society)

John Cale - M:Fans

John Cale – M:Fans

Label: Domino Records (Goodtogo)
VÖ: 22.01.2016 Genre: Avantgarde-Rock

Genre: Digitaler Noise-Rock
Klingt wie: Musik für eine vergangene Gesellschaft

Der Albumtitel ist zeitlos, doch scheint er heute, mehr als 30 Jahre nach Erstveröffentlichung, durchaus prophetisch. Mit der darauf zu findenen Musik verhält es sich jedoch eher andersherum. Das muss man knallhart so sagen. Es ist kein Remix-Album geworden, da aus Samples der Originalsongs eigenständige Musikstücke erwachsen sind, die zwischen elektronischen Beats und Störgeräuschen pendeln. Digitaler Noise-Rock, irgendwie. Aber nicht nur, denn die Klagelieder des Originals, die größtenteils improvisiert und nach eigener Aussage in einem quälenden Arbeitsprozess entstanden sind, scheinen hier und da immer wieder durch. Eine Neudeutung, die eher als Kommentar zum Klassiker daherkommt, statt als eigenständiges Werk für eine neue Gesellschaft.

(Fred)

5/10

Daughter – Not To Disappear

Daughter - Not To Disappear

Daughter – Not To Disappear

Label: 4AD
VÖ: 15.01.16

Genre: Indie, Psychedelic Rock
Klingt wie: Musik zum summend von der Klippe springen

Wer nicht gerne leidet, sollte dieses Album meiden, denn es geht wie gewohnt durch Mark und Bein, nur dieses Mal nicht ganz so schmerzhaft wie beim letzten Album. Aber es ist auf jeden Fall wieder eine Platte zum unter der Bettdecke Mitweinen (nicht im Taxi oder HVV Bus). Ich kann dieses Album allen Selbstmitleid-Suhlern und In-Der-Ecke-Weinern wärmstens ans gebrochene Herz legen, für emotionale Wackelkandidaten ist es allerdings nicht zu empfehlen.
Fazit: Schön. Melancholisch. Gut. Und tut ein bisschen weh (the good kind of pain).
Obacht: Nur zu verzehren, wenn man psychisch gefestigt ist und all den Ballast aus den letzten 20 Jahren schon gut verarbeitet, verpackt oder gar entsorgt hat.

(Lana)

8/10

Get Well Soon – Love

Get Well Soon - Love

Get Well Soon – Love

Label: Caroline Records / Universal
VÖ: 29.01.2016

Genre: Indie
Klingt wie: Eine musikalische Beruhigungstablette

Jetzt schreibt und singt er also über Liebe. Und dann auch noch ein ganzes Album. Konstantin Gropper ist schon wirklich zu beneiden. Nicht nur, weil er  ein verdammt talentierter Musiker ist, der mal eben alle Instrumente dieser Erde beherrscht, sondern – und vor allem, weil er über das Thema aller Themen, weil er über das unantastbare Überthema der Kunst schreibt, als wäre es Omas 80. Geburtstag.“It’s love…and I can’t get rid of it“, singt der Mann aus Biberach und drückt damit so viel aus, wie andere in einem ganzen Roman. Ein Konzeptalbum über Liebe. Ein Wiederspruch in sich? Nicht für Get Well Soon. Auf dieser Platte finden sich elf bezaubernd schöne, tieftraurige und melancholische Songs, die sich im Grau der Winterzeit unglaublich wohlig warm anfühlen.

(Mariella)

8/10

Ida Gard – Womb

Ida Gard - Womb

Ida Gard – Womb

Label: Revolver Distribution Services
VÖ: 19.02.2016

Genre: Pop / Alternative / Singer-Songwriter
Klingt wie: Ein durch und durch gesunder Uterus  

Galt Ida Gard dank ihrer ersten beiden Alben als Dänemarks aufgehender Stern am Pophimmel, dürfte sie spätestens mit Erscheinen von „Womb“ zum Pophimmel-Inventar zählen. Dass „Womb“ mit Gebärmutter übersetzt wird, lässt sich nachschlagen. Nachhören hingegen lässt sich, dass Ida Gards (musikalischer) Uterus mal gutgelaunt, mal melancholisch, mal aufgedreht, mal resigniert, mal unnahbar, mal rotzig klingt –  in der Sache aber immer überzeugt und überzeugend. Irgendwas zwischen Frou Frou, The Kills, Stone Temple Pilots` „The Big Empty“, einem Atömström-Sampler und einer Spieluhr, wenn sie singen könnte.
Inspiriert sei das vom Heranwachsen, von Liebe und Freundschaft, von Identifikation und Zugehörigkeit, von Anführern und Mitläufern, von Auflehnung und Abenteuerlust erzählende „Womb“ vom schwedischen Erfolgsroman „Populärmusik aus Vittula“.
Wer ihn nicht kennt, hat nach Hören des Albums womöglich Laune, das nachzuholen. Wer ihn kennt, vermutlich Laune, das zu wiederholen – oder einfach nochmal „Womb“ laufen zu lassen.

(Anne)

8/10

 

Sia – This Is Acting

Sia – This Is Acting

Sia – This Is Acting

Label: Sony Music
VÖ: 29.01.2016

Genre: Pop
Klingt wie: ein Genexperiment aus Rihanna, Beyoncé und Adele

Och Sia ey, soll‘n der Scheiß? Das Album fängt wirklich toll an. „Bird Set Free“ macht Lust auf das neue Album und die vergeht mir endgültig, wenn ich „Cheap Thrills“ höre, das Sia eigentlich für Rihanna geschrieben hat. Diese nervigen Dancebeats, diese Samstagabendstimmung, das ist nicht die Art von Musik, die ich von einer Frau erwarte, die 2004 den großartigen Song „Breathe me“ geschrieben und gesungen hat.
Mir gefällt das Album nicht, es ist zu laut und anstrengend – für Sia.

Bevor ich weiter meckere, Schwamm drüber. Es gibt ja noch ihre älteren Alben.

(Yanah)

4/10