Noisolution wird 20 Jahre alt und feiert das am 11. April auch gebürtig. Wir feiern mit, doch bevor wir uns im Berliner Tiefgrund einfinden, wo Black Lung, Coogans Bluff und Hodja für die musikalische Unterhaltung des Abends sorgen werden, wollen wir ersteinmal mehr über Noisolution herausfinden.
Ihr sicher auch, deshalb haben wir uns Chef des Vereins – Arne Gesemann – zur Seite genommen und ausgefragt.

 

Solche Fragen sind oft sehr naheliegend und sollten daher vermeiden werden, anlässlich eines 20 Jährigen Jubiläums aber durchaus berechtigt:
Wie ging das Unterfangen „Noisolution“ damals los?

Ich bin da irgendwie einfach „reingewachsen“ und konnte mich nicht wehren. Ich habe mit ca. 15 angefangen, Tapes von Punkbands zu verkaufen, habe dann Singles veröffentlicht, Mailorder und Fanzines gemacht, selber Musik und bin dann als Praktikant bei einer Indie-Plattenfirma gelandet. Die haben mir irgendwann das Angebot gemacht hat, ein Label zu gründen. Das hat sich also irgendwie so ineinander gefügt und vom Kinderzimmer-Tape-Label zum „Profi-Label“ gesteigert. Nach Jahren als SubLabel habe ich die Rechte komplett abgekauft und Eigenständig weitergemacht. Bis heute…

 

Was gehört alles zu euren Aufgaben und was macht ein Labelboss den ganzen Tag?

Unser Praktikant meinte, ihm fehlt die „Romantik“, die er vorher hatte und es ist eben ein normales Büroleben. Dementsprechend ist eben auch alles „normal“ und man muss als kleine Firma eben auch alles selber machen, sonst geht gar nichts. Da gehört Küche und Bad sauber machen genauso dazu, wie die Druckertinte bestellen, Computer warten, Gema-Administration, Produkt-Herstellung, Künstler-Suche, Künstlerbetreuung, Promotion, Grafik, sogar die Homepage ist selbstgemacht … No Sleep till Brooklyn.

Plattenfirma, Konzert- und Promoagentur und trotzdem Untergrund. Wie vereinbart man die kommerziellen Aspekte mit Freigeist und der Liebe zur Musik?

Das muss man nicht vereinbaren, das ist der Motor für alles! Natürlich will man Geld mit der Arbeit verdienen, aber wie oben schon erwähnt, bin ich aus einer DIY Punkrock-Szene gekommen und da hat man das mit der Muttermilch aufgesogen. Ideale sind festgezurrt. Klar macht man auch Kompromisse, aber die sind vergleichsweise gering. Es geht um Musik.
Viel zu oft gehen Veröffentlichungen nach hinten los und rechnen sich nicht, aber wenn die Musik wirklich gut ist, habe ich dennoch das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein.

 

Welche Veränderungen brachte das Internet im Hinblick auf Arbeitsweisen usw. mit sich und hast du den Eindruck es hat die Arbeit erleichtert, oder doch eher erschwert?

Schwer zu sagen. Alles ist schneller geworden, oberflächiger, weniger Inhalte, weniger Werte, aber auch gleichzeitig hat es natürlich vieles erleichtert. Man kann günstiger produzieren, man ist schneller vernetzt und es gibt eine weltweite Kommunikation. Man muss die Veränderung einfach akzeptieren und darf auf keinen Fall in eine melancholische Verklärung der Vergangenheit geraten. Eine „früher war alles besser“-Einstellung wäre fatal.

Dass Musik durch die „digitale Welt“ an Wertigkeit verloren hat, glaube ich aber unabhängig davon schon. Musik ist zwar immer noch allgegenwärtig und für fast jeden wichtig. Aber dennoch ist Musik immer mehr zu einem Gratis-Gut geworden. Jederzeit und immer alles hören zu können, macht Musik leider immer mehr zu einem Wegwerfprodukt. Wenn früher jemand seine kleine, aber feine Schallplattensammlung beispielsweise bei einem Wasserschaden verloren hätte, wäre das ein persönliches Desaster für jeden Fan und Sammler. Wenn heute eine Festplatte mit 10.000 Songs abraucht, ist das völlig egal. Das holt man sich schnell wieder anderweitig zusammen. Den Werteverfall von Musik aufzuhalten, ist vielleicht die größte Aufgabe von kleinen Indies und Underground Bands.

Nach welchen Kriterien wertet ihr Demotapes aus?

Klar, das ist zunächst eine subjektive Entscheidung. Es muss irgendwie sofort gefallen. Wenn wir reinhören, muss es „zucken“ und Interesse wecken. Danach kann man versuchen, die „Bonuspunkte“ abzuklopfen und zu sehen, ob hinter der Musik auch eine Band oder ein Künstler steht, der „echt „ ist. Es geht bei Musik nicht ausschließlich nur um das, was wir hören, sondern auch das „Kopfkino“ gehört dazu: Image, Show, Glamour, Einstellung, Entertainment, Texte.
All das macht es am Ende doch aus und ich versuche das für mich herauszufiltern. Das ist wichtig, wenn man als Label so eine Entscheidung trifft und Zeit, Arbeit und Geld investiert. Sonst steht man schnell wieder ohne die Band da und hat hunderte von CD´s im Regal stehen.

Leider gelingt mir das nicht immer und ich falle oft auf die Musik herein.

 

Wie würdest du, als direkt Beteiligter, Berlins Musik- und Szenekultur beschreiben? Auch im Vergleich zu früher?

Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt kann und darf. Ich bewege mich ja auch stets nur in einem kleinen Teil dieser verschiedenen „Szenen“. Aber mir kommt es oft so vor, dass Berlins Musikszene sehr zerrissen und in unzählige Teile aufgespalten ist. Hier gibt es so viele Sub-Szenen, die getrennt voneinander, völlig anarchistisch und teils sich gegenseitig ignorierend, aber doch sehr lebendig und spannend Musik machen. Das ist gut so und aus meiner Sicht das Besondere.

Musik und Kunst darf nicht vom Senat und vom Staat und sonstigen Institutionen und Verbänden eingefangen und geordnet werden.

Schonmal eine Platte gekauft, für die du dich heute schämst?

Nein! Die peinliche Lieblingsplatte ist mir in der Tat erspart geblieben. Meine erste dunkle Erinnerung an Musik ist eine auf dem Oster-Jahrmarkt gekaufte „Best of..:“ Kassette von Johnny Cash. Bis heute einer meiner Lieblingskünstler. Und das eben lange, lange, lange bevor die „Hipster“ durch Rick Rubin auf ihn Aufmerksam wurden. Soll ich mich heute dafür schämen, nur weil die Johnny Cash T-Shirts bei C&A für zehn Euro auf dem Stapel liegen?

 

Ihr habt neben diesem Informationsgewinn auch noch die Chance 4×2 Tickets abzugreifen, wenn ihr uns eine Band aus dem musikalischen Genre des Noise nennen könnt.

Die richtige Antwort muss lediglich ihren Weg in das Postfach von geschenke@sleazemag.com finden und darf die Frist vom 10.04 um 12:00 nicht überschreiten.

SLEAZE wünscht vel Glück und für den Samstag viel Spaß!