Jeder mag Musik.
Da vieles davon nicht mehr ganz so aktuell, aber weiterhin großartig ist, haben wir nun einen Grund gefunden, dennoch darüber schreiben zu können. Ab sofort stellen wir euch regelmäßig die Lieblingsalben eurer Lieblingskünstler vor. Kurz und knackig aufgelistet.
Jeder mag Listen.

Was ihr jetzt mit diesen Informationen anfangt, ob vielleicht jemand ein paar Bands neu für sich entdeckt, oder ob ihr da gleicher oder ganz anderer Meinung seid, bleibt voll und ganz euch selbst überlassen.

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„Take your pleasures seriously“ ist das Motto von NEWMEN aus Frankfurt.

 Und genau deshalb beschreiben die Jungs uns diese Woche ausführlich und mit Vergnügen ihre fünf Lieblingsplatten und erklären uns, welchen Einfluss diese Alben auf ihren unvergleichlichen Wave-Sound und ihr gerade veröffentlichtes Debütalbum RUSH HUSH haben. Denn NEWMEN sprühen förmlich vor Kreativität und Schaffensfreude und kreieren aus einer Mischung aus Elektronik und innigen Melodien musikalische Leichtigkeit zum mitschweben.

 

 

Neu! – Neu! 1 (1972)

Der Apache – Beat von Klaus Dinger verkuppelt in iterativer 4/4tel Sturheit hypnotisch die Massenkultur mit der Klangavantgarde – Warhol grüsst Stockhausen. Der zehnminütige Eröffnungs-Track beisst sich in der Lederbändel behängte, zuckend-gestikulierende Expressivität angelo-amerikanischer Hippie Musik, um Rhythmus und Gitarre neu(!) aufeinander krachen zu lassen. Noch nie zuvor wie in diesem rauschhaften Album wurde musikalische Innovation mit so wenig Mitteln, mit so viel Drive verbunden – Bye bye Virtuosität, Hallo Gallo Genialität!

R.L. Crutchfield’s Dark Day – Exterminating Angel

Wohl einer unserer wichtigsten Eindrücke des 80s LoFi, auch wenn diese Platte aus dem Jahre 1979 stammt. Seit wir „No Nothing Never“ das erste mal in einem Set von Ivan Smagghe hörten, merkten wir, welchen Intensität der Sound von Flanger und Tapedeck auch für unsere Produktion erzeugen kann. Und es hat uns persönlich auch gezeigt, was im Club sonst noch so möglich ist, noch bevor Veronica Vasicka ihre Minimal Wave Tapes Compilations zusammenstellte, Gerd Janson James Holdens skurrile Tapefünde auf Running Back restaurierte oder Mute Records Cabaret Voltaire Tribut zollte. Wir haben uns riesig gefreut, als eine Reissue von Exterminating Angel 2012 auf Dark Entries wieder verfügbar war.

Sonic Youth – Murray Street

Das erste SonicYouth Album des neuen Jahrtausend war ein Paradebeispiel dafür, welch wundervolle Musik entstehen kann, wenn Melodien auf die experimentelle Kraft der vier genialen New Yorker trifft. Für dieses Album fanden sich SY erstmals mit Jim O’Rourke zusammen, der das Album auch produzierte. Anders als bei den Vorgängeralben haben SY auf Murray Street die Leichtigkeit für sich entdeckt und wagen nur hier und da ihre typisch noisigen extatischen Ausbrüche. Eines jedoch macht diese Platte schnell verständlich: Melodien, die hängen bleiben wollen, entwickeln gerade dann eine ganz besonderen Reiz, wenn sie nicht genau da stattfinden wo man sie am ehesten erwarten würde. Murray Street ist ein klassischer „Grower“, entstanden unter der Eindrücken der Anschläge vom 11. September 2001, und gerade vielleicht deswegen in seiner Einfühlsamkeit und Ruhe eines der interessantesten Werke dieser Band.

Kraftwerk – Trans Europe Express (1977)

Und ewig kreist der TEE zwischen Wiener Cafes und Pariser Hotelbars. Der für die Platte neu entwickelte Synthorama Sequencer gibt in seinem glitzernden Stakatto den Sound um ohne Zwischenhalt in den europäischen Großstädten zu flanieren. Ein grossartiges Meisterwerk das die elektronische Musik nicht nur neu definierte sondern auch tanzbar machte. Nostalgie trifft auf Nüchternheit mit Fensterblick. Nicht in Übersee sondern in der miefigen Betonstadt Düsseldorf im musikalischen Kurzstreckentarifgebiet Deutschland wurde das wohl beste Kraftwerk Album geschaffen, in dessen „Spiegelhallen“ sich bis heute Generationen von Musikern spiegeln. Uns hat die Kombination aus innovativer Instrumentierung und romantischem Ausdruck bei dem Schaffungsprozess der RUSH HUSH zu glitzernden Sounds und iterativen Songstrukturen inspiriert.

In Utero – Nirvana

Die Gegenkultur von heute ist der Mainstream von morgen. Es macht den Anschein als hätte Cobain diesen Marktmechanismus bereits vor „Nevermind“ erkannt und mischte somit bewusst den Punk-Gestus mit Popelementen. Es trat ein: Nirvana erreicht ein Massenpublikum. Sie infizierten sich am Mainstream, um sich dann postwendend mit „In Utero“ schnell wieder eines belanglosen, normativen Mainstreams zu entledigen, dem sie nie angehörten. Sie spritzten sich ein Gegengift indem sie Ihre eigenen Symptome weiter und deutlicher nach außen stülpten als zuvor. ( „I’m my own parasite. I don’t need a host to live“). In Utero hat mehr Wut, mehr Depression, mehr Schizophrenie, mehr Transsexualität und ist somit mehr Gegenentwurf als die Musikindustrie tragen konnte. Das macht dieses Album zu einer zeitlosen Inspirationsquelle, von der auch wir bei der Entstehung von „Rush Hush“ zehrten. „Teenage Angst has paid off well“…